Fürstentum Reuß ältere Linie

Haupt- und Residenzstadt Greiz

Greiz, Fürstliches Residenzschloss mit Kaiser Wilhelm-Denkmal und Heinrichsbrücke
Fürstentum Reuß ältere Linie: Greiz, Fürstliches Residenzschloss mit Kaiser Wilhelm-Denkmal und Heinrichsbrücke

Fürstentum Reuß ältere Linie 1790 – 1918

Reuß sind zwei souveräne deutsche Fürstentümer: Reuß ältere Linie (Reuß-Greiz) und Reuß jüngere Linie (Reuß-Schleiz-Gera), deren Gebiet aus zwei getrennten Teilen besteht, wovon der nördliche (Unterland) an den preußischen Regierungsbezirk Merseburg, das Herzogtum Sachsen-Altenburg und das Großherzogtum Sachsen-Weimar grenzt, während der größere südliche Teil (Oberland) von Schwarzburg-Rudolstadt, dem preußischen Kreis Ranis, dem Großherzogtum Sachsen-Weimar, dem Königreich Sachsen, Bayern (Oberfranken) und dem Herzogtum Sachsen-Meiningen eingeschlossen wird.

Im allgemeinen ist das Land gebirgig, indem es von einem Teil des Thüringer Waldes (dem sogenannten Frankenwald) sowie von einem Teil des zwischen diesem und dem Erzgebirge befindlichen vogtländischen Mittelgebirges durchzogen wird. Die bedeutendsten Spitzen sind: der Sieglitz (747 m) und der Kulm (779 m). Die Hauptgewässer sind: die Saale mit der Selbitz, Lemnitz, Friesau, Wetterau und Sormitz im westlichen und die Weiße Elster mit der Göltzsch im östlichen Teile des Landes. An der südlichen Grenze entspringt die Rodach, die zum Main geht. Das Oberland führt an zahlreichen Punkten Stahlquellen, von denen die in der Nähe von Lobenstein gefasst sind und Anlass zu der Begründung der dortigen Bade- und Heilanstalt gaben. Das Klima ist gemäßigt, um den Frankenwald etwas rau, in den Gegenden an der Saale und um Gera weit milder.

Fürstentum Reuß ältere Linie, Landkarte
Fürstentum Reuß ältere Linie, Landkarte

Die Fürstentümer Reuß haben einen Flächeninhalt von 1143,01 km² mit (1905) 215.187 Einwohner, wovon auf Reuß ältere Linie 316,3 km² mit 70.603 Einwohner, auf Reuß jüngere Linie 826,71 km² mit 144.584 Einwohner kommen. Reuß ältere Linie zählt 2 Städte, 2 Marktflecken und 71 Dörfer, Reuß jüngere Linie 6 Städte, 4 Marktflecken und 163 Dörfer. Städte mit über 10.000 Einwohner sind Greiz (23.118) und Gera (46.909). 1905 waren von den Einwohnern 209.189 evangelisch, 4011 katholisch, 1613 andere Christen, 344 Juden und 30 anderen Bekenntnisses. In Ebersdorf besteht eine Herrnhutergemeinde von 150 Seelen. Die Volksbildung steht auf hoher Stufe. Es bestehen in den Fürstentümern außer guten Volksschulen 2 Seminare (Schleiz und Greiz), 3 Gymnasien (Gera, Greiz und Schleiz), ein Realgymnasium, 2 höhere Töchterschulen, eine Handelsschule (Gera), eine Bauschule und eine Taubstummenanstalt (Schleiz), eine landwirtschaftliche Lehranstalt (Köstritz) und verschiedene Privatlehranstalten.

Wappen:

Das Wappen beider Fürstentümer hat vier Felder, in deren erstem und viertem ein rot gekrönter, goldener, doppelt geschwänzter Löwe in Schwarz (wegen Reuß), in deren zweitem und drittem ein goldener Kranich in Silber (wegen Kranichfeld); der Schild ist mit drei Helmen bedeckt und wird von zwei Löwen gehalten, die bei Reuß ältere Linie golden, bei Reuß jüngere Linie schwarz-silbern sind. Die Devise, auf blauem Bande, lautet: „Ich bau auf Gott„.

Fürstentum Reuß ältere Linie, Wappen
Fürstentum Reuß ältere Linie, Wappen

Landesfarben:

Schwarz, Rot und Gelb

Fürstentum Reuß ältere Linie, Landesfarben
Fürstentum Reuß ältere Linie, Landesfarben

Bundesrat:

1 Stimme

Reichstag:

1 Wahlkreis und 1 Abgeordneter

Landesparlament:

12 Abgeordnete, von denen 3 vom Landesherren ernannt, die übrigen als Vertreter des Großgrundbesitzes (2) direkt, der Städte (3) und Landgemeinden (4) indirekt auf sechs Jahre gewählt werden.

Haupt- und Residenzstadt:

Greiz – 23.114 Einwohner (1905) – 191. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs. Die Stadt Greiz entstand als deutsche Burg im slawischen Umland.

Größe:

316,7 km²

Gerichtsorganisation (1881):

Für Thüringen besteht ein gemeinsames Oberlandesgericht in Jena.  Das Fürstentum hat ein Landesgericht in Greiz und Amtsgerichte in Burgk, Greiz und Zeulenroda.

Einwohner:

  • 1871: 45.094
  • 1875: 46.985
  • 1880: 50.782
  • 1885: 55.904
  • 1900: 68.396
  • 1905: 70.590

Klima:

Mild

Gewässer:

Von der Elster durchflossen.

Bewohner:

Ursprünglich slawische Sorben, spätere Einwanderung von thüringischen und fränkischen Siedlern.

Bevölkerungsdichte:

222,9/km²

Religionen: 1905 für beide reußischen Fürstentümer

  • 209.189 Evangelische
  •     4011 Römisch-katholische
  •     1613 sonstige Christen
  •       344 Juden
  •        30 andere Bekenntnisse

In Ebersdorf besteht eine Herrnhutergemeinde von 150 Seelen

Militär 1881:

Das Fürstentum Reuß ältere Linie gehört zum Ersatzbezirk des IV. Armeekorps.1905: In militärischer Hinsicht bilden die Truppen der beiden Reuß mit denen von Schwarzburg-Rudolstadt das 7. thüringische Infanterieregiment Nr. 96, das der 38. Division des 11. preußischen Armeekorps (Kassel) zugewiesen ist. In Gera befindet sich der Regimentsstab und außerdem ist dort ein Bataillon dieses Regiments stationiert, von dem allmonatlich ein kleines Detachement (Truppenabteilung) nach Greiz abgeschickt wird.Wirtschaft: Die reußischen Fürstentümer gehören zu den industriereichsten Gebieten Deutschland – Strumpfwirkindustrie, Tischlerhandwerk und Gummi- und Strickwarenfabrik. Obgleich die reußischen Lande wegen ihrer gebirgigen Beschaffenheit die Landwirtschaft nicht zu begünstigen scheinen, so wird diese doch mit großer Sorgfalt betrieben.

Postwesen und Briefmarken:

Gemäß der Aufstellung der Generalverordnung vom 30. Dezember 1861 besorgte die Thurn und Taxissche Post auf Grund von Beschlüssen des Wiener Kongresses (1815) den Postdienst bis zum 30. Juni 1867 im Fürstentum Reuß ältere Linie. Ab 01. Juli 1867 übernahm die preußische Post den Postdienst. Das gesamte preußische Postwesen ging am 1. Januar 1868 auf den Norddeutschen Bund (Norddeutscher Postbezirk) über. Die Reichsverfassung vom 16. April 1871 bestimmte u.a. dass die unmittelbare Posthoheit, mit Ausnahme des inneren Verkehrs im Königreich Bayern und im Königreich Württemberg, dem Deutschen Reich zusteht.

Währungen und Münzen:

  • bis 1875: 1 Taler = 30 Groschen = 360 Pfennige
  • ab 1875: 1 Mark = 100 Pfennig

Regenten:

Fürsten von Reuß ältere Linie 1790 – 1918
regierendes Fürstenhaus: Ahnherr Erkenbert von Weida (um 1120), Stammvater Heinrich (geb. 1506)

  • 1743 – 1800 Heinrich XI. (1722 – 1800)
  • 1800 – 1817 Heinrich XIII. (1747 – 1817)
  • 1817 – 1836 Heinrich XIX. (1790 – 1836)
  • 1836 – 1859 Heinrich XX. (1794 – 1859)
  • 1859 – 1867 vormundschaftlich: Caroline von Hessen-Homburg (1819 – 1872)
  • 1867 – 1902 Heinrich XXII. (1846 – 1902)
  • 1902 – 1918 Heinrich XXIV. (1878 – 1927), (einziger Sohn Heinrich XXII. war infolge eines Unfalls regierungsunfähig)

Regentschaft durch:

  • 1902 – 1908 Heinrich XIV. j.L. (1832–1913)
  • 1908 – 1918 Heinrich XXVII. j.L. Erbprinz, Regent und (seit 1913) Fürst j. L. (1858–1928)

Heinrich XXII. Fürst zu Reuß ältere Linie galt unter den deutschen Bundesfürsten als größter Kritiker und Widersacher Kaisers Wilhelms II. Als besondere Ironie der Geschichte wurde ausgerechnet seine Tochter Hermine 1922 die zweite Ehefrau Wilhelms.

 

Administrative Gliederung:

Das Fürstentum Reuß ältere Linie hat ein Landratsamt für das gesamte Land und zwei Stadtverwaltungen.
Das Fürstentum Reuß ältere Linie, 316,7 km² groß, besteht aus 2 Städten, 2 Marktflecken und 71 Dörfern: Stadt Greiz und Stadt Zeulenroda, sowie die Gemeinden Altgernsdorf, Altgommla, Arnsgrün, Bernsgrün, Brückla, Büna, Burgk, Caselwitz, Cossengrün, Crispendorf, Daßlitz, Dobia, Dölau (Döhlau), Dörflas, Erbengrün, Eubenberg, Fraureuth, Friesau, Fröbersgrün, Frotschau, Gablau, Görschnitz (nur teilweise zu Reuß älterer Linie, der andere Teil gehört zum Königreich Sachsen), Gottesgrün, Grochwitz, Hain, Hainsberg, Herrmannsgrün, Hohenölsen (nur teilweise zu Reuß älterer Linie, der andere Teil gehört zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach), Hohndorf, Irchwitz, Kahmer, Kauern, Kleinreinsdorf, Kühdorf, Kurtschau, Leiningen, Lunzig, Mehla, Mohlsdorf, Mönchgrün, Möschlitz, Moschwitz, Naitschau, Neudörfel, Neugernsdorf, Neugommla, Neundorf, Nitschareuth, Obergrochlitz, Pahnstangen, Plothen (nur teilweise zu Reuß älterer Linie, der andere Teil gehört zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach) , Pohlitz, Pöllwitz (nur teilweise zu Reuß älterer Linie, der andere Teil gehört zum Fürstentum Reuß jüngerer Linie), Raasdorf, Rauschengesees, Reinsdorf, Remptendorf, Reudnitz, Röppisch, Rothenthal, Sachswitz, Schönbach, Schönbrunn, Schönfeld, Sorge (nur teilweise zu Reuß älterer Linie, der andere Teil gehört zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach), Tschirma, Untergrochlitz, Waltersdorf, Wellsdorf, Wildetaube, Wolfshain, Zoghaus, Zoppoten

Der Freistaat Thüringen aktuell:

Der heutige Freistaat Thüringen mit der Landeshauptstadt Erfurt besteht aus

  • dem ehemaligen Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, ohne die Exklave Ostheim (1945 an Bayern)
  • dem ehemaligen Herzogtum Sachsen-Meiningen
  • dem ehemaligen Herzogtum Sachsen-Altenburg, ohne die Exklave Russdorf (1928 per Staatsvertrag an Sachsen)
  • dem ehemaligen Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha, ohne Coburg (1920 nach einer Volksabstimmung an Bayern)
  • dem ehemaligen Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen
  • dem ehemaligen Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt
  • dem ehemaligen Fürstentum Reuß ältere Linie
  • dem ehemaligen Fürstentum Reuß jüngere Linie
  • dem Kreis Ilfeld der ehemaligen preußischen Provinz Hannover (seit 1932)
  • dem Regierungsbezirk Erfurt der ehemaligen Provinz Sachsen (seit 1944)
  • dem Kreis Schmalkalden der ehemaligen preußischen Provinz Hessen-Nassau (seit 1944)

Geschichte

Ahnherr des Hauses Reuß ist Erkenbert, Herr von Weida (um 1122). Der deutsche Kaiser Heinrich VI., nach dem die männlichen Nachkommen angeblich den Namen Heinrich führen, verlieh dem Hause die Reichsvogteien Plauen (1569 an Kursachsen), Weida (1411 an Meißen) und Gera. Heinrich, Vogt von Plauen (gestorben vor 1296), erhielt infolge seiner Heirat mit der Tochter einer russischen Fürstin den Beinamen „Reuß“ (deutsches Wort für Russe), der seinen Nachkommen bliebDie Vorfahren des reußischen Fürstenhauses waren im 12. Jahrhundert kaiserliche Vögte im Sorbenland (Vogtland) und wurden allmählich selbstständig. Ihr Gebiet war einst erheblich größer und umfasste auch Plauen und Hof mit. 1564 teilten die Reußen ihr Herrschaftsgebiet in die Linien Obergreiz – mittlere Linie Reuß, in Untergreiz – ältere Linie Reuß und in Gera – jüngere Linie. Im Jahre 1616 starb die mittlere Linie Reuß aus und deren Gebiet wurde auf die beiden anderen Linien aufgeteilt. 1778 erfolgte die Ernennung zum Reichsfürsten für Reuß ältere Linie und 1790 bzw. 1806 für die Vertreter von Reuß jüngerer Linie. Alle Fürsten und Prinzen des Hauses Reuß führen den Namen Heinrich, wobei die ältere Linie alle hintereinander bis hundert, die jüngere bis zum Ende eines Jahrhunderts fortzählt und dann von vorne anfängt. Im Aussterben der einen Linie fällt das Land an die andere. 1802 legte ein verheerender Brand die Stadt Greiz in Schutt und Asche. Fürst Heinrich XXII. stand bis 1867 unter Vormundschaft seiner Mutter Caroline von Hessen. Sie war streng konservativ gesinnt und entschied sich im Deutschen Krieg von 1866 gegen Preußen. Preußen okkupierte daraufhin das kleine Fürstentum und erst am 26. September 1866 schloss Caroline Frieden mit Preußen. Das Land musste 100.000 Taler Kriegsstrafe zahlen und dem Norddeutschen Bund beitreten. Heinrich XXII. führte bei seinem Regierungsantritt eine neue ständische Volksvertretung mit allerdings wenig weitgreifender Mitwirkung bei der Finanzverwaltung und Gesetzgebung ein. Am 1. Juli 1867 ging die Militärhoheit im Fürstentum an Preußen über, 1871 wurde Reuß ältere Linie Bundesstaat des Deutschen Reiches. Nichtsdestoweniger trug der Fürst seine Abneigung gegen Preußen und das neue Reich offen zur Schau und brachte dies auch in seinen Handlungen, wo er nur konnte, zum Ausdruck. Da sein Sohn und rechtmäßiger Thronerbe Heinrich XXIV. (geb. 1878) infolge eines Unfalls im Kindesalter behindert ist und somit zur Regierung nicht fähig, wurde 1902 eine Regentschaft eingesetzt, zu deren Führung der regierende Fürst von Reuß jüngere Linie, Heinrich XIV., als nächster volljähriger Verwandter des fürstlichen Gesamthauses berufen war. Der Regent stellte mit Ablauf des Jahres 1902 das Erscheinen der reichsfeindlichen „Landeszeitung für das Fürstentum Reuß ältere Linie“ ein und hob ein Verbot aus dem Jahr 1855, welches die Bildung politischer Vereine vollständig verbot, auf. Der gemeinschaftliche stellvertretende Bevollmächtigte der thüringischen Staaten beim Bundesrat in der Reichshauptstadt Berlin wurde auch vom Regenten für Reuß ältere Linie für dieses Fürstentum bevollmächtigt. 1905 wurde ein Lotterievertrag mit Preußen geschlossen, zuvor gehörte das Fürstentum dem hessisch-thüringischen Lotterieverband an. Dem seit 11. Juli 1867 regierenden Fürsten Heinrich XIV. Reuß jüngere Linie folgte am 29. März 1913 sein Sohn Heinrich XXVII. Reuß jüngere Linie als letzter reußischer Fürst.

 

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