Die Belagerung der Gesandtschaften in Peking

Peking deutsche Gesandtschaft, 1900
Peking deutsche Gesandtschaft, 1900

Meldung vom 12. Juni: Die Eisenbahnstrecken und alles Eigentum der Ausländer ist im Umkreis von Peking zerstört und verbrannt worden. Eindringen der „Boxer“ nach Peking.

Meldung vom 13. Juni: Die Minister des Tsungli-Yamen verlangten die Entsendung von 1000 Matrosen (Seymour-Expedition) aufzuhalten, was die Gesandtschaftsvertreter aber ablehnten. Erster Angriff der „Boxer“ auf die Gesandtschaften. Gegen 20.00 Uhr brennt die kleine Kapelle der US-amerikanischen Mission. Kurz darauf werden fünf große Feuer sichtbar, denen die französische Kathedrale, die Münze, Wohnhäuser der europäischen Zollbeamten und viele andere von Christen bewohnte Gebäude zum Opfer fielen. Zahlreiche christliche Chinesen flüchten sich in die Gesandtschaften und finden dort auch Aufnahme. Ähnlich Angriffe auch an den folgenden Abenden.

Das deutsche Gesandtschaftsgebäude in Peking, die Wirkungsstätte des ermordeten Gesandten Freiherrn von Ketteler.
Das deutsche Gesandtschaftsgebäude in Peking, die Wirkungsstätte des ermordeten Gesandten Freiherrn von Ketteler.

In der Nacht vom 13. zum 14. Juni hörte man in der Stadt entsetzliche Schreie, Angstrufe und Röcheln der Sterbenden. Die „Boxer“ machten die chinesischen Christen nieder oder verbrannten die sei lebendigem Leibe in ihren Häusern. Zuerst brannte die Kapelle der Methodisten in der Hatamenstraße, dann schossen der Flammen aus der Ostkathedrale, Tungtang, die alte griechische Kirche im Nordosten der Stadt, die Gebäude der Londoner Mission, das Haus der amerikanischen Board-Mission und alle Gebäude der Ausländer, die zum kaiserlichen Seezollamt in der östlichen Stadt gehörten. Gegen Morgen wurde auch die Südkathedrale, Nantang, ein Raub der Flammen. Am Morgen zeigte sich ein entsetzlicher Anblick, Frauen und Kinder wurden in Stücke gehackt. Männer wurden Nasen und Ohren abgehauen und die Augen ausgestochen. Die chinesischen Soldaten hatten keine Finger für die Opfer gerührt. 1200 chinesische Christen fanden Schutz und wurden im Palast des Prinzen Su, nahe der englischen Gesandtschaft untergebracht. Die vor Peking verschanzte Armee der Boxer zählt ca. 20.000 Mann.

Karte vom KriegsschKarte vom Kriegsschauplatz bei Paotingfuauplatz bei Paotingfu
Karte vom Kriegsschauplatz bei Paotingfu

Am Abend des 16. Juni brach wieder ein Feuer in einem Materialwarenladen aus, das von Boxern gelegt worden war. Der Brand breitete sich aus und legte einen ganzen Stadtteil in Schutt und Asche und richtete einen Millionenschaden an. Zuerst sprang es auf die Buchhändlerstraße über und vernichtete diese Straße von Peking mit ihren unschätzbaren Rollen, Manuskripten und gedruckten Büchern. Von dort ergriff es die Perlen und Juwelenläden, die Seiden- und Pelzläden, die Atlas- und Strickereiläden, die großen Kunsthandlungen, die Gold- und Silberläden, die Schmelzhütten und fast alles sonst was in der Hauptstadt sich von Wert befand. Dann sprang das Feuer auf das Tschienmentor über, das vor dem kaiserlichen Palast liegt und das nur geöffnet wird, wenn der Kaiser durchfährt. Ein imposanter Tempel krönt diese Mauer, auch er fiel der Zerstörung anheim.

Meldung vom 17. Juni: Erste Konfrontation zwischen einer Abteilung deutscher Seesoldaten und chinesischer Truppen bei der elektrischen Zentralanstalt.

Übersichtsplan der chinesischen Hauptstadt Peking mit Angabe der Lage der fremden Gesandtschaften.
Übersichtsplan der chinesischen Hauptstadt Peking mit Angabe der Lage der fremden Gesandtschaften.

Am Morgen des 19. Juni sandte Freiherr von Ketteler den Dolmetscher der deutschen Gesandtschaft, Cordes, nach dem Tsungli-Yamen, um zu fordern, dass die chinesischen Truppen, die sich nur wenige Schritte von den deutschen Posten entfernt in den Elektrizitätswerken befanden, zurückgezogen würden. Der chinesische Sekretär befand sich in größter Aufregung und erzählte, dass infolge des Vorgehens der Alliierten gegen die Takuforts eine große Änderung der Lage eingetreten sei. Da eine weitere Erörterung unmöglich war, hinterließ Cordes seine Botschaft mit dem Auftrage, dieselbe dem Oberbefehlshaber Yunglu zu übermitteln. Am Nachmittag, ca. 16.30 Uhr fordert die chinesische Regierung die europäischen Gesandten auf, Peking innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. eine sofort berufene Versammlung des diplomatischen Korps beschloss, das Ultimatum anzunehmen. In einem letzten Brief an das Yamen erklärten sie die Annahme des Ultimatums, forderten Sicherheiten und baten um Transportmittel. Die erhoffte Antwort traf jedoch nicht ein, und Freiherr von Ketteler als einziger Gesandter, der des Chinesischen völlig mächtig war, sandte daher abends noch eine Note an das Tsungli-Yamen, dass er sich bestimmt am folgenden Morgen um 9.00 Uhr zu einer Besprechung dort einfinden würde, und um Anwesenheit eines Prinzen ersuche, um mit diesem Rücksprache nehmen zu können.

Aus den Schreckenstagen in Peking: Die Barrikade zwischen der deutschen Gesandtschaft und dem Hotel Peking quer über die Gesandtschaftsstraße.
Aus den Schreckenstagen in Peking: Die Barrikade zwischen der deutschen Gesandtschaft und dem Hotel Peking quer über die Gesandtschaftsstraße.

20. Juni: Ermordung des Freiherren von Ketteler – kurz danach ging dem diplomatischen Korps eine Note der chinesischen Regierung zu, worin es hieß, die Gegend zwischen Peking und Tientsin wimmele von Räubern, und es sei nicht ratsam, dass die Gesandten dorthin gingen. Sie möchten also in Peking bleichen! 16.00 Uhr war eigentlich das Ende des Ultimatums, aber es war nun zurückgezogen worden. . Trotzdem wurden chinesische Soldaten im Laufe der Vormittags an allen Punkten aufgestellt, welche die Außenposten geherrschten, und um 16.00 Uhr genau auf die Minute, eröffneten sie das Feuer auf die österreichischen und französischen Posten. Ein Franzose fiel, durch den Kopf geschossen, tot nieder, ein Österreicher wurde verwundet. Die österreichische Gesandtschaft muss wegen ihrer entfernten Lage aufgegeben werden, die Besatzung zog sich in die französische Gesandtschaft zurück und half bei deren Verteidigung.

Die Gebäude der englischen Gesandtschaft in Peking, Schauplatz des letzen Widerstandes der Fremden.
Die Gebäude der englischen Gesandtschaft in Peking, Schauplatz des letzen Widerstandes der Fremden.

Die Zahl der eingeschlossenen Fremden betrug ungefähr 1000, darunter 400 Offiziere und Mannschaften der Schutzwachen und 200 Frauen und Kinder. Dazu kamen an einheimischen Dienern und chinesischen Christen etwa 3000 Personen. Die Ernährung erfolgte vorwiegend durch Pferdefleisch, Reis und Brot

Die Gesamtstärke der ausländischen Truppen war folgende:

  • US-Amerikaner: 3 Offiziere – Kapitän Myers als Kommandant, Kapitän Hall, Chirurg Lippett und 53 Matrosen von der „Newark“.
  • Österreich-Ungarn: 5 Offiziere – Kapitän Thomann, Kommandant der „Zenta“, Flaggleutnant von Wintherhalder, Leutnant Kollar, 2 Fähnriche und 30 Mann von der „Zenta“.
  • Briten: 3 Offiziere – Kapitän B.M. Strouts als Kommandant, Kapitän Halliday, Kapitän Wray und 79 Seesoldaten von H.M.S. Orlando und 49 Seesoldaten aus Weihaiwei.
  • Franzosen: 2 Offiziere – Kapitän Darey und Fähnrich Herbert und 45 Mann vom „d’Entrecasteaur“ und „Descartes“.
  • Deutsche: Leutnant Graf von Soden und 51 Seesoldaten vom 3. Seebataillon aus Kiautschou.
  • Italiener: Leutnant Paolini und 28 Matrosen von der „Elba“.
  • Japaner: Leutnant Hara und 24 Mann vom „Atago“.
  • Russen: 2 Offiziere – Leutnant Baron von Rahden und Leutnant von Dehn und 79 Matrosen vom „Sissoj Weliki“ und 7 Kosaken.
  • Zusammen 18 Offiziere und 389 Mann. Trotz der kritischen Situation für alle kam es zu nationalen Eifersüchteleien und persönlichen Ehrgeiz die die gemeinsame Sicherheit in Frage stellten.
Aus den Schreckenstagen in Peking: Unterhändler des Tsung-li-Yamen in der von den Chinesen eingeschlossenen deutschen Gesandtschaft. v.l.n.r.: Freiwilliger Richter, Seesoldat Hönig, Seesoldat Koch, Sergeant Kelber, chinesische Unterhändler.
Aus den Schreckenstagen in Peking: Unterhändler des Tsung-li-Yamen in der von den Chinesen eingeschlossenen deutschen Gesandtschaft. v.l.n.r.: Freiwilliger Richter, Seesoldat Hönig, Seesoldat Koch, Sergeant Kelber, chinesische Unterhändler.

Am 21. Juni übernahm der rangälteste Offizier der gemeinsamen Truppe, der österreichische Kommandant, Kapitän Thomann den Oberbefehl.

22. Juni, um 9.00 Uhr begannen die Chinesen ein Bombardement und ohne jeden ersichtlichen Grund gab der US-amerikanische Kapitän Hall plötzlich eine wichtige Stellung an der Stadtmauer auf und zog sich nach der englischen Gesandtschaft zurück. Dadurch gerieten Österreicher, Italiener, Franzosen, Russen und Japaner ebenfalls in Bedrängnis und schließlich mussten auch das deutsche Kontingent, um nicht abgeschnitten werden, den Rückzug antreten, obschon es gar nicht beschossen wurde. Als nun alles in der britischen Gesandtschaft angelangt war, erhob MacDonald großes Geschrei über die Unfähigkeit des österreichischen Kommandanten, der angeblich den Rückzug befohlen haben sollte, und spielte sich selbst als Feldherren auf. Graf Soden bemerkte, dass die ganze Sache auf Intrige oder Missverständnis zurückzuführen sei und kehrte mit seinen Leuten auf den alten Posten zurück. Eine Patrouille der Deutschen erhielt plötzlich Feuer und der Seesoldat Matthies fand hierbei den Tod. Auch die übrigen Truppen kehrten an ihre ursprüngliche Stellungen zurück, nur die österreichische und italienische Gesandtschaft waren den Chinesen zugefallen. Laut österreichischen Unterlagen ist über diesen Zwischenfall folgendes vermerkt worden: „…Es sind höchst verwegene und tüchtige Burschen (die US-Amerikaner), aber in ihrer freien Zeit stets toll betrunken. Wo sie hier den Whisky erhalten haben, wissen wir nicht, aber bei dem geringsten Versäumnis von Seiten ihrer Offiziere wurde einfach gestreikt. Der Fall war einfach. Die Posten auf einer Barrikade, welche quer über die Mauer, südlich der italienischen Gesandtschaft gezogen war, hatten durch Vergesslichkeit der Vorgesetzten keine Nahrung erhalten. So verließen sie ganz ruhig die Barrikaden, nahmen ihre Kameraden von der westlich davon gelegenen Barrikade auch noch mit und wollten nach Hause gehen...

Von den Kämpfen in Peking: Die berühmte "internationale" Kanone im zerschossenen Vorhof der englischen Gesandtschaft.
Von den Kämpfen in Peking: Die berühmte „internationale“ Kanone im zerschossenen Vorhof der englischen Gesandtschaft.

23. Juni: Wieder tobt der Kampf. Die Chinesen schießen mit Kruppschen Geschützen, sieben Granaten krepieren mitten in der deutschen Gesandtschaft ohne jedoch jemanden zu verletzen.

24. Juni: Deutsche und Amerikaner vollenden den Bau einer Barrikade in der Nähe des Tschien-Toren zur besseren Verteidigung des Gesandtschaftsviertels. In der darauf folgenden Nacht errichten die Chinesen 70 Meter Entfernung ebenfalls eine solche.

25. Juni nachmittags unternahm Graf Soden einen Streifzug in die italienische Gesandtschaft, hierbei wurden circa 30 Chinesen erschossen und die Chinesenhäuser gegenüber der französischen Gesandtschaft wurden in Brand gesteckt. Den Chinesen gelang es an diesem Tage, in die Verteidigungslinie am Su-wang-su Bresche zu schießen, ein Vordringen wiesen jedoch die Japaner und einige zu Hilfe geeilte Italiener ab. Dagegen brannte in der darauf folgenden Nacht ein Teil dieses Prinzenpalastes nieder, so dass die dort untergebrachten Chinesen ebenfalls nach der englischen Gesandtschaft überführt werden mussten.

28. Juni: Um sich des von Norden, dem so genannten Mongolenmarkt, aus auf die englische Gesandtschaft gerichteten Geschützfeuers zu erwehren wurde am Abend von den Deutschen und Russen ein gemeinsamer Ausfall unternommen, der aber nur kurzzeitigen Erfolg brachte. Unterdessen bedrängten die Chinesen wieder von Osten aus besonders die französische und deutsche Gesandtschaft. Die Franzosen erlitten herbe Verluste und hatten von 45 Mann schon 16 tot oder verwundet.

Boxer aus der chinesischen Hafenstadt Tientsin am Peiho.
Boxer aus der chinesischen Hafenstadt Tientsin am Peiho.

30. Juni/1. Juli: Die Chinesen konzentrierten ihre Angriffe gegen die beiden Barrikaden auf der Südstadtmauer und eroberten diese schließlich. Nun konnten sie von der Mauer aus direkt auf die schutzlos daliegenden Gesandtschaften feuern. Die Lage der Eingeschlossen wurde immer kritischer. Ein von einem italienisch-britischen Kommando von 35 Mann gegen die chinesischen Geschützstellungen unternommener Ausfall endete trotz höchster Tapferkeit resultatlos und kostete der kleinen Truppe den Führer, den italienischen Leutnant Paolinio und 19 Mann tot oder verwundet. Die Chinesen schoben ihre Stellungen immer näher heran. Sie brachten auf der Südoststrecke der Mauer der Kaiserlichen Stadt 15 schwere Geschütze aller Art in Stellung und beschossen vor allem die englische Gesandtschaft. Die Deutschen verlieren 3 Tote und 5 Verwundete.

8. Juli: Bei heftigen Kämpfen nahe der französischen Gesandtschaft fiel der österreichische Kapitän von Thomann.

11. Juli: Seesoldat Rentmeister erhielt einen Schuss in den Unterleib, “ Ach Gott, so jung und jetzt schon sterben„, waren seine letzten Worte.

13. Juli: In einem Morgengefecht war bereits Gefreiter Günther verwundet worden, etwas später erhielt der Seesoldat Gramlich mehrfache Verletzungen durch Steinsplitter. Gegen 17.00 Uhr unternahmen die Chinesen plötzlich einen allgemeinen Sturmangriff, wie bisher noch nicht erlebt. Ihre Hornisten machten auf ihren zwei Meter langen Hörnern einen furchtbaren Lärm. Die Seesoldaten König, Klaus und Seifert wurden von Granatsplittern verletzt. „Das Schlimmste ist unser Mangel an Munition. Heute hat sicherlich jeder von uns seine 25 Schuss abgegeben und es sind nur noch 90 – 100 pro Kopf vorhanden. Sonst haben wir nur noch 1000 Platzpatronen, die man allenfalls mit Bleikugeln zu scharfen umgestalten könnte,…

16. Juli: Der älteste englische Offizier, Kapitän Strouts, wird durch einen Schuss getötet.

Handelsstraße in der Tatarenstadt zu Peking.
Handelsstraße in der Tatarenstadt zu Peking.

17. Juli Beginn des Waffenstillstandes.

18. Juli: Ganz überraschend erhielt die Regierung der USA von ihrem Gesandten in Peking die Nachricht, dass er noch lebe. „Seit einem Monat sind wir in der englischen Gesandtschaft unter fortgesetztem Feuer von chinesischen Truppen belagert. Nur schnelle Hilfe kann eine allgemeine Metzelei verhindern.“ Diese Depesche war die erste, die von der Lage in Peking der Außenwelt berichtete. Auf diese Kunde hin sandte der deutsche Konsul durch Vermittlung des Gouverneurs von Schantung an die deutsche Gesandtschaft nach Peking folgende Anfrage: „Telegrafieren Sie in derselben Weise, wie der amerikanische Gesandte, durch Tsungli-Yamen und Gouverneur von Tsinansu an das Auswärtige Amt und auch an mich zur Weitergabe offen oder chiffriert, was vorgegangen, was Ihre Lage, was für Sie getan werden kann!

28. Juli: An diesem Tag erreichte das Schreiben des ersten Sekretärs bei der deutschen Gesandtschaft in Peking von Below, datiert , den 21. Juli, den deutschen Konsul in Tientsin: „Dank für die Nachricht vom 19., Cordes befindet sich befriedigend, die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft sind wohlauf. Das Detachement hat 10 Tote und 14 Verwundete. Die Häuser der Gesandtschaft sind durch Geschützfeuer stark beschädigt, werden aber von uns gehalten. Seit dem 16. ist der Angriff der chinesischen Truppen auf uns eingestellt. Mit Berlin ist keine Verbindung. Es ist dringend nötig, daß Entsatztruppen schleunigst vorrücken. Gutem Vernehmen nach ist die Leiche des Freiherrn von Ketteler von der chinesischen Regierung geborgen. “ Zu dieser Zeit standen in Tientsin an Truppen zur Verfügung:

  • Russen: 10.000 Mann
  • Japaner: 9.000 Mann
  • Briten: 6.000 Mann
  • Franzosen: 2.600 Mann
  • Amerikaner: 2.500 Mann
  • Deutsche: 300 Mann
  • Italiener: 150 Mann
  • Österreich/Ungarn: 75 Mann

Schon am 18. Juli war es den Russen gelungen, die Trümmer des Forts Hsi-ku in Besitz zu nehmen, Von überall wurden starke feindliche Aktivitäten gemeldet. Dei Verbündeten mussten als auf energischen Widerstand gefasst sein, dessen Überwindung um so schwieriger erschienen , als die Gelände- und Wegeverhältnisse in Anbetracht der beginnenden Regezeit die denkbar ungünstigsten zu werden versprachen. Nachdem am 28. Juli General Gaselee mit Stab in Tientsin eingetroffen war und die Bereitstellung der anglo-indischen Truppen in wenigen Tagen vollendet sein konnte, begannen die Russen und Japaner, ihre Vorposten auf dem linken Peiho-Ufer vorwärts zu schieben.

Am 5. August beschlossen die Verbündeten, nach wechselseitigen Einvernehmen der Kontingentsführer, den Angriff, dessen Führung der rangälteste Offizier, der russische Generalleutnant Liniwitsch, übernahm. In Tientsin musste durch das Auftreten der chinesischen Armee eine starke Besatzung zurückgelassen werden, so dass nur folgende Stärken zum Vormarsch verfügbar waren:

  • Japaner: 6.600 Mann
  • Russen: 3.300 Mann
  • Briten: 1.832 Mann
  • Franzosen: 400 Mann
  • Amerikaner: 1.750 Mann
  • Deutsche: 200 Mann
  • Italiener: 30 Mann
  • Österreich/Ungarn: 30 Mann
  • sowie 112 Geschütze. Deutsche, Italiener und Österreicher kehrten kurz darauf wieder nach Tientsin zurück.
Soldat der ersten Ostasiatischen Infanterieregiments in feldmarschmäßiger Tropenausrüstung.

11. August: In der Ferne hören die Eingeschlossenen schon den herüberschallenden Kanonendonner.

12. August: Es fallen nur vereinzelte Schüsse. „Leider bekommt unser lieber Kamerad Berger noch einen schweren Schuss am Kopf. Er hatte sich so auf die Entsatztruppen gefreut, und nun muss er vielleicht noch im letzen Augenblick dran glauben“ (Seesoldat Reinhold Berger stirbt an seinen Verletzungen am 26. August).

13. August: Der Regen goss in Strömen, der Donner rollte und mischte sich mit dem Donner zahlreicher Geschütze und dem Knattern des Kleinfeuergewehres. Seesoldat Friedrich Gupel wird am Abend tödlich getroffen.

Am 14. August standen die Alliierten vor den Toren von Peking. Die Japaner wählten das nördliche, die Russen das mittelste der Osttore als Angriffsziel. Die Chinesen leisteten noch einmal heftigen Widerstand. Die Russen, denen sich die inzwischen nachgeeilten Franzosen anschlossen, und von denen schon vom 13. August mittags an das mittlere Tor beschossen worden war, hatten zwar schon am 14. August 02.00 Uhr die Mauer erstiegen, konnten aber bis zum Abend nur den äußeren Torabschnitt behaupten. Währenddessen waren die Engländer und Amerikaner nach Süden abgebogen, um sich der beiden südlichen Osttore zu bemächtigen. Dies gelang ihnen, aber der Versuch, durch die Chinesenstadt vorzudringen, sich den Eingang in die Mandschustadt mit den Gesandtschaften zu erzwingen, scheiterte, da der Widerstand auf der Trennungsmauer zwischen Chinesen- und Mandschustadt zu groß war. Erst als es dem General Gaselee mit einer Kompanie Sikhs gelungen war, sich unter der Mauer durch einen Abwasserkanal einen Weg zu bahnen und den Verteidigern auf der Trennungsmauer in den Rücken zu fallen, räumten die Chinesen die Stellung. Die Eingeschlossenen in den Gesandtschaften waren befreit.

Vom Kriegsschauplatz in China: Unsere Verwundeten mit ihrem Arzt Dr. Velde im Garten der deutschen Gesandtschaft zu Peking. v.l.n.r.: Etzards, Wirtz, Weißbarth, Sanitätssoldat Seiffert, Förster, Stabsarzt Dr. Velde, Reinhardt, Klaus, Gefreiter Günther.
Vom Kriegsschauplatz in China: Unsere Verwundeten mit ihrem Arzt Dr. Velde im Garten der deutschen Gesandtschaft zu Peking. v.l.n.r.: Etzards, Wirtz, Weißbarth, Sanitätssoldat Seiffert, Förster, Stabsarzt Dr. Velde, Reinhardt, Klaus, Gefreiter Günther.

Am 17. August schrieb der Seesoldat August Schönherr aus Iserlohn an seine Angehörigen in der Heimat: „Von uns sind von unseren 50 Mann elf gefallen und zwölf zu Krüppeln geschossen. Jetzt ist Peking von unseren Europäern eingenommen und wird total in Grund und Boden geschossen…Wir lagen vom 21. Juni bis 17. Juli ständig im Feuer der Chinesen und mußten auch hin und wieder die Barrikaden der Chinesen stürmen. Ich kann Euch, Ihr Lieben, allen schreiben: Barrikadenkämpfe sind doch etwas Schreckliches. Bei einem Angriff auf eine Barrikade habe ich es Gott allein zu verdanken, daß ich noch lebe. Wir hatten unserer zehn eine Barrikade erstürmt. Als wir weiter vorgingen, fiel ich über eine Kiste und kam so zu Fall. Da lagen unter den Brettern und Kisten drei Chinesen, mit noch geladenen Gewehren, auf uns anschlagend, Wir pflanzten auf und durchstachen sie mit dem Bajonett. Als der eine schoß, schoß er mir durch meinen Rock über das rechte Bein hinweg und zerriß Hose und Unterzeug, auch brannte der Streifen, worüber die Kugel gegangen, eine Blase…„.

Feierliche Beisetzung der Leiche des am 21. Juni ermordeten Freiherrn von Ketteler am 18. August im garten der deutschen Gesandtschaft zu Peking.
Feierliche Beisetzung der Leiche des am 21. Juni ermordeten Freiherrn von Ketteler am 18. August im Garten der deutschen Gesandtschaft zu Peking.

Am 18. August erreichte Kapitän zur See Pohl mit seiner gemischten Kompanie von Deutschen, Österreichern und Italienern in einer Stärke von 4 Offizieren und 107 Mann Peking.

 

Gefallene Deutsche

Während der Belagerung der Gesandtschaft in Peking vom III. Seebataillon gefallen:

12 Tote

  • Gefreiter Robert Goelitz aus Kiel, am 30. Juni
  • Seesoldat Friedrich Gupel aus Mengen, Kreis Freiburg i.B. am 13. August
  • Seesoldat Hermann Mathies aus Klein Wittenberg, Kreis Wittenberg, am 22. Juni
  • Seesoldat Alfons Kauffen aus Aachen, verwundet am 23. Juni, gestorben am 24. Juni
  • Seesoldat Paul Tölle aus Oldisleben, Kreis Apolda, am 26. Juni
  • Seesoldat Kurt Hentschel aus Storchnest, Kreis Lissa, am 30. Juni
  • Seesoldat Johannes Hohnke aus Krummenfließ, Kreis Flatow, am 30. Juni
  • Seesoldat Arthur Strauß aus Hohendorf, Kreis Glauchau, am 1. Juli
  • Seesoldat Hermann Ebel aus Leitzkau, Kreis Jerichow, am 2. Juli
  • Seesoldat Alfred Rentmeister aus Sterkrade, Kreis Ruhrort, am 11. Juli
  • Seesoldat Hugo Meinhardt aus Jena, verwundet am 30. Juni, gestorben am 10. Juli
  • Seesoldat Reinhold Berger aus Brandenburg, verwundet am 12. August, gestorben am 26. August

 

Quellenhinweise:

  • Kiautschou – Deutschlands Erwerbung in Ostasien, Verein der Bücherfreunde – Leipzig 1901
  • Fritz Vogelsangs Kriegsabenteuer in China 1900, Paul Lindenberg – Berlin 1901
  • Die Wirren in China, (Boxeraufstand) Alfred von Müller – Berlin 1902
  • Meine Kriegs-Erlebnisse in China, Korvetten-Kapitän Schlieper – Minden in Westfalen 1902
  • Meyers Großes Konversations-Lexikon 6. Auflage 1905 – 1909
  • Der Krieg in China (Boxeraufstand), J. Scheibert, Verlag Weller – Berlin 1909
  • Die Eroberung der Welt, Verlag Ullstein & Co Berlin und Wien 1912
  • Unsere Kolonien und Schutztruppen, Kyffhäuser Verlag – Berlin 1934
  • Zeitgenössische Postkarten, Briefmarken und Landkarten zum Boxeraufstand

 

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