Weimar

Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach

Weimar 31.121 Einwohner – 1905 = 129. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Weimar, Markt und Rathaus
Weimar, Markt und Rathaus

Neben der Stadt Weimar, Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach existiert im Deutschen Reich (Kaiserreich):

  • Weimar (Bz. Kassel), ein Dorf im Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Landkreis und Amtsgericht Kassel mit 1281 Einwohnern.

 

Weimar

Weimar ist die Haupt- und Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, liegt an der Ilm und 212 Meter über dem Meer. Die Stadt ist Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Bebra-Weißenfels und Weimar-Gera und der Eisenbahnen Weimar-Kranichfeld und Weimar-Rastenberg. Das bemerkenswerteste Gebäude ist das großherzogliche Residenzschloss, ein nach dem Brand von 1774 in den Jahren 1790–1803 ausgeführtes Bauwerk. Es enthält unter anderen Sehenswürdigkeiten das Zimmer des Herzogs Bernhard, die Goethe, Schiller, Herder und Wieland gewidmeten, mit trefflichen, auf deren Dichtungen bezüglichen Freskogemälden von Neher, Preller und Jäger geschmückten vier „Dichterzimmer“ etc. Vor dem Schloss zieht sich der reizende Park hin, in dem sich das Römische Haus, das Tempelherrenhaus, das Liszt- und das Shakespearedenkmal und viele durch die Erinnerung an Goethe geweihte Stellen befinden.

Jenseits der Ilm, in der Nähe des Parks, liegt Goethes Gartenhaus. Andere bemerkenswerte Gebäude sind das 1574 erbaute Rote Schloss, jetzt Sitz von Verwaltungsbehörden; das durch den Gleichenschen Hof mit diesem verbundene Gelbe Schloss, der Sitz des Finanzdepartements; das Grüne Schloss, in dem die großherzogliche Bibliothek mit ca. 180.000 Bänden und 8000 Karten; das Fürstenhaus mit den Büros des Departements des Innern und dem Ständesaal; das Wittumpalais, das einst die Herzogin Anna Amalia bewohnte; das in gotischem Stil erbaute Rathaus, das Museum mit den Odyssee-Fresken Fr. Prellers (1869), der Marstall, das Sophienstift, das Staatsarchiv, das Goethe- und Schiller-Archiv etc. Das Hoftheater, einst unter Goethes und Schillers Leitung, wurde 1825 neu ausgeführt, aber 1907 durch einen Neubau ersetzt. Interessant sind noch das Lukas Cranachs Wohnhaus am Markt, das Goethe- und Schiller-Museum (in Goethes Wohnhaus, seit 1886), Schillers Wohnhaus, das von der Stadt 1847 angekauft wurde, Wielands und Herders Wohnhaus.

Unter den Plätzen sind der Fürstenplatz mit dem Denkmal des Großherzogs Karl August (von Donndorf, seit 1875), der Marktplatz, der Karlsplatz mit dem Denkmal des Großherzogs Karl Alexander (modelliert von Brütt) und der Watzdorfplatz mit dem Kriegerdenkmal von Rob. Härtel, der Karl-Augustplatz mit schönen Anlagen und der Büste des verstorbenen Erbgroßherzogs Karl August sowie der Jubiläumsplatz zu nennen. Von anderen Denkmälern sind noch hervorzuheben das eherne Doppelstandbild Goethes und Schillers von Rietschel (1857 auf dem Theaterplatz aufgestellt); das Wielanddenkmal von Gasser (1857), auf dem Wielandsplatz; Herders ehernes Standbild von Schaller (1850), vor der Stadtkirche; die Erzbüste des Großherzogs Karl August im Garten des Armbrustschützenhauses (1825); das Denkmal des Komponisten Hummel (1895).

Die Stadt hat 2 evangelische, eine neue katholische und eine englische Kirche und eine griechisch Kapelle. In der evangelischen Stadtkirche (um 1400 erbaut) sind Grabmäler weimarischer Fürsten (darunter das des Herzogs Bernhard, des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen und seiner Gemahlin Sibylle) sowie das berühmte Altargemälde Cranachs, die Kreuzigung Christi darstellend. Auf dem nicht mehr benutzten Friedhof der Jakobskirche befinden sich die Gräber von Cranach dem Älteren, Musäus und Bode. Auf dem neuen Friedhof ist die Fürstengruft. In der Nähe des Sarkophags, der die Überreste Karl Augusts umschließt, stehen die Särge Goethes und Schillers. Mit der Fürstengruft verbunden ist ein über der Ruhestätte der Großherzogin-Großfürstin Maria Paulowna erbautes Mausoleum.

Im Jahr 1905 leben hier mit der Garnison (ein Bat. Infanterie Nr. 94) 31.117 Einwohner, der Großteil sind Evangelische, 1082 sind Katholiken und 77 Juden. An industriellen Anlagen hat die Stadt eine Eisentonnen- und Desinfektionsapparatenfabrik, eine Parkettfußbodenfabrik, Ofen-, Nippes-, Waggon-, Metall- und Eisenwaren-, Strohhut-, Handschuh-, Kartonnagen-, Papier- und Pianofortefabrikation, Bierbrauerei, Ziegelbrennerei und Gärtnerei; auch befindet sich dort ein geographisches Institut mit Globenfabrik, eine lithographische Anstalt, eine chemische Fabrik, Dampfsägemühlen etc. Der Handel wird unterstützt durch eine Handelskammer, eine Nebenstelle der Reichsbank, die Norddeutsche Grundkreditbank und andere Geldinstitute; bekannt ist ferner die Hagelversicherungsgesellschaft Union, auch ist die Stadt Sitz der Landesversicherungsanstalt für die thüringischen Staaten. Die dortigen Märkte für Vieh (insbesondere Schafe), Wolle, Ölfrüchte und Zwiebeln sind lebhaft besucht.

Den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Straßenbahn. An Bildungs- und anderen öffentlichen Anstalten befinden sich dort ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein Schullehrerseminar, eine Kunstschule (Malerakademie), eine Kunstgewerbeschule, ein Bildhaueratelier, eine Orchesterschule, ein Museum mit Kupferstichkabinett, ein Donndorfmuseum, eine Bibliothek, eine Gewerbe-, eine Baugewerk und eine Zeichenschule, ein Gewerbehaus, eine Blinden- und Taubstummenschule, ein Waisenhaus, verbunden mit der Falkschen Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder, eine Krankenpflegerinnenanstalt, das Feierabendhaus für Schauspielerinnen (Marie Seebach-Stiftung) etc. Die Stadt ist Sitz der Landesbehörden, der Bezirksdirektion, eines Landgerichts, einer Handwerkskammer etc. Die städtischen Behörden zählen 7 Magistratsmitglieder und 28 Stadtverordnete.

Am südöstlichen Ende des Parks liegt das Dorf Oberweimar, an der Ilm, mit ehemaligem Cistercienser-Nonnenkloster, einer Kirche, einer Pappenfabrik, einer lithographischen und Buntdruckanstalt und im Jahr 1905 mit 1801 Einwohnern. Unweit davon, 2 km von der Stadt auf einem Hügel, wohin eine schöne Allee führt, das Lustschloss Belvedere (1724–32 im italienischen Stil erbaut), mit einem reizenden Park; nordöstlich von der Stadt die Dörfer Tiefurt und Oßmannstedt und nordwestlich das Dorf Ettersburg am Ettersberg. Zum Landgerichtsbezirk Weimar gehören die acht Amtsgerichte zu Allstedt, Apolda, Blankenhain, Buttstädt, Großrudestedt, Jena, Vieselbach und Weimar.

Weimar, in dessen Nähe merowingische Gräber aufgedeckt worden sind, gehörte bis 1140 dem Hause der Grafen von Orlamünde, fiel dann an Albrecht den Bär und die Nachkommen von dessen zweitem Sohne; Otto III. begründete 1247 eine besondere weimarische Linie, die ihren Besitz 1345 vom Landgraf Friedrich II. zu Lehen nehmen musste und 1373 erlosch. So wurde Weimar wettinisch. Bei der Teilung von 1485 kam Weimar mit Thüringen an die Ernestinische Linie und war 1547–64 und wieder seit 1572 Residenz. 1560 fand in Weimar das Kolloquium zwischen Flacius und Strigel wegen der synergistischen Streitigkeiten statt. Der Glanzpunkt Weimars war die Regierungszeit Karl Augusts, während der es durch die von diesem Fürsten berufenen Männer, wie Goethe, Schiller, Wieland, Herder u. a., der Mittelpunkt des geistigen Deutschland wurde. Auch von Karl Augusts Nachfolgern wurde in Weimar Kunst und Wissenschaft gepflegt.