Germanen

Deutsche Stämme

Deutsche Stämme, die 6 Hauptvölker in Deutschland im Jahre 476: Franken, Thüringer, Alemannen, Bayern, (Nieder-)Sachsen und Friesen.

Deutsche Stämme
Deutsche Stämme

Zur Entstehung des Deutschen Volkes finden wir in „Pierer’s Universal-Lexikon“ von 1858 folgende Aussage:

Als das Weströmische Reich im Jahre 476 zerfiel gab es in Deutschland 6 Hauptvölker:

  1. die Bojoarier (Bajuwaren, später Baiern) in Noricum, Vindelicien und Rhätien;
  2. die Thüringer, zwischen der Donau, der Elbe und dem Harze;
  3. die Alemannen an beiden Rheinufern, von der Lahn bis zum Jura, und in Schwaben;
  4. die Sachsen in Niedersachsen und Westfalen,
  5. die Friesen an der nördlichen Seite der Elbe und längs der Küste der Nordsee bis Holland,
  6. die Franken in Westfranken, Hessen und am Niederrhein und später am linken Rheinufer.
Völker Mitteleuropas nach 476
Völker Mitteleuropas nach 476

Seiner Herkunft nach ist das Deutsche Volk ein Mischvolk aus germanischen, keltischen und slawischen Bestandteilen. Die Mischung offenbart sich außer in den geografischen Namen, von denen sehr viele slawischen, manche keltischen Ursprungs sind, noch deutlich im Äußeren (blond und brünett, Schädelform) der heutigen Deutschen, in sprachlichen Beimengungen und in slawischen Sprachinseln (sächsische Lausitz, Spreewald).“ Aus „Die deutschen Stämme und ihr Anteil am Leben der Nation“, Thomas Lenschau 1923

Die Gliederung in Stämme zeigt sich in den deutschen Mundarten. Die keltischen Bestandteile sind besonders in Süd- und Südwestdeutschland und den Alpenländern, die slawischen östlich von Unstrut, der thüringischen Saale und Elbe ab, bis ins Wendland vertreten. Mindestens 20 Prozent der Deutschen haben slawische Wurzeln, vorrangig von Obotriten, Sorben, Milzener, Lusizer und Daleminzer. Die in Deutschland lebenden Slawen werden allgemein Wenden (Sorben) genannt.

Deutsche Stämme nach Sprachgebieten (1918)
Deutsche Stämme nach Sprachgebieten (1918)

Die Deutschen unterscheiden sich nach ihrer Sprache und gewissen Eigentümlichkeiten in:

  • Ober- oder Hochdeutsche wohnhaft in Süd- und Mitteldeutschland, Österreich-Ungarn und in der Schweiz.
    • Franken
    • Thüringer
    • Alemannen/Schwaben
    • Bayern
  • Nieder- oder Plattdeutsche wohnhaft in Norddeutschland.
    • Sachsen, heute Niedersachsen genannt:
      • Westfalen
      • Ostfalen
      • Engern
      • Nordalbinger
    • Friesen

Die Grenze zwischen Ober- und Niederdeutschen verläuft über Krefeld, Barmen, Kassel, den Harz, Lübben und Meseritz in Posen.

Deutsches Reich 2 Mark
Deutsches Reich Briefmarke 2 Mark mit symbolhafter Darstellung von Nord- und Süddeutschland

Franken

Die Franken, wahrscheinlich die „Freien“ bedeutend, sind ein germanischer Stamm, der um 250 n. Chr. eine Anzahl germanischer, der taciteischen Gruppe der Istävonen zugehöriger Völkerschaften am mittleren und niederen Rhein umfasste, von denen die Chamaven, Attuarier, Ampsivarier, Sigambrer und Salier die wichtigsten waren. Wenig später sonderte er sich in die beiden Hauptgruppen der Salier am Niederrhein und der Ripuarier am Mittelrhein mit Köln als Hauptstadt. Nachdem sie sich unter fortwährenden Kriegen mit den Römern und trotz mehrfacher Niederlagen um 290 der Bataver bemächtigt hatten, dehnten sie sich von hier aus über die Landschaft Toxandrien (jetzt Nordbrabant) aus. Im Jahr 358 wurden sie hier zwar vom Kaiser Julian unterworfen, aber in ihren Wohnsitzen belassen und mussten nur Hilfstruppen zum römischen Heere stellen. Das Verhältnis der Abhängigkeit dauerte bis zum Anfang des 5. Jahrhunderts. Sprachgeschichtlich bezeichnet man mit Niederfranken die Bewohner jenes Gebietes, dem die eigentlichen Niederlande, Kleve und Geldern zuzurechnen sind. Die benachbarte Stufe im Übergange von diesen Niederdeutschen zu den Mittel- und Hochdeutschen bilden die Mittelfranken am Niederrhein mit ihren sprachlich voneinander leicht abweichenden Hauptsitzen Köln, Trier, Luxemburg und Lüttich. Oberfranken heißen alle Franken, die am Obermain (Ostfranken), am Mittelmain (Westfranken), an der oberen Werra (Henneberg) und an der Rhön, sowie zwischen Unterrhein und Lahn, in den Gegenden von Frankfurt, Mainz, Darmstadt und der Pfalz sitzen.

Die Franken leben heute im westlichen NRW (Nordrheinland), Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hessen, Nordbayern und im südlichen Thüringen, sowie in den Niederlanden und Nordbelgien (Flamen).

Karte der Deutschen Mundarten von Dr. Emil Maurmann
Karte der Deutschen Mundarten von Dr. Emil Maurmann

Thüringer

Der Stamm der Thüringer, Nachkommen der Hermunduren, wird seit 450 n. Chr. genannt. Um 500 bestand ein großes Thüringerreich, das sich nördlich bis in den Harz, südlich bis zur Donau erstreckte und von Irminfrid, dem Schwiegersohn Theoderichs d. Gr., beherrscht wurde. Vom Frankenkönig Theuderich zweimal im Kampfe besiegt, verlor Irminfrid Reich und Leben, während die Franken nicht nur über die Thüringer, sondern auch über die zwischen Mittelelbe und Harz sitzenden Angeln und Wariner die Oberhoheit errangen. Durch das Vordringen von Sachsen, Ansiedelung von Schwaben, Friesen und Franken wurde das Stammesgebiet der Thüringer verkleinert. Ihre Bekehrung zum Christentum gelang um 725 Bonifatius, der das erste Kloster im Lande zu Ohrdruf gründete. Unterdessen war Thüringen erneut unter fränkische Herrschaft geraten, und Pippin ließ die 10 Gaue durch Grafen verwalten. Karl d. Gr. aber gründete um 804 gegen die Sorben die thüringische Mark (das heutige Sachsen), deren Vorsteher später Markherzöge (duces Sorabici limitis) genannt wurden. Als das Karolingerreich verfiel, errangen nach 908 die Herzöge von Sachsen die Oberhoheit über Thüringen, unter den Ottonen die Markgrafen von Meißen, zu deren Verwaltungsbereich es bis 1067 gehörte. Kirchlich war Thüringen unmittelbar vom Erzbistum Mainz abhängig.

Die Thüringer leben heute in Thüringen (nördlich des Rennsteiges), in Sachsen, im südlichen Sachsen-Anhalt und früher bis nach Schlesien und Nordböhmen rein.

Karte der Deutschen Mundarten um 1900
Karte der Deutschen Mundarten um 1900

Alemannen, Schwaben

Alemannen (Alemanni, besser Alamanni) sind eine Vereinigung germanischer Stämme und Stammessplitter. Sie vertrieben die Römer aus ihren Besitzungen am oberen Rhein und an der oberen Donau. 213 erfocht Kaiser Caracalla über sie am Oberrhein einen Sieg; 234, unter dem Kaiser Alexander Severus, fielen sie von neuem in das Zehntland ein und wurden erst 236 von Maximinus über die Grenze zurückgetrieben. Aber schon 253 überschritten sie, 300.000 Mann stark, den Rhein, zogen plündernd durch Gallien und über die Alpen und drangen bis Mailand vor. Kaiser Gallienus trieb sie zurück, konnte aber die Ansiedelung alemannischer Scharen am Oberrhein nicht hindern. 270 brachen sie, mit Markomannen vereint, abermals in Italien ein, schlugen den Kaiser Aurelianus bei Mailand und Piacenza, wurden aber schließlich 271 bei Fano und Pavia besiegt. Probus jagte sie 275 über die Schwäbische Alb und den Neckar zurück und suchte die Grenze durch Lager und feste Werke zu sichern; aber gleich nach seinem Tode (282) fiel 283 das Land diesseits des Rheins, der nunmehr Grenze wurde, und westlich von der Iller wieder in die Hände der Alemannen. Constantius errang über die Alemannen zwei Siege bei Langres und Vindonissa. Selbst des Julianus großer Sieg bei Straßburg (357) hatte eben sowenig die erwarteten dauernden Folgen wie die Siege der Kaiser Valentinian (368 bei Solicinium im Schwarzwald) und Gratian (378 bei Argentaria in der Nähe von Colmar). Seit der Mitte des 5. Jahrhunderts waren die Alemannen im Besitz des Maingebiets, Schwabens, der Schweiz und des Elsaß. Als sie nördlich in das Land der ripuarischen Franken eindringen wollten, besiegte sie der Frankenkönig Chlodwig 496 im oberen Elsaß, entriss ihnen das Maingebiet und unterwarf sie der fränkischen Oberhoheit. Ein Teil der Alemannen floh und erhielt von dem Ostgotenkönig Theoderich Wohnsitze in Rätien, von wo aus sie 553 einen verheerenden Einfall in Italien machten. Beim Verfall der Dynastie der Karolinger entstand ein Herzogtum Alemannien, das, von Burkhard gestiftet, im 10. und 11. Jahrhundert bedeutend war, aber 1096 unter die Häuser Staufen und Zähringen geteilt wurde. Die Zähringer erhielten Thurgau, Zürichgau, Aargau und Burgund, die Staufer das eigentliche Schwabenland oder den ostrheinischen Teil Alemanniens. Letzteres hieß seitdem allein Alemannien, später Schwaben.

Die Schwaben/Alemannen leben heute in BadenWürttemberg, im Elsaß, der Deutsch-Schweiz, Liechtenstein, in Vorarlberg und im südwestlichen Bayern.

Deutschland vor der ersten westgermanischen Wanderung
Deutschland vor der ersten westgermanischen Wanderung

Bayern

Die genaue Herkunft der Bayern („die Findelkinder der Völkerwanderung“) liegt im Dunkeln. Nach einer verbreiteten Theorie entstanden sie aus im Land gebliebenen Römern, keltischer Urbevölkerung (Bojern) und zugewanderten Germanen (Langobarden, Thüringern, Alemannen und Rudiern). Die früheste geschichtlich nachweisbare Bevölkerung des Landes bildeten die keltischen Vindelizier; sie wohnten zwischen Bodensee und Inn, Alpen und Donau; ihre Städte waren Brigantium (Bregenz), Campodunum (Kempten), Bojodurum (die Innstadt von Passau), Sorbiodurum (Straubing) u. a. Sie wurden 15 v. Chr. von den Römern unterworfen, welche die Kolonien Augusta Vindelicorum (Augsburg), Regina Castra (Regensburg) und Castra Batava (Passau) gründeten. Das Land wurde mit dem der Rätier zur Provinz Rätia gemacht und hieß im 4. und 5. Jahrhundert Raetia secunda. Römische Kultur und Sprache wurden heimisch. Während der sogenannten Völkerwanderung besetzten die germanischen Markomannen und Quaden, die von ihrem bisherigen Wohnsitz, dem alten Bojerland Boihaemum (Böhmen), den Namen Bajovarii oder Baiwaren angenommen hatten, Noricum und Rätien, während der Teil westlich vom Lech in die Gewalt der Alemannen geriet; die Baiwaren wohnten vom Fichtelgebirge bis an die Hochalpen, vom Lech bis nach Kärnten und Steiermark und unterstanden Herzögen (oder Königen), die bald von dem fränkischen Reich abhängig wurden.

Die Bayern bewohnen den Süden Bayerns, den Südwesten Böhmens, den Norden und Süden Mährens, ganz Oberösterreich, Niederösterreich, Salzburg, Kärnten, den Norden der Steiermark, den größten Teil Tirols, den Westen und verschiedene Sprachinseln im Süden Ungarns.

Die Bayern leben heute im Südosten Bayerns, Österreich (mit Ausnahme Vorarlbergs) und Südtirol und früher in West- und Südböhmen.

Deutschland vor der zweiten (der ostgermanischen) Wanderung
Deutschland vor der zweiten (der ostgermanischen) Wanderung

Sachsen (Niedersachsen)

Die die sich heute Sachsen nennen sind keine Sachsen, sondern Nachfahren der Thüringer, Franken und slawischer Sorben. Die echten Sachsen, heute nur noch Niedersachsen und Westfalen genannt, sind ein germanischer Volksstamm der nach Widukind seinen Namen von seiner Lieblingswaffe sahs (spr. sachs, Steinmesser, Schwert, stammverwandt mit lateinisch saxum) erhalten hat. Sie werden zuerst bei Ptolemäus um 150 n. Chr. erwähnt; damals saßen sie in der nordalbingischen Halbinsel an der dithmarsischen Küste. Dann erscheinen sie erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts wieder, nunmehr aber erweitert zu einem Völkerbund, in dem Chauken, Marsen, Cherusker und Angrivarier ausgegangen sind; mit ihrer Hilfe bemächtigte sich 287 der Menapier Carausius Britanniens. In Gemeinschaft mit den Angeln setzten sie sich um 450 auf dieser von den Römern verlassenen Insel fest. Um diese Zeit beunruhigten sie als Seeräuber die Küsten Galliens, bis die Gründung des Frankenreiches ihrem weitern Vordringen nach Westen einen Riegel vorschob. Seitdem begannen die fast ununterbrochenen Grenzkämpfe der Sachsen mit den Franken. Damals reichte ihr Siedelungsgebiet von der Eider über die Inseln vor der Elbmündung (Insulae Saxonum) bis an den Rhein und die Sieg. Nach Abzug der Langobarden nahmen sie auch deren Gebiet in Besitz. Für die den Merowingern Theuderich und Chlotar gegen das Thüringerreich geleistete Hilfe bekamen sie den nördlichen Teil Thüringens, wurden aber hier den Franken zinspflichtig. Erst im 8. Jahrhundert gliedern sie sich nach ihren Wohnsitzen in Engern, die Anwohner der Weserufer, Westfalen, Ostfalen und Nordalbingier auf. Sie bildeten keine politische Einheit, sondern freie Volksgemeinden und Gaugenossenschaften unter gewählten Vorstehern, verbunden lediglich durch völkerrechtliche Verträge und Opfergemeinschaft. Nur in Kriegszeiten stellten sie sich unter die Führung eines Herzogs. Das Volk gliedert sich, abgesehen von den Leibeigenen, in drei Stände, Edelinge, Frilinge und Liten. Die hervorragende Bedeutung des Adels beruhte auf seiner Herrschaft über die Liten, d.h. die persönlich freien, aber abgabenpflichtigen Leute, die das grundherrliche Land bebauten; der Ackerbau gab der sächsischen Kultur das ihr eigene Gepräge.

Die echten Sachsen, heute nur noch Niedersachsen genannt, leben über ganz Norddeutschland im östlichen NRW (Westfalen), Niedersachsen, Schleswig-Holstein, nördliches Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, im nördlichen Brandenburg.

Völkerkarte von Mittel- und Südosteuropa um das Jahr 1900
Völkerkarte von Mittel- und Südosteuropa um das Jahr 1900

Friesen

Friesen (Frisii, Frisones, in ihrer eignen Sprache Frisan) sind der Name eines germanischen Volksstammes, der, als die Römer ins Land kamen, im nordwestlichen Germanien an der Nordseeküste zwischen Rhein und Ems wohnte. Die Friesen, ein emsiges, auf die Ausbeutung des Meeres wie auf Viehzucht und Ackerbau bedachtes Volk, wurden von Drusus bei seiner Fahrt an der nordwestlichen Küste Deutschlands den Römern zinspflichtig gemacht und leisteten diesem wie Germanicus bei deren Unternehmungen in Deutschland großen Vorschub. Infolge der durch den Centurio Olennius bei Eintreibung des Tributs verübten Gewalttätigkeiten empörten sie sich 28 n. Chr., wurden 47 von neuem unterworfen, werden aber nach 58 nur gelegentlich als kühne Seeräuber genannt; Teile des Stammes gründeten neben Angeln und Sachsen in Britannien Niederlassungen. Im frühen Mittelalter erstreckt sich Friesland an der Nordseeküste von dem Fluss Sincfala im Westen (dem heutigen Flüsschen Het Zwin, das nördlich von Sluys mündet) bis zur Weser im Osten und gliedert sich in drei Teile: Westfriesland (die heutigen Provinzen Seeland, Süd- und Nordholland und einen Teil von Utrecht), Mittelfriesland (die heutige Provinz Friesland) und Ostfriesland (die heutige holländische Provinz Groningen, das preußische Ostfriesland und ein Teil von Oldenburg). Außerdem gibt es an der Westküste Schleswigs von der Eider bis Tondern und auf den vorliegenden Inseln Nordstrand, Föhr, Sylt u. a. Nord- oder Strandfriesen.

Die Friesen leben heute in Nordholland, Friesland, an der Westküste Schleswigs und den Inseln Nordstrand, Föhr, Sylt.

Quellenhinweise:

  • „Meyers Konversations-Lexikon“ 5. Auflage in 17 Bänden 1893 – 1897
  • „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ 6. Auflage in 24 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1906 – 1908
  • „Meyers Kleines Konversations-Lexikon“, 7. Auflage in 6 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig und Wien 1908
  • „Die deutschen Stämme und ihr Anteil am Leben der Nation“, Thomas Lenschau, 1923

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