L'Alliance Franco-Russe

Russlands Außenpolitik

Russlands Außenpolitik seit 1905 und die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges

Europäisches Russland 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 23)
Europäisches Russland 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 23)

Um die Geschehnisse der Gegenwart verstehen zu können, ist es sehr aufschlussreich sich mit Geschichte zu beschäftigen. Die Außenpolitik der Staaten ist immer auch durch geopolitische Sachzwänge getrieben. Staaten mit imperialen Ansprüchen verfolgen natürlich eine andere Außenpolitik als kleinere Staaten, die um ihre Unabhängigkeit fürchten müssen.

Zar Nikolaus II.

Zar Nikolaus II.
* 18.05.1868 in Zarskoje Selo bei St. Petersburg,
† 16.07.1918 in Jekaterinburg ermordet;
1894 – 1917 russischer Zar (Kaiser), verfolgte eine panslawistische Politik.

Panslawismus nennt man das Bestreben der slawischen Völkerschaften (Russen, Ruthenen [Ukrainer], Tschechen, Wenden [Sorben], Slowaken, Kroaten, Slowenen, Serben, Bosnier, Bulgaren u.a.), nach einer kulturellen, religiösen und politischen Einheit aller slawischen Völker in Europa und unter dem Zepter Russlands sich in einem großen slawischen Reiche zu vereinigen. Nur die Polen schlossen sich diesen Bestrebungen entschieden aus. (Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1908)

Durch den Konflikt mit Japan war Russland Anfang des 20. Jahrhunderts auch zu dem ostasiatischen Inselreich verbündeten Großbritannien in immer schärferen Gegensatz geraten. Während des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05 nahm Großbritannien eine feindliche Haltung ein; der Zwischenfall an der Doggerbank (der russische Admiral Roschestwenski hielt eine englische Fischerflotte für japanische Kriegsschiffe und beschoss sie) führte fast zum offenen Bruch.

China und Japan 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 27)
China und Japan 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 27)

Mit Rücksicht auf seinen Bündnispartner Großbritannien (Entente, siehe erste Marokkokrise und zweite Marokkokrise) verfolgte Frankreich eine zurückhaltende Neutralität.

Kaiser Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II.
* 27.01.1859 in Berlin,
† 04.06.1941 in Doorn (Niederlande)
1888 – 1918 Deutscher Kaiser und König von Preußen; versuchte vergeblich das Deutsche Reich mit einem deutsch-russischen Vertrag aus seiner Isolation zu befreien.

Nur das Deutsche Reich zeigte offen seine Sympathie mit dem Zarenreich und Kaiser Wilhelm II. benutzte Russlands Bedrängnis, um mit dem Zaren Nikolaus II. am 23/24. Juli 1905 in Björkö (finnische Schären) einen Defensivvertrag zu schließen, der auch den späteren Beitritt Frankreichs vorsah.

Vertrag von Björkö: Empfang des russischen Kaiserpaares an Bord der "Hohenzollern". Von links nach rechts: Die Zarin, Kaiser Wilhelm, der Zar. Die Kaiserbegegnung in den finnischen Schären bei Björkö. Photo. Th. Jürgensen, S.M.S. Hohenzollern.
Vertrag von Björkö (1905): Empfang des russischen Kaiserpaares an Bord der „Hohenzollern“. Von links nach rechts: Die Zarin, Kaiser Wilhelm, der Zar. Die Kaiserbegegnung in den finnischen Schären bei Björkö. Photo. Th. Jürgensen, S.M.S. Hohenzollern.

Der russische Außenminister Graf Wladimir Nikolajewitsch Lamsdorff aber stand dem Vertrag ablehnend gegenüber und als auch Frankreich seinen Beitritt zu dem geplanten Kontinentalbündnis ablehnte, verlief der deutsche Annäherungsversuch im Sande.

Alexander Iswolski

Alexander Iswolski
* 18.03.1856 in Moskau,
† 16.08.1919 in Paris;
russischer Außenminister 1906 – 1910, russischer Botschafter in Paris 1910 – 1917; sagte von sich selbst: „Ich bin der Vater dieses Krieges.

Nach dem Krieg gegen Japan und der Revolution von 1905/06 musste sich Russland in der Außenpolitik größte Zurückhaltung auferlegen. Nachdem aber Iswolski im Mai 1906 Außenminister geworden war, zeigte die russische Diplomatie wieder mehr Aktivität. Mit Frankreich verbündet, musste Russland darauf bedachts sein, sich auch mit Großbritannien zu verständigen; dazu war ein Einlenken gegenüber Japan erforderlich. Das gelang Iswolski im Vertrag mit Japan am 30. Juli 1907, dem am 31. August 1907 ein Abkommen mit Großbritannien folgte, das die Gegensätze in Tibet, Afghanistan und Persien (Iran) zeitweilig überbrückte. Die Verständigung mit Großbritannien wurde durch die Begegnung in Reval, dem heutigen Tallinn, am 9. Juni 1908 bestätigt.

Graf Lexa von Aehrenthal

Graf Lexa von Aehrenthal
* 27.09.1854 Groß-Skal (Böhmen),
† 17.02.1912 Wien;
österreichisch-ungarischer Minister des Äußern, löste mit der diplomatisch ungenügend vorbereiteten Annexion Bosniens (1908) eine schwere europäische Krise aus.

Als Gegner der ostasiatischen Politik hatte Iswolski so die Wege geebnet, um Russlands alte Ziele auf dem Balkan und in der Türkei weiter zu verfolgen. Die jungtürkische Revolution und die damit verbundene Erregung auf dem Balkan schien den russischen Plänen günstig. Am 16. September 1903 traf sich Iswolski mit dem österreichischen Außenminister Graf Aehrenthal in Schloss Buchlau (Mähren), um diesen für seine auf die türkischen Meerengen (Dardanellen und Bosporus) gerichteten Pläne zu gewinnen, während Aehrenthal Iswolskis Zustimmung zur Annexion von Bosnien und der Herzegowina erlangen wollte.

Kaiser Franz Josef und der Landeschef v. Varešanin vor der Kathedrale in Sarajewo. Kaisertage in Bosnien (1910).
Kaiser Franz Josef und der Landeschef v. Varešanin vor der Kathedrale in Sarajewo. Kaisertage in Bosnien (1910).

Aus ihrer Unterredung glaubten beide Seiten das Einverständnis der Gegenpartei entnehmen zu können. Iswolski fuhr nun nach Paris und London, um sich die Zustimmung der dortigen Regierungen zu einer Revision der Meerengenfrage zu holen. Der Berliner Friede vom 13. Juli 1878 legte dem Osmanischen Reich (Türkei) noch immer die Pflicht auf, kein fremdes Kriegsschiff die Dardanellen passieren zu lassen. Während sich die französische Regierung nicht unbedingt ablehnend verhielt, wollte Großbritannien von Iswolskis Plänen nichts wissen.

Bosporus. Dardanellen. 1905 (Brockhaus' Konversations-Lexikon 14. Auflage)
Bosporus. Dardanellen. 1905 (Brockhaus‘ Konversations-Lexikon 14. Auflage)

Inzwischen hatte Aehrenthal die Annexion von Bosnien und der Herzegowina vollzogen und sich auf die Zustimmung Russlands berufen. Iswolski ging somit leer aus. Die bosnische Krise drohte zu einem europäischen Krieg zu führen, aber der Friede wurde, nicht zuletzt durch das Eingreifen des Deutschen Reiches, erhalten. Einen gewissen Erfolg in der Meerengenfrage erzielte Iswolski durch das mit Italien am 23. bis 24. Oktober 1909 getroffene Abkommen von Racconigi, in dem Italien wohlwollende Erwägung der russischen Interessen zusagte. Aus italienischer Sicht erleichterte das Racconigi-Geschäft zwei Jahre später Italiens Vorbereitungen für den italienisch-türkischen Krieg 1911/12, in dem Italien Tripolis und die Cyrenaica (Ost-Libyen) eroberte.

Sergej Sasonow

Sergej Sasonow
* 29.07.1860 Gouvernement Rjasan
† 25.12.1927 in Nizza;
russischer Außenminister, Botschafter beim Vatikan und in London. „Es ist meine Aufgabe, Deutschland zu vernichten.“(*1)

Als Nachfolger des als Botschafter nach Paris gehenden Iswolski wurde Sergej Sasonow 1910 russischer Außenminister. Seine Haltung beim Besuch des Zaren im November 1910 in Potsdam gegenüber den deutschen Annäherungsvorschlägen zeigte, dass er Iswolskis Kurs fortsetzen wollte. Nachdem Ende 1911 ein erneuter Vorstoß Russlands in der Meerengenfrage gescheitert war, begann es die durch den Italienisch-Türkischen Krieg auf dem Balkan entstandene Unruhe auszunutzen. Auf Betreiben des Gesandten in Serbien, von Hartwig, kam es am 29. Februar 1912 zu einem von Russland gebilligten Offensivvertrag zwischen Serbien und Bulgarien, dem sich bald Griechenland und Montenegro anschlossen.

Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten in Russland. Oben: Poincare wird von Kokowzow bei der Ankunft begrüßt. Unten: Die Vertreter der Entente cordiale. (Von links): Reichskontrolleur Haritonow, engl. Gesandter Sir George Buchanan, Handelsminister Timoschew, Minister der Inneren Makarow, russischer Botschafter in Paris Iswolski, Ministerpräsident Kokowzow, Ministerpräsident Poincare, Minister des Äußeren Sasonow, franz. Botschafter Louis.
Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten in Russland. (1912) Oben: Poincare wird von Kokowzow bei der Ankunft begrüßt. Unten: Die Vertreter der Entente cordiale. (Von links): Reichskontrolleur Haritonow, engl. Gesandter Sir George Buchanan, Handelsminister Timoschew, Minister der Inneren Makarow, russischer Botschafter in Paris Iswolski, Ministerpräsident Kokowzow, Ministerpräsident Poincare, Minister des Äußeren Sasonow, franz. Botschafter Louis.

Mit Frankreich gestaltete sich das Verhältnis immer herzlicher; am 16. Juli 1912 wurde eine Marinekonvention abgeschlossen. Die beiderseitigen Generalstäbe kamen seit 1900 jährlich zusammen, um die gemeinsamen Operationen für den Fall eines Krieges gegen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn auszuarbeiten. Ein Besuch Poincares in St. Petersburg (Russland) im August 1912 stärkte den russischen Kriegswillen.

Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este

Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este
* 18.12.1863 in Graz,
† 28.06.1914 ermordet in Sarajevo;
1896 – 1914 Thronfolger von Österreich-Ungarn, wollte die Donaumonarchie modernisieren.

Eine weitere Stärkung erfuhr dieser nach dem Besuch Sasonow in Balmoral, wo ihm die Gespräche mit den britischen Staatsmännern zeigten, das sich Großbritannien bei einem Konflikt mit dem Deutschen Reich auf Russlands und Frankreichs Seite stellen werde. Die Balkankriege brachten Russland eine gewaltige Stärkung auf dem Balkan, besonders in Serbien. Dem Hauptziel, Konstantinopel (Istanbul wie die Hauptstadt des Osmanischen Reiches in Europa damals genannt wurde), war Russland aber nicht näher gekommen und Sasonow erkannte, dass die Meerengenfrage nur durch einen europäischen Krieg in dem gewünschten Sinne zu lösen wäre.

Balkanstaaten 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 22)
Balkanstaaten 1905 (Peips Taschen-Atlas Nr. 22)

Russland ermunterte Serbien in seiner feindseligen Haltung gegen Österreich-Ungarn und zog Rumänien in das Ententelager herüber. Ein Artikel des Kriegsministers Suchomlinow in der Zeitung „Birshewyje Vedomosti“ im Frühjahr 1914 schloss: „Wir sind bereit, und Frankreich muss es auch sein

Raymond Poincaré

Raymond Poincaré
* 20.08.1860, Bar-le-Duc,
† 15.10.1934, Paris,
französischer Staatspräsident 1913 – 1920; „Poincaré ç’est la Guerre“, bereite sein Land auf den Krieg vor.

Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau in Sarajewo, deren Organisator Dimitrievic mit dem russischen Militärattaché in Belgrad in engen Beziehungen stand, trat Russland offen für seinen Schützling Serbien ein. Der Besuch Poincarés am 20. Juli 1914 in St. Petersburg steigerte die dort herrschende Kampfesstimmung. Sasonow erklärte den österreichisch-serbischen Konflikt für eine europäische Angelegenheit, bei der Russland nicht unbeteiligt bleiben könne und zeigte sich vor allen vom Deutschen Reich ausgehenden Vermittlungsvorschlägen gegenüber unzugänglich.

Einkreisung der Mittelmächte 1914
Einkreisung der Mittelmächte 1914

Am 26. Juli 1914 begann Russland mit geheimen Mobilmachungsmaßnahmen und am 30. Juli ordnete der Zar unter dem Druck Sasonow, des Kriegsministers Suchomlinow und des Generalstabschefs Januschkewitsch die allgemeine Mobilmachung an, worauf das Deutsche Reich am 1. August 1914 abends Russland den Krieg erklären musste, bevor Russland mit seiner Mobilmachung einen nicht mehr einzuholenden Vorsprung erlangte.

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Quellenhinweise:

  • (*1) Ferdinand Sauerbruch, Hans Rudolf Berndorff: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; zitiert: Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 141–144
  • Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1908
  • Meyers Lexikon, Siebte Auflage, 1928
  • Peips Taschen-Atlas, 1905
  • Die Woche, Zeitschrift, 1905, 1910, 1912
Russland Wappen

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