Wien

Reichshaupt- und Residenzstadt des österreichischen Kaiserstaates

Wien 1.727.073 Einwohner (1900)

Wien II - Praterstrasse, Tegetthoff-Monument
Wien II – Praterstrasse, Tegetthoff-Monument

Wien

Wien (latainisch Vindobona, Vienna) ist Reichshaupt- und Residenzstadt des österreichischen Kaiserstaates. Nach ihrer Bevölkerung ist sie die viertgrößte Stadt Europas (nach London, Paris und Berlin), liegt unter 48°13′ nördliche Breite und 16°23′ östliche Länge, 170 Meter über dem Meer (meteorologische Zentralstation auf der Hohen Warte 203 m), am rechten Ufer der Donau und wird von einem Arm derselben (dem sogenannten Donaukanal) durchschnitten, der hier außer mehreren Bächen das westlich im Wiener Walde (bei Preßbaum) entspringende, 31,5 km lange Flüßchen Wien aufnimmt. Die Stadt ist durch ihre Lage am Übergang des Alpenlandes zur Donauebene, an der Grenzscheide des deutschen, slawischen und ungarischen Sprachgebietes, seit jeher von hervorragender Wichtigkeit gewesen. Sie steht auf den Abhängen der letzten nordöstlichen Ausläufer der Alpen (des Wiener Waldes, bez. des Kahlengebirges), die hier in die Ebene des Wiener Beckens übergehen. Das Klima von Wien ist gemäßigt, aber unbeständig. Die mittlere Jahreswärme beträgt 9,1°C, der Niederschlag (an 155 Tagen) 623 mm; die vorherrschenden Windrichtungen sind West und Nordwest.

Stadtteile

Wien bestand früher aus der Innere Stadt, deren Festungswerke das mit Alleen besetzte Glacis umgab und aus einem Kranz von 36 Vorstädten, von denen 4 durch den erwähnten Arm der Donau von den andern geschieden waren. 1857 wurden die Basteien und Gräben um die innere Stadt beseitigt und die hierdurch gewonnene Fläche bebaut. Die Stadt umfasste sonach zehn Bezirke: 1) die innere Stadt, 2) die Leopoldstadt (die Donauinsel), 3) die Landstraße, 4) Wieden, 5) Margarethen, 6) Mariahilf, 7) Neubau, 8) Josephstadt, 9) Alsergrund, 10) Favoriten. Mit Ausnahme des neuern 10. Bezirks war Wien seit 1703 durch einen 4 m hohen Wall und Graben (die „Linie“) gegen die außerhalb gelegenen Vororte abgegrenzt. 1890 wurden diese bis dahin selbständigen Vorortgemeinden, und zwar: Baumgarten, Breitensee, Ober- und Unter-Döbling, Fünfhaus, Gaudenzdorf, Gersthof, Hacking, Heiligenstadt, Hernals, Hetzendorf, Hietzing, Lainz, Ober- und Unter-Meidling, Neulerchenfeld, Neustift, Nußdorf, Ottakring, Penzing, Pötzleinsdorf, Rudolfsheim, Sechshaus, Ober- und Unter-Sievering, Simmering, Ober- und Unter-St. Veit, Währing und Weinhaus mit ihrem ganzen Gemeindegebiet, ferner die Ortschaften Josefsdorf (Kahlenberg), Schönbrunn und Speising ganz und Teile der Ortschaften Altmannsdorf, Aspern, Auhof, Dornbach, Grinzing, Hadersdorf, Hütteldorf, Inzersdorf, Kahlenbergerdorf, Kaiser-Ebersdorf, Klederling, Ober- und Unter-Laa, Mauer, Neuwaldegg, Salmannsdorf, Schwechat und Weidling mit Wien vereinigt und hieraus die neuen Bezirke: 11) Simmering, 12) Meidling, 13) Hietzing, 14) Rudolfsheim, 15) Fünfhaus, 16) Ottakring, 17) Hernals, 18) Währing, 19) Döbling gebildet. Hierzu kam 1900 als 20. Bezirk die vom 2. Bezirk (Leopoldstadt) abgetrennte Brigittenau und 1905 der dem Gemeindegebiete neu einverleibte 21. Bezirk Floridsdorf, am linken Ufer der Donau, mit den früher selbständigen Gemeinden Floridsdorf, Groß-Jedlersdorf, Leopoldau, Kagran, Hirschstetten, Stadlau und Aspern. Das Gemeindegebiet, das bis 1890: 55,4 km² umfasste, hat nunmehr eine Fläche von 273,08 km² bei einem Umfange von 95,6 km. Hiervon entfallen auf Häuser und Höfe 10,5 %, auf Gärten und Anlagen 8,7 %, Weingärten 2,3 %, Waldungen 15,1 %, Äcker, Wiesen und Weiden 46,3 %, Straßen und Eisenbahnen 9,2 %, Gewässer 5,1 %, Begräbnisplätze und unproduktive Flächen 3,0 %.

Plätze, Straßen, Denkmäler

Abgesehen von den an die Stelle des Glacis getretenen Stadterweiterungsanlagen, sind die Plätze der inneren Stadt meist wenig umfangreich und die Straßen eng. Größere Plätze sind: der Stephansplatz; hieran anschließend der Stock-im-Eisen-Platz, mit dem Stumpf einer Tanne, die als geheiligter Baum mit Nägeln beschlagen wurde („Stock im Eisen“); der Hohe Markt, das Zentrum des ältesten Wien, mit dem 1732 im Auftrag Karls VI. ausgeführten Votivdenkmal, die Vermählung Mariä darstellend; der Hof, mit einer 1667 errichteten Mariensäule und dem Reiterstandbild des Feldmarschalls Grafen Radetzky (von Zumbusch, 1892); die Freiung, mit einem Brunnen (von Schwanthaler, 1846); der Neue Markt, mit dem herrlichen Brunnen (von Donner, 1739 in Bleiguß ausgeführt, 1873 in Bronze umgegossen); der Franzensplatz (der Haupthof der kaiserlichen Hofburg), mit dem in Erz gegossenen Denkmal Franz‘ I. (von Marchesi, 1846); der Josephsplatz, mit dem Reiterstandbild Josephs II. als römischer Imperator (von Zauner, 1806); der äußere Burgplatz, mit den Reiterstatuen des Erzherzogs Karl und des Prinzen Eugen von Savoyen (von Fernkorn 1860 und 1865 ausgeführt); der Maria-Theresienplatz, mit dem großartigen Denkmal Maria Theresias (von Zumbusch); der Albrechtplatz, mit dem Denkmal Mozarts (von Tilgner, 1896), dem Albrechtbrunnen (von Meixner, 1869) und dem darüber sich erhebenden Reiterdenkmal des Erzherzogs Albrecht (von Zumbusch, 1899); der Beethovenplatz, mit dem Denkmal Beethovens (von Zumbusch, 1880); das Lugeck mit dem Denkmal Gutenbergs (von Bitterlich); der Karlsplatz; der Schwarzenbergplatz, mit dem Reiterdenkmal des Feldmarschalls Fürsten Schwarzenberg (von Hähnel, 1867) und dem Leuchtbrunnen; der Schillerplatz, mit dem Denkmal Schillers (von Schilling, 1876), den Büsten von Lenau und Anastasius Grün und gegenüber auf der Ringstraße dem Denkmal Goethes (von Hellmer, 1904); der mit Anlagen und dem Denkmal Anzengrubers (von Scherpe, 1905) gezierte Schmerlingplatz; der ausgedehnte, mit einem Park und den von der ehemaligen Elisabethbrücke hierher übertragenen historischen Standbildern gezierte Rathausplatz; der Liebenbergplatz, mit dem Denkmal des Bürgermeisters Liebenberg (von Silbernagl); der weitläufige Platz vor der Votivkirche, der Deutschmeisterplatz mit dem Denkmal des Wiener Hoch- und Deutschmeisterregiments (von Benk, 1906). Von den kleineren Plätzen sind zu nennen: der Minoriten-, Michaeler-, Universitäts- und Petersplatz. In den Vorstädten sind folgende Plätze zu erwähnen: der Praterstern am Eingang des Praters mit dem Denkmal des Admirals Tegetthoff (von Kundmann, 1886) und der Mozartplatz im 4. Bezirk mit dem Mozartbrunnen (von Wollek, 1905). Unter den Straßen ist die bedeutendste die Ringstraße, die in Verbindung mit dem längs des Donaukanals führenden Franz Josephs-Kai die ganze innere Stadt umzieht, eine Breite von 57 m und eine Längenausdehnung von 5 km hat. Einen zweiten Gürtel bildet die Lastenstraße, welche die Grenze des ersten Bezirks bezeichnet. An Stelle der Linienwälle bildet die Gürtelstraße einen dritten Ring, der Wien von den ehemaligen Vororten trennt. Bemerkenswerte Straßen sind in der inneren Stadt: der Graben, der Mittelpunkt des Verkehrs, mit der Dreifaltigkeitssäule (1679), der Kohlmarkt, die Kärntnerstraße, die Herrengasse, die Wollzeile, die Rotenturmstraße, die Wipplinger Straße mit der Hohen Brücke über dem Tiefen Graben, die Lothringerstraße mit dem Denkmal des Bildhauers Raphael Donner (von Kauffungen, 1906), in den Vorstädten: die Prater-, Tabor-, Kaiser Joseph-Straße, Landstraßer Hauptstraße, Ungargasse, Reisnerstraße, der Heumarkt, Rennweg, die Wiedener Hauptstraße mit dem Erzherzog Rainer-Brunnen, Favoritenstraße, Heugasse, Alleegasse, die Mariahilfer Straße, eine Hauptader des Geschäftsverkehrs, mit dem Denkmal Haydns (von Natter, 1887) und der Erzgruppe des „Gänsemädchens“ (von Wagner, 1865), die Alserstraße, Währinger Straße, Nußdorfer Straße und die Elisabeth-Promenade.

Anlagen, Brücken, Tore

Die schönste der öffentlichen Anlagen ist der an der Ostseite der Ringstraße gelegene Stadtpark. Dieser wurde 1861–67 angelegt, ist 145 Hektar groß und enthält die von H. Gasser ausgeführte Statue des Donauweibchens, dann die Denkmäler des Komponisten Schubert (von Kundmann, 1872), des Bürgermeisters Zelinka (von Pönninger, 1877), der Maler Schindler, Makart, Canon und Amerling und der Komponisten Bruckner und Strauß. Den Abschluss des Stadtparkes bildet der Kursalon. Andere Gartenanlagen sind: der Volksgarten (1824 vom Kaiser Franz I. angelegt) mit dem Theseustempel (von Nobile, 1823), dem Denkmal Grillparzers (von Kundmann, 1889, mit Reliefs von Weyr), der schönen Denkmalanlage der Kaiserin Elisabeth (von Bitterlich und Ohmann, 1907) und einem Brunnen mit Bronzegruppe (von Tilgner); der Garten des Belvedere, im französischen Geschmack angelegt; der gleichfalls im französischen Stil gehaltene Augarten in der Leopoldstadt (von Joseph II. 1775 dem Publikum geöffnet); der Rathauspark mit den Denkmälern F. v. Schmidts, des Erbauers des Rathauses (von Hofmann, 1896) und der Komponisten Johann Strauß (Vater) und Lanner (1905); die Anlagen auf dem Karlsplatz mit dem Denkmal Ressels, des Erfinders der Schiffsschraube (von Fernkorn, 1863), am Franz Josephs-Kai, zwischen den Hofmuseen und vor der Votivkirche; dann in den Vorstadtbezirken Landstraße der Arenbergpark, in Mariahilf der ehemalige Esterhazy-, in der Josephstadt der ehemalige Schönbornpark, im 19. Bezirk der Heiligenstädter Park. Neuangelegte öffentliche Gärten sind der ausgedehnte Maria Josepha-Park auf den Liniengründen zwischen dem 3. und 10. Bezirk und der Park auf der Türkenschanze nahe der Cottageanlage von Währing. Der Prater ist ein umfangreicher, aus Laubholz bestehender Naturpark (1712 Hektar groß) mit schönen Wiesengründen und alten Bäumen, auf der Insel zwischen dem Donaukanal und der Großen Donau liegend. Er bestand als Tierpark bereits im 16. Jahrhundert und wurde 1766 von Kaiser Joseph II. dem Publikum geöffnet. Zwei große, vom Praterstern strahlenförmig ausgehende Alleen teilen den Prater fächerförmig in drei Teile. Die von einer Reitallee und Promenadenwegen eingefasste Hauptallee ist der Sammelplatz der vornehmen Welt und Schauplatz der Praterfahrten; sie führt eine Stunde weit zum sogen. Luft haus und zur Freudenau (Pferderennplatz). Der Prater enthält zahlreiche Vergnügungsetablissements und Restaurationen und im sogenannten Volks- und Wurstelprater Schaubuden, Marionettentheater, Karusselle etc. Von den Gebäuden der Weltausstellung 1873 ist die aus Eisen konstruierte Rotunde von 100 m Durchmesser nebst dem umgebenden Hallenviereck stehen geblieben, die auch seither als Ausstellungsraum dient. Nördlich hiervon befindet sich das Wiener städtische Lagerhaus, östlich der Trabrennplatz. Privatgärten, deren Besuch dem Publikum gestattet ist, sind der fürstlich Schwarzenbergsche im 3. und der fürstlich Liechtensteinsche im 9. Bezirk. Auch der Botanische Garten am Rennweg ist allgemein zugänglich. Beschränkt ist der Zutritt zu dem k. k. Hofgarten an der Südseite des äußern Burgplatzes, mit der Reiterstatue Franz I., Gemahls der Kaiserin Maria Theresia, und schönem Blumensaal.
Wien besitzt 15 eiserne Brücken über die Donau und den Donaukanal. Über die regulierte Donau führen zwei große Straßenbrücken: die Kaiser Franz Josephs-Brücke in der Richtung nach Floridsdorf (1875) und die Kronprinz Rudolfs-Brücke in der Richtung gegen Kagran (1028 m lang, 1876 vollendet), ferner drei Eisenbahnbrücken der Nordwestbahn, Nordbahn (auch für Fußgänger) und der Staatseisenbahn (letztere bei Stadlau). Über den Donaukanal führen: die Brigittenbrücke, die Kaiser Franz Josephs-Jubiläumsbrücke (eiserne Hängebrücke, 1895), die Maria Theresien-Brücke (eiserne Hängebrücke, 1873), die Stephaniebrücke (eiserne Brücke, 1885), die Marienbrücke (eiserne Brücke, 1906), die Ferdinandsbrücke (eiserne Brücke, 1819), die Aspernbrücke (Kettenbrücke mit vier Löwen und den Figuren des Ruhmes, des Krieges, des Friedens und der Wohlfahrt, 1864), die Franzensbrücke (eiserne Brücke, 1903), die Sophienbrücke (eiserne Brücke, 1872) und die Kaiser Josephs-Brücke (eiserne Brücke, 1872), endlich vier Eisenbahnbrücken. Von den 31 über die Wien führenden Brücken wurden die meisten infolge der Überwölbung des Wienbettes abgetragen. Von den Toren, die ehemals aus der inneren Stadt nach den Vorstädten führten, ist gegenwärtig nur noch das äußere Burgtor, 1824 von Nobile im dorischen Stil erbaut, erhalten.

Bauwerke

Die architektonische Entwickelung Wiens lässt sich an vorhandenen Denkmälern bis in das 13. Jahrhundert verfolgen, doch sind aus dieser Zeit wenige Spuren erhalten. Mannigfaltiger sind die Zeugnisse von der reichen Bautätigkeit des 14. Jahrhunderts, der Zeit der Gotik, auf uns gekommen, wogegen die Renaissance wegen der damals herrschenden Kriegsnot wenig Denkmäler geschaffen hat. Eine fruchtbare Epoche der Wiener Baugeschichte war die Regierungszeit der Kaiser Joseph I. und Karl VI. (Fischer von Erlach, Hildebrand, Martinelli). Die Herrschaft dieser wesentlich von italienischen Vorbildern beeinflussten Richtung (Barockstil) wurde mit Übergehung des eigentlichen Rokokostils ziemlich unmittelbar von dem Klassizismus (Hauptvertreter Nobile) abgelöst, der aber mehr und mehr verflachte und zu völliger Physiognomielosigkeit der bürgerlichen Bauten führte. Erst seit 1848 begann neues Leben in der Wiener Architektur, in der seitdem der Eklektizismus, doch mit unverkennbarer Vorliebe für die Formen der italienischen Renaissance und in neuester Zeit für den Barockstil vorherrscht.
Unter den 20 Kirchen der inneren Stadt ist die hervorragendste die Domkirche zum heiligen Stephan, die von Heinrich II. Jasomirgott 1144 gegründet wurde und ihre gegenwärtige Gestalt von 1300–1510 erhielt. Sie ist eine in Form eines lateinischen Kreuzes ausgeführte dreischiffige Hallenkirche, 108 m lang, im Innern 27 m hoch, im Kreuzschiff 70 m breit, und umschließt einen Flächenraum von 3240 qm. Das Dach ist mit glasierten farbigen Ziegeln gedeckt. Von den vier Türmen des Domes sind die zwei zu beiden Seiten der Fassade stehenden, die sogen. Heidentürme, 64 m hoch. Von den beiden andern, an den Enden des Kreuzschiffes befindlichen Türmen wurde der nördliche unausgebaute 1579 mit einem schließenden Aufsatz versehen und hat im ganzen eine Höhe von 65 m. Der Bau des südlichen Turmes wurde 1433 vollendet. 1859 wurde die Turmspitze abgetragen und 1864 durch einen Neubau ersetzt. Gegenwärtig ist der Turm 139 m hoch. In diesem hängt eine 198 metrische Zentner schwere Glocke, die 1711 aus eroberten türkischen Kanonen gegossen wurde. Die Turmspitze ist mit einem vergoldeten Kreuz und Adler geschmückt. Den Haupteingang ins Innere bildet das sogenannte Riesentor, ein Rest des ältesten Baues, im romanischen Stil. Von den Kunstwerken im Innern sind hervorzuheben: der 1657 von Jakob Bock ausgeführte Hochaltar von schwarzem Marmor mit Altarblatt der Steinigung des heil. Stephanus von Tobias Bock, der alte deutsche Flügelaltar im rechten Seitenchor, die 1430 von A. Pilgram hergestellte gotische Kanzel, die Chorstühle (1480), der Sarkophag des Kaisers Friedrich III. von Nikolaus Lerch (1463 bis 1513), das Grabmal des Prinzen Eugen und des Feldmarschalls Emanuel von Savoyen in der Kreuzkapelle, das Denkmal der Befreiung Wiens von den Türken (1894) u. a. Unter dem Chore befindet sich die Kaisergruft, in der seit Ferdinand II. die Eingeweide der verstorbenen Mitglieder des Kaiserhauses beigesetzt werden. Auch ziehen sich unter der Kirche umfangreiche Katakomben hin.
Von den übrigen Kirchen der inneren Stadt sind folgende hervorzuheben: Die Hofpfarrkirche zum heiligen Augustin (1339 im gotischen Stil erbaut, 1640 im Innern umgestaltet), mit dem schönen Grabmal der Erzherzogin Christine, Gemahlin des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen (von Canova, 1805, der Totenkapelle mit den Grabmälern Leopolds II. (von Zauner), des Feldmarschalls Grafen Dann und des Arztes van Swieten, dann die Loretokapelle, in der die Herzen der verstorbenen Mitglieder des Kaiserhauses aufbewahrt werden; die Hofpfarrkirche zu St. Michael (1220 im romanischen Stil erbaut, wiederholt ergänzt und umgebaut), mit schlankem gotischen Turm und gotischem Chor (1327), an der Außenseite mit einer Sandsteingruppe: Christus am Ölberg, von 1498; die Minoritenkirche (italienische Nationalkirche, 1330 vollendet), mit schönem Portal, Denkmal Metastasios und Raffaellis Mosaikkopie des Abendmahls von Leonardo da Vinci; die Kirche Maria Stiegen (Maria am Gestade), im gotischen Stil 1340–1427 erbaut, mit einem 57 m hohen, in einer durchbrochenen Kuppel endigenden zierlichen Turme; die Pfarrkirche zu St. Peter (1702 erbaut), ein Zentralbau mit schöner Kuppel, einem Hauptportal aus grauem Marmor, Gemälden von Rothmayr und Altomonte und an der östlichen Außenwand mit dem Denkmal Karls des Großen (von Weyr, 1906); die kleine Kirche zu St. Ruprecht aus dem 8. Jahrhundert, 1430 erneuert; die Schottenkirche, 1638–62 erbaut, mit einem Hochaltar von Ferstel, Grabmal des Grafen Rüdiger von Starhemberg, Verteidiger Wiens gegen die Türken 1683, an der Außenseite mit dem Denkmal des Gründers, Herzog Heinrich II. Jasomirgott; die Universitäts- oder Jesuitenkirche, 1631 im Barockstil ausgeführt, mit Fresken von Pozzo; die Dominikanerkirche (1639 erbaut); die Kapelle des Deutschen Ordens (1326 im gotischen Stil erbaut); die Kapuzinerkirche, 1622 im Barockstil erbaut, mit der kaiserlichen Gruft, worin seit Kaiser Matthias alle verstorbenen Mitglieder des kaiserlichen Hauses beigesetzt werden; die Salvatorkapelle im ehemaligen Rathaus (aus dem 14. Jahrhundert), mit schönem Renaissanceportal (1540), seit 1871 den Altkatholiken eingeräumt.
Die hervorragendsten der älteren Kirchen in den Vorstadtbezirken sind: die Karlskirche auf der Wieden (1716–37 nach Erlöschen der Pest unter Karl VI. von Fischer von Erlach erbaut, mit imposanter ovaler Kuppel, schöner Säulenvorhalle, zwei niedrigen Glockentürmen und zwei 33 m hohen Säulen mit Reliefs von Mader (Leben des heiligen Karl Borromeus), Fresken von Rothmayr, schönen Altarblättern und dem Grabe des Dichters Collin († 1811); die Pfarrkirche zu Maria Treu in der Josephstadt (1698–1716 im Zopfstil erbaut); die Wallfahrtskirche zu Mariahilf in der gleichnamigen Vorstadt (1730 vollendet); die Salesianerinnenkirche am Rennweg (1719 vollendet), mit großer Kuppel. Unter den neuern Kirchen sind zu nennen: die schöne gotische Votivkirche (Heilandskirche), zum Andenken an die Rettung Franz Josephs I. aus Mörderhand 1853 gestiftet (von Ferstel 1856–79 gebaut), ein dreischiffiger Bau mit Querschiff, Chorumgang und Kapellenkranz, zwei schlanken, durchbrochenen, 99 m hohen Türmen, reichem statuarischen Schmuck der Fassade, im Innern reichgeschmückt, mit schönen Glasmalereien, prachtvollem Hochaltar, Grabmal des Grafen Niklas Salm, Verteidiger Wiens gegen die Türken 1529, u. a.; die Kirche zu St. Johann von Nepomuk in der Praterstraße (1846 von Rösner erbaut), mit schlank zulaufendem Turm über der Vorhalle und Hauptaltarblatt von Kupelwieser; die Pfarrkirche zu den sieben Zufluchten in der Lerchenfelder Straße (1848 nach Müllers Plan begonnen, 1861 vollendet), ein dreischiffiger Rohziegelbau im italienischen Rundbogenstil mit Querschiff, achteckiger Kuppel, zwei Türmen, im Innern mit Fresken nach Kartons von Führich; die 1860–62 von Fr. Schmidt im gotischen Stil ausgeführte Lazaristenkirche mit einem über der Vierung aufsteigenden Turm, schönem Hochaltar etc.; die St. Othmarkirche unter den Weißgärbern (von Fr. Schmidt 1866–73 im frühgotischen Stil in Ziegelrohbau erbaut); die Pfarrkirche in der Brigittenau (1867–73 gleichfalls nach dem Entwurf von Schmidt ausgeführt), ein frühgotischer Ziegelrohbau; die Kirche Maria vom Siege in Fünfhaus (1867 bis 1875 von Fr. Schmidt erbaut), ein gotischer Rohziegelbau mit Kuppel; die Elisabethkirche auf der Wieden (1860–66 von Bergmann im gotischen Stil in Ziegelrohbau ausgeführt); die gleichfalls von Bergmann in italienischer Renaissance erbaute St. Johann-Evangelistkirche im 10. Bezirk; die in den letzten Jahren aufgeführten Kirchen im 2. Bezirk (Kaiser-Jubiläumskirche am Erzherzog Karls-Platz), im 10. Bezirk (St. Antoniuskirche im romanischen Stil mit Kuppel und 2 Türmen, von Neumann), im 14. Bezirk (Rudolfskirche im gotischen Stil, von Schade), im 16. Bezirk (große gotische Kirche zur heiligen Familie, von Wielemans und Reuter 1898), im 18. Bezirk (gotische Josephskirche von F. Schmidt und gotische Leopoldskirche), auf der Landstraße etc.
Die hervorragendsten Kultusgebäude anderer Konfessionen sind in der inneren Stadt: die griechisch-nichtunierte Kirche am Fleischmarkt (1852–58 in reichem byzantinischen Stil von Hansen umgebaut); die Kirchen der evangelischen Gemeinden Augsburger und Helvetischer Konfession in der Dorotheergasse, die 1846–49 von Förster und Hansen erbaute evangelische Kirche in Mariahilf und die 1898 in Währing erbaute gotische Jubiläumskirche (von Bach und Schöne); die russische Kirche im 3. Bezirk, nach Entwürfen Kotows 1899 im Charakter der Moskauer Bauten des 17. Jahrhunderts erbaut; die Synagogen in der Seitenstettengasse (1826 von Kornhäusel erbaut) und in der Leopoldstadt (1853–58 von Förster im maurischen Stil in Ziegelrohbau ausgeführt); endlich der 1888 im maurischen Stil ausgeführte Tempel der türkischen Juden, gleichfalls in der Leopoldstadt.

Bevölkerung

  • 1754: 175.400
  • 1800: 231.050
  • 1820: 260.224
  • 1830: 317.768
  • 1840: 356.870
  • 1857: 476.222
  • 1869: 607.514
  • 1880: 704.756
  • 1890: 817.299
  • 1900: 1.727.073
  • 1910: 2.083.630

Wien zählte 1754: 175.400, 1800: 231.050, 1820: 260.224, 1830: 317.768, 1840: 356.870, 1857: 476.222, 1869: 607.514, 1880: 704.756, 1890: 817.299, 1900 mit dem Militär (26.622 Mann) und dem seither erweiterten Gemeindegebiet 1.727.073 Einwohner (für Anfang 1908 mit 2.000.030 berechnet). Die jährliche Zunahme der Bevölkerung betrug 1880 bis 1890: 2,31 %, 1890–1900: 2,28 %. Von der Bevölkerung 1900 waren 48,3 % männlichen und 51,7 % weiblichen Geschlechts. In Wien selbst waren 626.230, in anderen Gemeinden Niederösterreichs 191.206 und in den andern österreichischen Ländern 669.846 heimatberechtigt; 140.280 sind aus Ungarn, 2240 aus Bosnien und der Herzegowina und 35.155 aus dem übrigen Auslande. Dem Religionsbekenntnis nach zählte man 1.461.891 Katholiken, 54.364 Evangelische, 146.926 Israeliten und 11.776 Angehörige anderer Konfessionen oder Konfessionslose. Dem Familienstande nach waren 1.013.994 Einwohner ledig, 548.135 verheiratet, 112.828 verwitwet, geschieden und getrennt. Nach der Umgangssprache gab es unter der inländischen anwesenden Bevölkerung 1.386.115 Deutsche, 102.974 Tschechen und Slowaken, 4346 Polen und 3847 Angehörige anderer Nationalitäten. Die Zahl der Eheschließungen betrug 1905: 16.756, die der Lebendgeborenen 51.673, die der Totgeborenen 4043, die der unehelichen Geburten 16.867, die der Todesfälle 36.671.

Industrie und Handel

In Bezug auf die Fabrik und die kleingewerbliche Industrie ist Wien die erste Stadt der Monarchie. Die Gewerbezählung vom Jahre 1902 ergab eine Anzahl von 55.313 Hauptbetrieben mit 358.879 tätigen Personen, darunter 2180 Betriebe mit Motoren von zusammen 110.349 Pferdestärken. In noch höherem Maß als in der Industrie bildet Wien im Handel das wirtschaftliche Zentrum Österreichs. Nach der Gewerbezählung 1902 bestanden in Wien 48.661 Handels- und Verkehrsgewerbe (Hauptbetriebe) mit 139.577 tätigen Personen. Der Verbrauch von Wien umfasste 1906 folgende Mengen: an Vieh wurden auf dem Zentralviehmarkt zu St. Marx ausgetrieben 225.295 Rinder, hauptsächlich aus Ungarn, ferner 207.483 Kälber, 63.692 Lämmer, 84.993 Schafe und 702.514 Schweine. Ferner wurden zum Verbrauch versteuert: 16.288.031 kg Fleisch, 5.430.308 Stück Geflügel, 527.898 Stück Hafen, 2.619.168 kg Fische, 666.338 hl Wein, 2.566.659 hl Bier und 67.800 hl Branntwein. Kohlen sind mit den Eisenbahnen 1.806.108 Tonnen angekommen. Wichtige, zur Förderung des Handels und Verkehrs dienende Einrichtungen sind: die Effekten- und Warenbörse, die Börse für landwirtschaftliche Produkte, das 1876 eröffnete städtische Lagerhaus im Prater, die Lagerhäuser der ersten österreichischen Aktiengesellschaft für Lagerhäuser, der Zentralviehmarkt in St. Marx, mit Schlachthäusern etc., die Großmarkthalle und die sechs Detailmarkthallen, neben denen noch offene Märkte bestehen, der Zentralfischmarkt am Donaukanal, die Bank- und Kreditinstitute. 1905 gab es in Wien 19 Banken mit einem eingezahlten Aktienkapital von 532,2 Millionen und einem Pfandbriefumlauf von 932,2 Millionen Kronen. Die bedeutendsten derselben sind: die k. k. privilegierte Österreichisch-Ungarische Bank (gegründet 1816, bis 1878 unter der Firma Österreichische Nationalbank, mit dem ausschließlichen Rechte der Ausgabe von Banknoten, Gesellschaftskapital 210 Mill. Kronen), die Österreichische Kreditanstalt für Handel und Gewerbe (gegründet 1855, Kapital 100 Millionen), die Österreichische Länderbank (gegründet 1880, Kapital 100 Millionen), der Wiener Bankverein (gegründet 1869, 100 Millionen), die Niederösterreichische Eskomptegesellschaft (gegründet 1853, 60 Millionen), die Anglo-österreichische Bank (gegründet 1863, 48 Millionen), die Unionbank (gegründet 1870, 32 Millionen), die Allgemeine Bodenkreditanstalt (gegründet 1864, 24 Millionen Kronen). Ein hervorragendes Kreditinstitut ist ferner die Erste österreichische Sparkasse (gegründet 1819, Einlagenstand 513,4 Millionen Kronen), neben der noch die Neue Wiener Sparkasse (33,4 Millionen Kronen Einlagen), fünf Gemeindesparkassen (128,7 Millionen Kronen Einlagen) und die Postsparkasse bestehen. Für kleinere Kreditbedürfnisse sorgen 100 Vorschußvereine, die an Krediten die Summe von 117,3 Millionen Kronen gewährten. Außerdem bestehen ein k. k. Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt, eine Pfandleihanstalt der Verkehrsbank, eine Gemeinde- und 15 private Pfandleihanstalten. Das Versicherungsgeschäft wird in Wien von einer städtischen Lebens- und Rentenversicherungsanstalt, 5 Landesversicherungsanstalten, dann 17 Versicherungsgesellschaften auf Aktien, 21 Versicherungsanstalten auf Gegenseitigkeit, endlich 4 Generalagenturen auswärtiger österreichischer, 8 ungarischer und 43 Vertretungen ausländischer Versicherungsgesellschaften betrieben. Konsumvereine gibt es 15 mit 77.605 Mitgliedern.

Verkehrsanstalten

Wien ist das Zentrum des gesamten österreichischen Eisenbahnnetzes; von den 7 Bahnhöfen laufen die größten Eisenbahnen strahlenförmig nach allen Richtungen und nach allen Ländern der Monarchie aus. Die älteste Lokomotivbahn ist die Kaiser Ferdinands-Nordbahn (1836 gegründet, 1907 verstaatlicht) mit den Linien Wien-Lundenburg-Brünn und Wien-Oderberg-Krakau (Bahnhof in der Leopoldstadt). Die übrigen Bahnen sind: die Österreichisch-Ungarische Staatseisenbahn (Zentralbahnhof vor der Belvederelinie) mit den Linien Wien-Brünn-Prag-Bodenbach, Wien-Bruck-Hainburg und Wien-Marchegg; die Südbahn (Bahnhof gleichfalls vor der Belvederelinie, Frachtenbahnhof in Matzleinsdorf) mit der Linie Wien-Triest; die Staatsbahnen (Bahnhöfe vor der Mariahilfer und an der Nußdorfer Linie) mit den Linien Wien-Linz-Salzburg, Wien-Gmünd-Prag, Wien-Gmünd-Eger und Wien-Absdorf-Krems; die Österreichische Nordwestbahn (Bahnhof in der Leopoldstadt) mit der Linie Wien-Tetschen; die Wien-Pottendorf-Wiener-Neustädter Bahn (im Betrieb der Südbahn, von der sie bei Meidling abzweigt); die Wien-Aspanger Bahn (mit Bahnhof bei der St. Marxer Linie). Für den Lokalverkehr dient vor allem die 1898–99 eröffnete Wiener Stadtbahn. Dieselbe hat eine Ausdehnung von 36,2 km, ist teils Hochbahn, teils offene oder gedeckte Tiefbahn und wird mit Dampf betrieben (die Umwandlung in elektrischen Betrieb ist projektiert). Sie umfasst die Wientallinie vom Hauptzollamt längs des regulierten und mit Ufermauern versehenen Wienflusses bis Hütteldorf (im Anschluss an die Staatsbahnlinie Wien-Salzburg), die Donaukanallinie vom Hauptzollamt nach Heiligenstadt (im Anschluss an die Staatsbahnlinie Wien-Gmünd), die Gürtellinie von Heiligenstadt längs des ehemaligen Linienwalles nach Meidling (im Anschluss an die Wientallinie) und die Vorortelinie von Heiligenstadt über Penzing nach Hütteldorf. Mit der Stadtbahn wurden 1906: 31,1 Millionen Personen befördert. Hierzu kommt die Wiener Verbindungsbahn Praterstern-Hauptzollamt-Meidling-Hütteldorf und die Linie Wien-Penzing-Kleinschwechat-Donaukai-Heiligenstadt, die Kahlenbergbahn (Zahnradbahn, System Rigi) von Nußdorf auf den Kahlenberg (5,3 km), die Dampftramway (die Umwandlung in elektrischen Betrieb ist beabsichtigt) mit den Linien Hietzing-Mödling und Hietzing-Ober-St. Veit, Wien-Groß-Enzersdorf und Wien-Stammersdorf (45,2 km) und die elektrische Lokalbahn Wien-Baden, endlich die städtische Straßenbahn mit elektrischem Betrieb, die eine Länge von 189,3 km hat (davon 15,5 km mit unterirdischer, im übrigen mit oberirdischer Stromzuführung) und 1906: 199,4 Millionen Personen beförderte. An Lohnfuhrwerken bestehen 997 Fiaker, 1765 Einspänner, 1228 Lohnkutschen und 374 Stellwagen (hauptsächlich der Wiener Generalomnibusgesellschaft). Der Fremdenverkehr in den Hotels belief sich 1906 auf 176.755 Personen.
Einen wichtigen Verkehrsweg bildet für Wien die Donau, namentlich seit der 1868–81 erfolgten Regulierung des Strombettes bei Wien. In den Wiener Stationen der Donaudampfschifffahrts-Gesellschaft sind 1906: 116.429 Personen abgereist, 93.044 angekommen. Der Frachtenverkehr umfasste 198.155 Tonnen abgesendete, 409.102 Tonnen angekommene und 279.762 Tonnen durchgeführte Güter. Die süddeutsche Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft hatte in Wien einen Verkehr von 200.747 Tonnen, die ungarische Fluß- und Seeschiffahrts-Aktiengesellschaft einen solchen von 113.673 Tonnen. Ruderfahrzeuge sind im Donaukanal 5213 angekommen und 3546 abgegangen.
Für den Postverkehr bestanden 1906: 120 Postämter, bei denen 136,4 Millionen Briefe, 77,88 Millionen Postkarten, 18,91 Millionen Zeitungen, 27,11 Millionen sonstige Drucksachen, 2,48 Millionen Muster und Warenproben, 0,48 Millionen Geldbriefe im Werte von 1225,4 Millionen Kronen, 0,54 Millionen andere Sendungen im Werte von 1502,86 Millionen Kronen und 5,31 Millionen Fahrpostsendungen ohne Wertangabe, 0,39 Millionen Nachnahmen und 58,03 Millionen Postaufträge angekommen sind. Mit der Rohrpost wurden 7,97 Millionen Stück befördert. Bei den 142 Telegraphenämtern sind 2.632.446 Depeschen angekommen, 2.748.213 abgegangen, 7.431.620 über telegraphiert worden. Für den Telephonverkehr bestanden 1906: 7 Zentralstationen, 77 Sprechstellen und 24,372 Teilnehmerstationen, zwischen denen 88,41 Millionen Gespräche geführt wurden.
Von den nach dem Gesetz vom 18. Juli 1892 herzustellenden Wiener Verkehrsanlagen ist die Wiener Stadtbahn, die Anlage von Hauptsammelkanälen zu beiden Seiten des Donaukanals und die Regulierung des Wienflusses bereits ausgeführt worden. Ein Teil der Wienflußstrecke zwischen dem 1. und dem 3. und 4. Bezirk wurde überwölbt, wobei mehrere Wienbrücken, darunter die monumentale Elisabethbrücke, zur Abtragung gelangten. Die acht Marmorstatuen dieser Brücke fanden auf dem Rathausplatz Ausstellung. Um der Gefahr von Hochwässern des Wienflusses zu begegnen, wurden Staubassins im Wiental oberhalb Hütteldorf angelegt. Der Donaukanal ist durch eine Schleusenanlage gegen größere Hochwässer geschützt und in einen Handelshafen verwandelt worden; längs der beiden Ufer sind Kaimauern, vorläufig zwischen der Augarten- und Franzensbrücke, hergestellt und am untern Ende des Kanals in unmittelbarer Verbindung mit dem Hauptstrom ein Winterhafen angelegt worden.

Wohltätigkeits- und Sanitätsanstalten. Öffentliche Einrichtungen

Unter den Heilanstalten sind die bedeutendsten: das k. k. allgemeine Krankenhaus, das mit den Kliniken der Universität in Verbindung steht und gegenwärtig durch einen Neubau ersetzt wird (1784 gegründet, mit 2000 Betten), das k. k. Krankenhaus Wieden (580 Betten), das k. k. Krankenhaus Rudolf-Stiftung (860 Betten), das Kaiser Franz Joseph-Spital im 10. Bezirk (726 Betten), das Kaiserin Elisabeth-Spital im 14. Bezirk (530 Betten), das Stephanie- und das Wilhelminenspital im 16. Bezirk (222 Betten), das Sophienspital im 7. Bezirk (193 Betten), das Hospital der Barmherzigen Brüder im 2. Bezirk (1614 gegründet, mit 350 Betten), die Spitäler der Elisabethinen im 3. Bezirk und der Barmherzigen Schwestern im 6. Bezirk. Öffentliche Sanitätsanstalten, die nur gewisse Klassen von Kranken aufnehmen, sind außerdem: die vier städtischen Epidemiespitäler, die beiden Garnisonspitäler, das Priesterkranken- und Defizienteninstitut, das Spital der Wiener Kaufmannschaft, das Inquisitenspital im Landesgericht, die sieben Kinderspitäler, das Spital der israelitischen Kultusgemeinde, das Maria Theresia-Frauenhospital, das Spital und Ordinationsinstitut der Poliklinik, das Rudolfinerhaus u. a. Außerdem gibt es eine Landesgebär- und Findelanstalt, zugleich Impf- und Ammeninstitut, 3 Rekonvaleszentenheime, ein Säuglings- und ein Wöchnerinnenheim, 5 freiwillige Rettungsgesellschaften und zahlreiche private Heilanstalten etc. 1907 wurde die große neue Landesirrenanstalt im 16. Bezirk, auf einer an den Wiener Wald angrenzenden Anhöhe (Steinhof) gelegen, eröffnet, die eine Heil- und Pflegeanstalt und ein Sanatorium, zusammen 60 Gebäude, darunter eine Kirche (von Otto Wagner) und 34 Krankenpavillons, auf einer Grundfläche von 97 Hektar umfasst. Die Zahl der Badeanstalten beträgt 51, darunter das städtische Donaubad mit großem Schwimmbassin (2730 m²), die k. k. Militärschwimmanstalt, das Zentralbad, das römische, das Diana-, das Beatrix-, das Sophienbad u., ferner 17 Volksbäder.
Die für die öffentliche Armenpflege bestehenden Armenfonds hatten 1906 ein Vermögen von 46.620.730 und Ausgaben von 7.150.900 Kronen. Hierzu kommen 1404 Armenstiftungen mit einem Jahresbetrag an Interessen von 927.218 Kronen. Im ganzen wurden von der öffentlichen Armenpflege 477.419 Personen mit einer Ausgabe von 20.074.043 Kronen, von der privaten Armenpflege 307.355 Personen mit einer Ausgabe von 5.976.084 Kronen unterstützt. Besondere Wohltätigkeitsanstalten sind: das städtische Asylhaus, der Verein für Obdachlose, das städtische Werkhaus, das städtische Asyl für verlassene Kinder, 2 k. k. und 8 städtische Waisenhäuser, 24 private Waisenhäuser und Kinderasyle, 4 Bundenerziehungsanstalten, 3 Taubstummeninstitute, 72 Kindergärten, 52 Kinderbewahranstalten und Krippen, 10 Ferienkolonien, 14 Armenhäuser, 6 städtische Versorgungshäuser, darunter das große neue Versorgungsheim in Lainz (mit Kirche und 29 Gebäuden, 1904), etc.
Ein Werk von großer hygienischer Bedeutung ist die Hochquellenwasserleitung, die 1870–74 ausgeführt wurde und der Stadt das Quellwasser aus dem Gebiet des Schneeberges in einem gemauerten Kanal durch zahlreiche Stollen und mehrere große Aquädukte in einer Länge von 95,5 km zuführt. Von den sieben Reservoirs, mit einem Fassungsraum von zusammen 2.642.056 hl, verzweigt sich das Röhrennetz in einer Länge von 902.194 m. Der tägliche Wasserverbrauch beträgt im Sommer 1.167.568, im Winter 935.260 hl. Gegenwärtig wird eine zweite Hochquellenleitung gebaut, die ihr Wasser aus den Quellen des Salzagebietes am Nordabhang des Hochschwabgebirges in Steiermark in einem täglichen Wasserquantum von 200.000 m³ bezieht und eine Länge von 180 km haben wird. Außerdem besteht seit 1898 die Wientalwasserleitung zur Versorgung der Stadt mit Nutzwasser aus Stauweihern im Niederschlagsgebiete des Wienflusses, die über Rohrstränge in einer Länge von 152.948 m verfügt. Die Ableitung der atmosphärischen Niederschläge und der Abfallstoffe wird in Wien mittels eines Kanalnetzes durch ein Schwemmsystem mit natürlicher Spülung und Verstärkung derselben durch Einleitung des Überfallwassers der Wasserleitungen bewirkt. Die Aufsammlung und Abführung aller Abfallstoffe und Niederschläge geschieht in den Donaukanal mittels beiderseitiger, unterhalb der eigentlichen Stadt mündenden Sammelkanäle. Das Kanalnetz hat im ganzen eine Ausdehnung von 1869,4 km.
Ende 1906 bestanden 2606 Straßen, Gassen und Plätze im Umfange von 1274,5 Hektar, wovon 681,8 Hektar gepflastert waren. Die Straßenbeleuchtung erfolgt durch das städtische Gaswerk, in einigen Bezirken noch durch die englische und die österreichische Gasgesellschaft; die Länge der Hauptgasrohre belief sich auf 1.224.082 m, die Zahl der Gasflammen auf 33.977. Die elektrische öffentliche Beleuchtung umfasst 722 Bogenlampen und 285 Glühlampen. Neben dem großen städtischen Elektrizitätswerk (für Straßenbahnbetrieb und Stromlieferung an Privatkonsumenten) bestehen sechs private Elektrizitätsunternehmungen; der gesamte Stromverbrauch betrug 1905: 66,8 Millionen Kilowattstunden. Für die Beerdigung der Verstorbenen besteht der 1870–74 von der Kommune Wien zwischen Simmering und Klein-Schwechat angelegte große Zentralfriedhof, der eine Fläche von 155,7 Hektar hat und in einer besonderen Abteilung die Ehrengräber berühmter Männer enthält. Außerdem bestehen noch 32 Friedhöfe in einzelnen Vororten, darunter der evangelische Matzleinsdorfer Friedhof mit hübscher kleiner Kirche im byzantinischen Stil (von Hansen).

Unterrichts- und Bildungswesen

Die hervorragendste der Unterrichtsanstalten ist die von Rudolf IV. 1365 gestiftete Universität mit 4 Fakultäten. Dieselbe zählte 1905/06: 619 Lehrpersonen und 8107 Hörer und ist mit zahlreichen Instituten, Sammlungen und sonstigen Hilfsmitteln, darunter die Universitätsbibliothek (360.000 Bände), die Sternwarte, der Botanische Garten etc., ausgestattet. Andere Hochschulen sind: die Technische Hochschule (1815 eröffnet), mit einer allgemeinen Abteilung und 4 Fachschulen, 149 Lehrern und 2786 Studierenden; die Hochschule für Bodenkultur, mit 3 Abteilungen für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und kultur-technisches Studium, 71 Lehrern und 668 Studierenden; die Akademie der bildenden Künste (1692 von Leopold I. gegründet), mit 24 Lehrern und 251 Studierenden; die evangelisch-theologische Fakultät, mit 5 Lehrern und 49 Studierenden; die israelitisch-theologische Lehranstalt, mit 5 Lehrern und 30 Hörern. Von Mittelschulen bestehen: 18 Gymnasien, 18 Realschulen, 15 höhere Mädchenschulen, darunter ein Mädchengymnasium, 3 Lehrer- und 10 Lehrerinnenbildungsanstalten. Fachbildungs- u. Erziehungsanstalten sind: die Konsularakademie (gegründet von Maria Theresia 1754), die öffentliche Lehranstalt für orientalische Sprachen, die Theresianische Akademie (1746 eröffnet), zur Bildung der adligen Jugend Österreichs für Zivildienste; das höhere Weltpriester-Bildungsinstitut zum heiligen Augustin; die armenisch-katholische theologische Hauslehranstalt der Mechitaristen; mehrere Seminare und Alumnate, darunter das Pázmánysche Seminar für Kleriker aus ungarischen Diözesen; die Exportakademie des österreichischen Handelsmuseums; die Wiener Handelsakademie (1857 gegründet, mit 1143 Schülern) und die neue Wiener Handelsakademie; die Gremialhandelssachschulen und 18 private Handelsschulen; die Kunstgewerbeschule des Museums für Kunst und Industrie; die Graveur- und Medailleurschule; 2 Staatsgewerbeschulen; das technologische Gewerbemuseum; die Fachschule für Kunststickerei; der Zentralspitzenkurs; die Lehranstalt für Textilindustrie; die graphische Lehr- und Versuchsanstalt; 19 andere Fachschulen für einzelne gewerbliche Zweige, 18 Zeichen- und Malschulen, 40 sachliche Fortbildungsschulen, 40 allgemeine gewerbliche Fortbildungsschulen für Knaben und 13 für Mädchen, 82 gewerbliche Vorbereitungsschulen; das Konservatorium für Musik und darstellende Kunst (873 Schüler); 227 private Musik- und 9 Theaterschulen; die Gartenbauschule; die tierärztliche Hochschule (militärische, 1777 gegründete Anstalt); die Hebammenlehranstalt; 93 Arbeitsschulen für Mädchen etc. Für militärische Ausbildung bestehen: die Kriegsschule, die technischen und die administrativen Militärfachkurse; das Militär-Reitlehrerinstitut; die Armee- und die Artillerieschießschule; die militärärztliche Applikationsschule und 3 Kadettenschulen. In Wien bestehen 3 staatliche, 392 städtische und 48 private Volksschulen.
An der Spitze der wissenschaftlichen Institute steht die kaiserliche Akademie der Wissenschaften. Andere wissenschaftliche Institute sind: die Geologische Reichsanstalt; das Militärgeographische Institut; die österreichische Kommission der internationalen Erdmessung und das österreichische Gradmessungsbureau; die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik; die statistische Zentralkommission; die Zentralkommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmäler; das österreichische archäologische Institut; die Kommission für neuere Geschichte Österreichs. Unter den wissenschaftlichen und Kunstvereinen sind hervorzuheben: der Altertumsverein (seit 1853 bestehend); die Zoologisch-botanische Gesellschaft (1851 gegründet); die Geographische Gesellschaft (1856 gegründet); der Verein für Landeskunde von Niederösterreich; der Uraniaverein; die Landwirtschaftsgesellschaft; die Gartenbaugesellschaft (1837 gegründet); der Österreichische Reichsforstverein; die Österreichische Gesellschaft für Meteorologie; der Deutsche Schulverein; der Österreichische Architekten- und Ingenieurverein (1848 gegründet); der Niederösterreichische Gewerbeverein (1840 gegründet); der Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse; die Anthropologische Gesellschaft; die Genossenschaft der bilden den Künstler; die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst, die Nachbildungen hervorragender Kunstwerke publiziert; die Photographische Gesellschaft; der Verein Carnuntum zum Zweck der Ausgrabung der römischen Stadt dieses Namens; die Gesellschaft der Musikfreunde; der Männergesangverein u. a. Unter den zahlreichen Bibliotheken sind die bedeutendsten: die k. k. Hofbibliothek mit 500.000 Bänden (darunter 20.000 Inkunabeln), 20.000 Manuskripten, einem Musikarchiv von 12.000 Bänden und einer großen Sammlung von Kupferstichen und Holzschnitten (300.000 Blätter); die Bibliotheken der Universität, der Technischen Hochschule, des österreichischen Museums für Kunst und Industrie, der Geologischen Reichsanstalt, der Stadt Wien, des Kriegsarchivs; die kaiserliche Familien-Fideikommißbibliothek von 80.000 Bänden, 800 Inkunabeln, 26.000 Landkarten, 100.000 Kupferstichen und Handzeichnungen (darunter Lavaters Porträtsammlung); das Haus-, Hof- und Staatsarchiv (18.000 Bände und 1100 Handschriften); die Bibliotheken des Erzherzogs Friedrich, der Fürsten Schwarzenberg und Liechtenstein, des Benediktinerstiftes Schotten, der Piaristen u. a. Unter den Sammlungen stehen obenan: das kunsthistorische und das naturhistorische Hofmuseum. Ersteres umfasst die Sammlung ägyptischer Altertümer; die Antikensammlung, sehr reich an Skulpturen, Mosaiken, Inschriften, Vasen, Bronzen und geschnittenen Steinen; die Münz- und Medaillensammlung, über 160.000 Stücke zählend; die Sammlung kunstindustrieller Gegenstände, die unter anderem das Salzfaß des Benvenuto Cellini enthält; die berühmte Waffensammlung; die Gemäldegalerie, die ca. 2000 Gemälde aus allen Schulen, namentlich ausgezeichnete Stücke von Raffael, Paolo Veronese, Tintoretto, Tizian, Perugino, Andrea del Sarto, Fra Bartolommeo, den Carraccis, Guido Reni, Correggio, Parmeggianino, Velazquez, Rembrandt, Ruisdael, van Dyck, Rubens, Gerard Don, David Teniers, Jordaens, Brueghel, Holbein, Albrecht Dürer, Lukas Cranach, H. Memling, J. van Eyck, Quinten Massys u. a., enthält; die Sammlung von Aquarellen und Handzeichnungen; schlussendlich das Heroon von Trysa, eine großartige, 1842 in Lykien aufgefundene, 1882 nach Wien gebrachte Grabanlage mit Reliefs aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. (Szenen aus dem griechischen Sagenkreis). Das naturhistorische Hofmuseum umfasst die mineralogisch-petrographische Abteilung (mit berühmter Meteoritensammlung), die geologisch-paläontologische Abteilung, die anthropologisch-ethnographische Abteilung, die zoologische und die botanische Abteilung. Andere Sammlungen sind: die k. k. Schatzkammer in der Hofburg, die den Privatschmuck des Kaiserhauses, darunter den florentinischen Diamanten (133,5 Karat schwer), dann die Krönungsinsignien des römisch-deutschen Reiches enthält; die Gemäldesammlung der Akademie der bildenden Künste, mit über 1100 Bildern, namentlich der niederländischen Schulen; die staatliche moderne Gemäldegalerie (im untern Belvedere); die fürstlich Liechtensteinsche Gemäldesammlung, mit mehr als 800 Stücken, darunter namentlich Werke von Rubens und van Dyck; die Gemäldesammlungen der Grafen Harrach, Czernin und Schönborn u. a. Wechselnde Ausstellungen der bildenden Künste finden im Künstlerhaus, in der Vereinigung bildender Künstler (Sezession), im Hagenbund etc. statt. Handzeichnungen und Stiche enthalten: die oben erwähnte kaiserliche Sammlung und die Sammlung der Hofbibliothek, dann die des Erzherzogs Friedrich (die berühmte Albertina) mit mehr als 220.000 Kupferstichen und 17,000 Handzeichnungen (unter letzteren 140 Raffael, 132 Dürer, 150 Rubens, 100 Rembrandt); ferner die Sammlungen der Akademie der bildenden Künste (17.000 Handzeichnungen, 61.000 Kupferstiche und Holzschnitte, dann 1500 Gipsabgüsse) und des k. k. Museums für Kunst und Industrie. Letzteres Institut (1864 gegründet) enthält permanente und wechselnde kunstindustrielle Ausstellungen. Sonstige Sammlungen sind: die Jagd- und Sattelkammer im k. k. Hofmarstall; das Heeresmuseum im Arsenal (mit Geschützen, Waffen und Trophäen); das städtische historische Museum; das Handelsmuseum. Theater besitzt Wien zehn. Den ersten Rang nimmt das Hofburgtheater ein, das als solches 1776 von Kaiser Joseph II. gegründet wurde und auf dem Gebiete der Tragödie, des Schauspiels und des Lustspiels vorzügliche Darstellungen bietet. Das gleiche gilt vom Hofoperntheater für Oper und Ballett. Ferner sind das Jubiläumstheater für Volksopern, das deutsche Volkstheater, das Raimundtheater und das Wiener Bürgertheater für das Schauspiel, Lustspiel und die Posse, das Theater an der Wien und das Carl-Theater für Operetten, das Theater in der Josephstadt und das Lustspieltheater im Prater für Possen und Volksstücke zu erwähnen. Außerdem gibt es ein Uraniatheater und die Etablissements Ronacher, Apollo, Kolosseum und Orpheum für Schaustellungen aller Art, dann zahlreiche Singspielhallen und Volkssängergesellschaften. Musikalische Produktionen werden in künstlerisch vollendeter Weise von dem Philharmonischen Orchester, von der Gesellschaft der Musikfreunde, dem Wiener Männergesangverein etc. meist in dem Gebäude der Gesellschaft der Musikfreunde vorgeführt.

Verwaltung. Behörden

Die Gemeindevertretung von Wien bildet der Gemeinderat, der aus 165 in drei Wahlkörpern (nach dem Steuerzensus) und einem vierten allgemeinen Wahlkörper auf 6 Jahre gewählten Mitgliedern besteht. Der Gemeinderat wählt einen vom Kaiser zu bestätigenden Bürgermeister und drei Vizebürgermeister auf 6 Jahre. Der Bürgermeister ist zugleich Vorstand des Magistrats der das Verwaltungsorgan der Gemeinde und zugleich die politische Behörde erster Instanz für das Gemeindegebiet bildet. Er besteht aus 6652 Beamten und Bediensteten mit Jahresbezügen von 13,16 Millionen Kronen. Der Stadtrat ist das beschließende Organ der Gemeinde in allen Angelegenheiten des selbständigen Wirkungskreises, die nicht dem Gemeinderate vorbehalten oder dem Magistrat übertragen sind; er ist aus dem Bürgermeister, den drei Vizebürgermeistern und 27 vom Gemeinderat aus seiner Mitte gewählten Mitgliedern zusammengesetzt. In den 21 Bezirken wirken Bezirksvorsteher und Bezirksausschüsse in den Angelegenheiten des selbständigen Wirkungskreises der Gemeinde mit. Die Einnahmen der Gemeinde betrugen 1906: 148,1, die Ausgaben 143,6 Millionen Kronen. Unter den Einnahmen befinden sich: Steuern (hauptsächlich Mietzinssteuer und Zuschläge zu den staatlichen Ertragssteuern) mit 63,8, Einnahmen aus gewerblichen und Kreditunternehmungen 17,6, aus dem Gemeindevermögen 16,9, aus dem Gesundheitswesen 12,3, aus dem Verkehrswesen 3,4 Millionen Kronen, unter den Ausgaben solche für Gemeindeschulden 31,6, für Bildungszwecke 26,3, für gewerbliche und Kreditunternehmungen 20,6, für das Verkehrswesen 18,4, für Armen pflege 13,8, für den Gemeindedienst 12,0, für das Gesundheitswesen 11,5 Millionen Kronen. Der Wert des unbeweglichen Gemeindevermögens betrug 480, des beweglichen Vermögens 204,6, zusammen 684,6, die städtische Schuld 588,7 Millionen Kronen. Die Stadt ist Residenz des Kaisers, Sitz der obersten Hofämter, der gemeinsamen Ministerien, des diplomatischen Korps und der auswärtigen Konsulate, des 2. Armeekorpskommandos, des gemeinsamen obersten Rechnungshofes, der österreichischen Reichsvertretung, des Reichsgerichts und des Verwaltungsgerichtshofes, der österreichischen Ministerien, des obersten Gerichts- und Kassationshofes, des Landwehroberkommandos, des königlich ungarischen Ministeriums am Allerhöchsten Hoflager, des niederösterreichischen Landtags und Landesausschusses, der niederösterreichischen Statthalterei, des Landesgendarmeriekommandos, der Polizeidirektion, des Oberlandes-, des Landes- und des Handelsgerichts, der Finanzlandesdirektion, der Finanzprokuratur, der Post- und Telegraphendirektion, der Staatsbahndirektion, einer Handels- und Gewerbekammer, einer Forst- und Domänendirektion, einer Berghauptmannschaft, eines Fürsterzbischofs, eines apostolischen Feldvikariats, je einer Superintendenz Augsburger und Helvetischer Konfession etc. Das Wappen von Wien bildet ein nimbierter, goldener Doppeladler im schwarzen Felde mit einer Kaiserkrone über den Köpfen, auf der Brust ein weißes Kreuz im roten Feld. Als kleines Wappen wird der Brustschild des Adlers benutzt.

Umgebung

Wenige Hauptstädte erfreuen sich einer so reizenden Umgebung wie Wien. Zu den besuchtesten Punkten der Umgebung, die meist als Sommerfrischen benutzt werden und gegenwärtig zu einem großen Teil in das Gemeindegebiet einbezogen sind, gehören im Norden das Kahlengebirge (Leopoldsberg, Kahlenberg und Hermannskogel), das mit den südlich anschließenden Anhöhen des Wiener Waldes den Hauptteil des Wiener Wald- und Wiesengürtels bildet und mit einer Hochstraße versehen werden soll, ferner Klosterneuburg mit dem Stifte der Augustiner-Chorherren, Weidling (mit Lenaus Grab), Greifenstein mit Schloßruine, Dornbach und Neuwaldegg mit dem fürstlich Schwarzenbergschen Park und der Sophienalpe, im Westen im Tale der Wien das k. k. Lustschloß Schönbrunn mit Park, die Villenorte Hietzing mit dem Standbild des Kaisers Maximilian von Mexiko vor der Kirche, St. Veit, Hütteldorf, Weidlingau und Hadersdorf mit dem Laudonschen Park (Grabmal des Feldherrn Laudon), Purkersdorf und Preßbaum, im Süden die Täler von Kaltenleutgeben, Breitenfurt und Laab, Perchtoldsdorf, Mödling mit der Brühl, das k. k. Lustschloß Laxenburg mit seinem Park, Gumpoldskirchen, Baden mit dem reizenden Helenental, der Badeort Vöslau, die Täler der Triesting, Piesting und Pitten, Gloggnitz, Payerbach und Reichenau, die Eingänge zu den Alpen, der Schneeberg, die Raxalpe und der Semmering.

Geschichte

Wien war in vorrömischer Zeit ein keltischer Ort, zuerst Vindomina, dann Vindobona genannt, den die Römer zur Beherrschung der Donau befestigten. Die 13. und später die 10. Legion hatten hier ihr Standquartier, das etwa ein Viertel der mittelalterlichen „innern“ Stadt zwischen den heutigen Straßen Tiefer Graben, Graben und Rotenturmstraße umfasste. Hier starb 180 Kaiser Marcus Aurelius. In der Zeit der Völkerwanderung wird Vindomina die Grenzstadt der Rugier und Ostgoten genannt. In der babenbergischen Ostmark spielt Wien zunächst eine untergeordnetere Rolle, die Markgrafen residierten zu Melk und dann auf dem Kahlenberg. In der Lokativform Wienni findet sich der Name zuerst in den Altaicher Annalen zum Jahre 1030, indem hier Kaiser Konrads Heer beim Rückzug aus Ungarn aufgerieben wurde. Im Jahr 1137 wird Wien zuerst als civitas genannt. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts entwickelt sich rasch die Geltung dieses durch seine Lage so begünstigten Ortes. Der „Hof“, das einstige römische Prätorium, wurde Residenz der Babenberger. Markgraf Leopold der Heilige († 1136) gilt als der Wiederhersteller der Stadt; Heinrich II. Jasomirgott legte 1144 den Grundstein zur Stephanskirche, baute sich 1160 eine Burg am Hofe und stiftete 1158 das Schottenkloster. Herzog Leopold VI. verlieh 1208 den flandrischen Altbürgern einen Freiheitsbrief und 1221 der Stadt selbst eine Rechtsurkunde, die älteste bekannte Grundlage des Wiener Stadtrechts, nachdem er bereits um 1200 eine neue Burg auf der Stelle, wo jetzt die Hofburg steht, erbaut hatte. Gegen Herzog Friedrich den Streitbaren empörten sich die Wiener und fanden beim Kaiser Friedrich II. Hilfe. Dieser kam selbst nach Wien und erklärte es 1237 zu einer freien Reichsstadt. Zwar nahm schon 1240 der Herzog Wien durch Hunger und verlieh 1244 ein neues Stadtrecht, das 1247 Kaiser Friedrich bestätigte, 1246 aber starben die Babenberger aus, und Wien wurde wieder Reichsstadt. Ottokar von Böhmen gewann indessen die Stadt durch Überredung und Privilegien und erweiterte ihren Umfang ansehnlich, indem er auch den Schottenhof und die Burg zur Stadt zog. Sein Gegner Rudolf von Habsburg belagerte Wien 1276, und es kam vor der Stadt zu einem Vergleich, worin Ottokar mit den deutschen Provinzen Wien abtrat, das nun Hauptresidenz der Habsburger wurde. 1278 verlieh König Rudolf I. der Stadt wichtige Rechte. Unter Herzog Albrecht I. 1281–96 musste sie ihren Widerstand gegen seine landesfürstliche Gewalt aufgeben. Von besonderer Bedeutung für Wien wurde die Regierung Herzog Rudolfs IV. († 1365); er gab der Stephanskirche ihre gegenwärtige Gestalt, gründete 1365 die Universität und rief die wichtigsten städtischen Einrichtungen ins Leben. Am 17. Februar 1448 schloss Kaiser Friedrich III. mit Kardinal Carvajal das Wiener Konkordat ab. Gegen Friedrich empörte sich die Stadt, und als er 1462 Wien belagerte, überlisteten ihn die Wiener und belagerten ihn zwei Monate lang, bis ihn Georg Podiebrad, König von Böhmen, befreite. 1480 wurde Wien Sitz eines Bistums. 1484 eroberte es Matthias Corvinus, der hier seine Residenz aufschlug und 1490 starb.
Unter Ferdinand I. und seinen Nachfolgern war in Wien das ständige Hoflager der deutschen Kaiser. In den Türkenkriegen wurde die Stadt zum ersten Mal vom 22. September bis 15. Oktober 1529 vom Sultan Suleiman mit 120.000 Mann belagert, aber von 16.000 Mann Soldaten und 5000 Bürgern unter Nikolaus von Salm tapfer verteidigt, bis Suleiman abzog. Graf Matthias von Thurn, von den Protestanten zu Hilfe gerufen, belagerte 1619 den Erzherzog Ferdinand in Wien, sah sich aber genötigt, die Belagerung aufzuheben. 1645 erschienen die Schweden unter Torstensson vor Wien, um es, unterstützt durch die Ungarn unter dem Fürsten Rákóczi, durch Handstreich zu nehmen, zogen aber unverrichteter Sache wieder ab. 1679 sowie früher schon 1370, 1381, 1541 und 1564 wurde die Stadt von der Pest heimgesucht. In dem von den ungarischen Grafen Tököly veranlassten neuen Türkenkrieg wurde Wien vom 14. Juli bis 12. September 1683 von 200.000 Türken unter Kara Mustafa belagert, aber von 13.000 Mann Soldaten und 7000 Bürgern unter Rüdiger von Starhemberg verteidigt, bis der Herzog von Lothringen mit der Reichsarmee und Johann Sobieski von Polen die Stadt entsetzten. 1704 wurden die bei der Belagerung niedergebrannten, seitdem aber wieder aufgebauten Vorstädte gegen die bis nahe an Wien streifenden ungarischen Insurgenten unter Rákóczi mit den in jüngster Zeit beseitigten Linien umgeben, die im März und Juni d. J. die Vorstädte wirklich vor der Zerstörung schützten. 1723 erhob der Papst das Bistum Wien zu einem Erzbistum. In den französischen Kriegen war Wien zu wiederholten Malen der Schauplatz weltbewegender Ereignisse. Am 13. November 1805 wurde Wien von französischen Truppen besetzt, die aber 12. Januar 1806 infolge des Preßburger Friedens wieder abzogen. In dem neuen Krieg mit Frankreich langten die französischen Vortruppen 10. Mai 1809 vor Wien an und bombardierten in der Nacht des 12. von den Vorstädten aus die innere Stadt, worauf diese 13. Mai kapitulierte. Wien war nun der Mittelpunkt der französischen Kriegsmacht bis zum Wiener Frieden vom 14. Oktober 1809 (Wiener Friedensschlüsse). 1815 fand in den Mauern Wiens der berühmte Wiener Kongreß und 1819 ein Ministerkongreß statt. 1831 wütete zum ersten Mal die Cholera auf verheerende Weise in der Kaiserstadt. 1848 trat Wien an die Spitze der politischen Bewegung in Österreich. Am 13. März begannen die Unruhen, die zunächst zum Sturze Metternichs und Gewährung einer Verfassung durch Kaiser Ferdinand I. führten. Die Unzufriedenheit mit den erlangten Errungenschaften verursachte aber sodann in den Maitagen eine revolutionäre Bewegung, die dann im Oktober zu einer förmlichen Revolution ausartete, so dass Wien am 31. Oktober von den Truppen unter Windischgrätz wieder erobert werden musste. Wien erhielt in der Folge nach der Um- und Neugestaltung Österreichs die Stellung einer Reichshaupt- und Residenzstadt und nahm einen gewaltigen wirtschaftlichen und baulichen Aufschwung. Am 24. Januar 1857 wurde hier die für den größten Teil von Deutschland gültige Münzkonvention geschlossen. 1858 wurde mit der Beseitigung der alten inneren Befestigung der Anfang gemacht und auf dem durch die Niederlegung derselben gewonnenen Boden die großartige Ringstraße angelegt, welche die innere Stadt umgibt, und an der sich eine bedeutende Zahl neuer Prachtgebäude erheben. 1873 fand in Wien eine Weltausstellung statt. 1892 wurden die Vororte, 1904 eine Reihe von Ortsgemeinden der Bezirkshauptmannschaft Floridsdorf in das städtische Gemeinwesen einbezogen, so dass die Stadt nunmehr aus 21 Bezirken besteht. Die trennenden Linienwälle fielen, und eine neubelebte Baulust schuf neuerdings zahlreiche öffentliche und private Gebäude.