Gera

Haupt- und Residenzstadt des Fürstentum Reuß jüngere Linie

Gera 46.910 Einwohner – 1905 = 88. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Gera, Marktplatz
Gera, Marktplatz

Gera-Reuß, Haupt- und Residenzstadt des Fürstentum Reuß jüngere Linie

Gera ist eine Stadt im Fürstentum Reuß j. L., Hauptstadt der gleichnamigen Herrschaft oder des unterländischen Verwaltungsbezirks. Sie liegt im Tal der Weißen Elster und 189 Meter über dem Meer. Die Stadt hat nach dem Brande von 1780 ein neues und schönes Ansehen erhalten, das jetzt durch Anlegung mehrerer neuer Stadtteile gehoben worden ist. Charakteristisch für den alten Stadtteil sind die hohen, fast immer mit Felsenkellern versehenen Häuser. Gera hat 3 evangelische und eine katholische Kirche. Bemerkenswert ist besonders das altertümliche Rathaus.

Außer dem Standbild des Grafen Heinrich Posthumus († 1635) besitzt Gera ein Denkmal Kaiser Wilhelms I., eine Bronzebüste des Komponisten Tschirch, ein Zabel- und ein Liebe-Denkmal und eine Bismarcksäule. Die Bevölkerung beläuft sich im Jahr 1900 inklusive der Garnison (1 Infanteriebataillon Nr. 96) auf 45.634 Seelen, die große Mehrheit sind Evangelisch, 1089 sind Katholiken und 170 Juden. Die Industrie ist sehr bedeutend. Obenan steht die Wollwarenmanufaktur (über 30 Fabriken) mit Fabrikation von Kammgarnstoffen, Kammgarnspinnereien, Stückfärbereien und Appreturanstalten. Bedeutend sind auch die Leder-, Tabak- und Zigarren-, insbesondere aber die von Wien hierher verpflanzte Harmonikafabrikation. Außerdem besitzt Gera ein Elektrizitätswerk, Maschinenbau und Eisengießerei, Wurst-, Handschuh-, Nähmaschinen- u. Wagenfettfabrikation, große Buch- und Steindruckereien und lithographische Anstalten, Bierbrauereien, zahlreiche Kunstgärtnereien mit starker Blumenzucht etc. Der lebhafte Handel, unterstützt durch eine Reichsbankstelle (Umsatz 1902: 684,6 Millionen Mark), durch die Geraer Gewerbebank und andre Geldinstitute sowie durch eine Handelskammer und ein Konsulat der Vereinigten Staaten Nordamerikas, befasst sich außer mit den heimischen Erzeugnissen mit Landesprodukten, Mehl, Öl, Spiritus etc.

Den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Bahn. Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Leipzig-Probstzella, Weimar-Gera u. a. Von Bildungs- und andern Anstalten hat Gera ein Gymnasium (gegründet 1608), ein Realgymnasium, die Amthorsche höhere Handelsschule und Handelsakademie, eine Webschule, Baugewerkschule, Waisenhaus, Theater, ein Bezirksarmen- und Arbeitshaus etc. Die Stadt ist Sitz der Landesbehörden für Reuß j. L., eines Landratsamtes, eines gemeinschaftlichen Landgerichts für Reuß j. L. und den sächsisch-weimarischen Kreis Neustadt (für die fünf preußischen Amtsgerichte Gera, Hirschberg a. S., Hohenleuben, Lobenstein und Schleiz und die drei weimarischen Amtsgerichte Auma, Neustadt a. Orla und Weida), eines Schwurgerichts und eines Hauptsteueramtes. Gera gegenüber, am linken Ufer der Elster, liegt der Ort Untermhaus, mit 6255 Einwohner (1900), über diesem, am, Abhang des bewaldeten Hainbergs, das fürstliche Residenzschloss Osterstein (300 Meter über dem Meer) mit vielen Kunstschätzen. Auf der gegenüberliegenden Höhe steht der Ferberturm mit prachtvoller Rundsicht.

Gera, in Urkunden Geraha, verdankt seine Entstehung wahrscheinlich den Sorben, gehörte seit 999 dem Stift Quedlinburg und wurde um 1200 den Vögten von Weida überlassen, während die Lehnshoheit über Gera 1358 an die Markgrafen von Meißen fiel. Im sächsischen Bruderkrieg wurde Gera am 15. Oktober 1450 vom Landgrafen Wilhelm III. von Thüringen erstürmt und von den böhmischen Hilfsvölkern niedergebrannt. Im Vertrag zu Gera 1598 überließ Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg die fränkischen Fürstentümer seinen Stiefbrüdern. Am Osterfest 1639 wurde Gera fast zur Hälfte von den Schweden verwüstet, ferner 1686 und 1780 durch große Feuersbrünste heimgesucht. Die Herrschaft Gera, 240 km² groß, war seit Mitte des 13. Jahrhunderts Besitztum einer Linie der späteren Fürsten von Reuß, fiel 1550 an die Plauensche Hauptlinie und wurde 1666 mit Saalburg einer Speziallinie zugeteilt, nach deren Aussterben (1802) die Herrschaft an die Fürstenhäuser Reuß-Schleiz und Reuß-Lobenstein-Ebersdorf fiel, welche die Regierung gemeinschaftlich führten, bis 1848 nach der Abdankung des letzten Fürsten von Lobenstein-Ebersdorf das Haus Schleiz in den Alleinbesitz der Herrschaft gelangte.