Sarajevo, Begova-Moschee

Bosnien

Bosnien-Herzegowina unter österreichischer Verwaltung (1878-1918), Geschichte in alten Ansichtskarten.

Landeshauptstadt Sarajevo

Sarajevo, Čaršijapartie
Sarajevo, Čaršijapartie

Bosnien-Herzegowina und Sandschak Novibazar

Bosnien-Herzegowina, Lage in der Österreich-Ungarn
Bosnien, Lage in der Österreich-Ungarn

Bosnien (serbisch und türkisch Bosna), die ehemalige nordwestlichste Provinz der europäischen Türkei, bildete ein Wilajet, zu dem außer dem eigentlichen Bosnien auch die Krajina, die Herzegowina und das Sandschak Novipasar gehörten. Dieselben Gebiete umfassen die 1878 von Österreich-UngarnOkkupierten Provinzen Bosnien und Herzegowina„. Ihr Areal beträgt ohne Novipasar 51.027 km² (926,7 Quadratmeilen).

Dalmatien und das Okkupationsgebiet Bosnien und Herzegowina Karte 1900 (Prof. Hickmann's geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)
Dalmatien und das Okkupationsgebiet Bosnien und Herzegowina Karte 1900 (Prof. Hickmann’s geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)

Die staatsrechtliche Stellung Bosniens beruht auf den Bestimmungen des Berliner Kongresses 1878. Demgemäß übernahm Österreich-Ungarn die Administration und Okkupation der türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina und erhielt das Recht, auch das unter türkischer Verwaltung bleibende Sandschak von Novibazar militärisch zu besetzen. Der Artikel 25 des Berliner Friedens (Berliner Kongress) vom 13. Juli 1878 bestimmte :

Sarajevo, Landeschef-Palais
Sarajevo, Landeschef-Palais

Die Provinzen Bosnien und Herzegowina werden von Österreich-Ungarn besetzt und verwaltet werden. Da die österreichisch-ungarische Regierung nicht den Wunsch hegt, die Verwaltung des Sandschaks von Novibazar zu übernehmen, welches sich zwischen Serbien und Montenegro in südöstlicher Richtung bis jenseits Mitrovitza erstreckt, so wird die ottomanische Verwaltung daselbst fortgeführt werden. Um jedoch sowohl den Bestand der neuen politischen Ordnung, als auch die Freiheit und die Sicherheit der Verkehrswege zu wahren, behält sich Österreich-Ungarn das Recht vor, im ganzen Umfang dieses Teils des alten Vilajets von Bosnien Garnisonen zu halten und Militär- und Handelsstraßen zu besitzen.

Banja Luka, Čaršija
Banja Luka, Čaršija

Die zu Konstantinopel (Istanbul) am 21. April 1879 zwischen der Türkei und Österreich-Ungarn abgeschlossene Konvention erkennt ausdrücklich an, dass die Souveränitätsrechte des Sultans durch die Tatsache der Okkupation in keiner Weise berührt werden, sichert namentlich den Moslems die Religionsfreiheit zu, bestimmt, dass die Einkünfte beider Länder nur zu deren Nutzen verwendet werden sollen, und räumt den türkischen Münzen auch fernerhin das Zirkulationsrecht ein. Der Einmarsch der österreichisch-ungarischen Truppen in Bosnien begann am 29. Juli 1878 und wurde unter blutigen Kämpfen durchgeführt. Im Sandschak Novibazar wurden die Punkte Priboj, Prjepolje und Bjelopolje ebenfalls besetzt.

Wappen:

Das Wappen Bosniens zeigt in Gold einen aus Wolken kommenden, rot geharnischten, säbelschwingenden Arm. Auf dem Schild eine Lilienkrone.

Bosnien, Wappen

Landesfarben Bosniens:

Rot und Gelb.

Bosnien, Flagge 1878 - 1908
Bosnien, Flagge 1878 – 1908

Landeshauptstadt Bosniens:

Sarajevo

Sarajevo, Franz-Josef-Straße
Sarajevo, Franz-Josef-Straße

Größe:

Das Gebiet von Bosnien und Herzegowina ist 52.102 km², das von Novibazar 8382 km² groß.

Bosnien, Karte 1900
Bosnien, Karte 1900

Bevölkerungsdichte:

Die Volksdichtigkeit beträgt 31/km². Am dichtesten ist die Bevölkerung in den nördlichen Flusstälern, am geringsten auf den Planinas in der Mitte des Landes; die hohen Gebirge sind gänzlich unbewohnt. Nur 51 Orte besaßen im Jahr 1900 über 2000, nur 4 Städte (Sarajevo, Mostar, Banjaluka und Dolnja Tuzla) zählten über 5000 Einwohner. Die Bevölkerung ist von 1.158.164 Seelen im Jahr 1879 auf 1.568.092 Seelen (1895) gestiegen, davon waren 828.190 männlichen und 739.902 weiblichen Geschlechts. Hierzu kommen noch die Besatzungstruppen (22.944 Mann), so dass die Gesamtbevölkerung 1.591.036 Seelen beträgt. Die Zahl der dauernd anwesenden Fremden beläuft sich an 70.848.

  • 1879: 1.158.164
  • 1895: 1.591.036
  • 1910: 1.931.802
Bosnien, Marktszene
Bosnien, Marktszene

Einwohner:

Der Nationalität nach sind die Bewohner überwiegend Südslawen, die dem serbo-kroatischen Stamm angehören und sich Bosniaken, bez. Herzegowiner und Raizen nennen. Außer ihnen gibt es noch 5729 sogenannte Spaniolen (aus Spanien), ferner Zigeuner, Zinzaren und Albanesen, schließlich die nach der Okkupation (1878) eingewanderten Österreicher, Reichsdeutsche, Holländer, Kroaten, Ungarn und Banater Schwaben. Die Moslems sind meist zwangsweise zum Islam übergetretene Bosniaken.

Nationalitäten- und Sprachen-Karte von Österreich-Ungarn 1895 (Prof. Hickmann's geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)
Nationalitäten- und Sprachen-Karte von Österreich-Ungarn 1895 (Prof. Hickmann’s geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)

Die größeren Grundbesitzer und die Händler in den Städten gehören dieser Religion an. Ihre religiösen Angelegenheiten leitet der Scheich ul Islam in Konstantinopel und der ihm untergeordnete Reis el Ulema in Sarajevo. Zur Bestreitung der Ausgaben für Moscheen, Schulen, Spitäler dient der sogenannte Vakuf, ein seit der türkischen Eroberung bestehendes und durch Stiftungen sehr angewachsenes Privatvermögen, das jetzt unter Aufsicht der Landesregierung verwaltet wird. Von 1878–1900 sind zusammen 17.000 Einwohner, darunter 16.000 Moslems, ausgewandert. Die Römisch-Katholischen, auch Lateiner genannt (die ältesten Bewohner), betreiben in Städten Gewerbe, auf dem Land Ackerbau und leben am dichtesten in den Kreisen Travnik und Mostar. Als kultureller Mittelpunkt dienen ihnen seit dem 13. Jahrhundert die Franziskanerklöster. Die ärmeren christlichen Ackerbauer, Rajahs genannt, lebten unter der Türkenherrschaft in sehr misslichen Verhältnissen, weil sie keinen eignen Grundbesitz besitzen durften und als Pächter (Knieten) ihren muslimischen Gutsherren unerschwingliche Abgaben und Roboten (Treuna) leisten mussten. Seit der 1878er Okkupation hat sich ihre Lage sehr gebessert. Unter den 1.400.000 Einwohner, die sich mit der Landwirtschaft beschäftigen, sind 2,13 % Gutsbesitzer, 33,45 % Freibauern und 38,25 % Knieten, 11,26 % Freibauern, die zugleich Knieten sind, und 3,25 % sonstige Beschäftigte.

Volkstrachten Bosnien-Herzegowina
Volkstrachten Bosnien-Herzegowina

Der römisch-katholische Erzbischof von Bosnien residiert seit 1881 in Sarajevo, Bischofssitze sind Banjaluka, Mostar und Trebinje. Die Griechisch-Orientalischen unterstehen dem Patriarchen von Konstantinopel und den Metropoliten von Sarajevo, Dolnja Tuzla und Mostar. An Kopfzahl nehmen sie zwar die erste, kulturell aber erst die dritte Stelle ein. Auch sie treiben Ackerbau oder Handel. Am zahlreichsten wohnen sie in den nördlichen Gegenden des Landes. Sie zeigen große Vorliebe für nationalen Gesang und Tanz (Kolo). Die kulturellen Verhältnisse sind zurzeit noch sehr traurig; über 90 % der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben. Die konfessionellen Schulen stehen auf tiefer Stufe. Seit kurzem gibt es mehrere Staatsschulen, so 2 Staatsobergymnasien, eine Oberrealschule, 10 Handelsschulen und ein Lehrerseminar. Die physische Beschaffenheit der Bosniaken gleicht jener der benachbarten Südslawen; auch bei ihnen findet man hohe, kräftige Gestalten, ausdrucksvolle Züge, Ruhe und Würde in der Haltung. Die Volkstracht der Männer (ohne Unterschied der Konfession und Nationalität) ist im allgemeinen die türkische; sie erscheinen mit Vorliebe (mit Messer, Handschar, Pistolen und Gewehr) bewaffnet. Die Kleidung der muslimischen Frauen ist die türkische, jene der christlichen Frauen gleichfalls türkisch oder serbisch-morlakisch.

Bosnien, Türkischer Kaffee im Freien
Bosnien, Türkischer Kaffee im Freien

Die Wohnungen in den Dörfern gleichen denjenigen der dalmatinischen Morlaken. Selbst in den Städten bestehen die Häuser aus Holz mit schwachen Lehm- und Kalkwänden, haben nur kleine Fenster (meist ohne Glas oder mit Holzgitter) und keinen Rauchfang. Vom Erdgeschoß, wo sich die Räume für das Gesinde und der Stall befinden, führt eine steile Treppe in das Stockwerk, das mehrere kleinere, niedrige Zimmer und eine offene Veranda (Divanhan) umfasst. Der Boden ist meistens mit Teppichen bedeckt; eine längs der Wand angebrachte niedrige Bank und ein Schrank vertreten die Möbel. Noch primitiver sind die Steinbauten der Herzegowina. Ebenso einfach ist der Han (Einkehrhaus) des Ortes. Die Städte bestehen zumeist aus der höher gelegenen, mit Wällen umgebenen Festung (Grad) und der gleichfalls ummauerten inneren Stadt (Varosch) und bieten mit ihren Moscheen und Türmen inmitten der Gärten von fern ein pittoreskes Bild, zeigen in der Nähe aber enge, schmutzige, schlecht gepflasterte Straßen in trostloser Verwahrlosung. Doch hat sich manches seit 1878 gebessert. Der Handel konzentriert sich in der Čarsia, wo sich die Amtsräume und Basare (Gewölbe) befinden. Die Nahrung der Bevölkerung ist sehr einfach: Milch, Schafkäse, Maiskuchen, Reis und Hammelfleisch, Zwiebeln und Knoblauch; die Türken genießen oft Kaffee.

Sarajevo, Alter türkischer Friedhof
Sarajevo, Alter türkischer Friedhof

Klima:

Das Klima ist nur in der Herzegowina zum Teil südlich-heiß, in Bosnien jedoch, wo die höchsten Bergspitzen das ganze Jahr hindurch mit Schnee bedeckt sind herrscht im Sommer eine milde Temperatur. In den höheren Waldgebirgen herrscht zumeist eine feuchte, sehr gemäßigte Luft; dagegen ist es aber auch im Winter sehr kalt. An einigen Orten, wie auf der Hochebene von Kupresch, der Wasserscheide zwischen der Donau und dem Adriatischen Meer, bei Duvno und Liwno, wütet die Bora (sturmartiger Nordostwind) wie auf dem Karstgebirge und wird nicht selten den Schafherden und Wanderern gefährlich. Die Krajina und die Save-Ebene sind milder als das benachbarte Kroatien.

Bäuerinnen am Heimwege
Bäuerinnen am Heimwege

Religion:

Religions-Karte von Österreich-Ungarn 1895 (Prof. Hickmann's geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)
Religions-Karte von Österreich-Ungarn 1895 (Prof. Hickmann’s geographisch-statistischer Taschenatlas von Österreich-Ungarn)

Die Religion unterscheidet die Bewohner Bosniens in Christen, Moslems und Juden.
1879 zählte man:

  • 496.761 Griechisch-katholische
  • 448.613 Moslems
  • 209.391 Römisch-katholische
  •    3.439 Israeliten
  •       249 Andersgläubige

Die Moslems sind meist Bosnier, die einst, um ihre Güter zu behaupten, zum Islam übertraten, seitdem die ärgsten Feinde des Christentums sind und meist in den Städten wohnen, wo sie Handwerk und Handel treiben. Die Christen leben in den Dörfern als Landbauer, namentlich im Norden von Novi bis Bjelina, dann längs der Grenze Dalmatiens und der Herzegowina. Die griechischen Katholiken unterstehen dem Patriarchen von Konstantinopel und haben einen Metropoliten in Sarajevo und zwei Bischöfe in Mostar und Izvornik. Die römischen Katholiken bilden drei apostolische Vikariate und unterstehen dem Bischof von Ragusa (Dubrovnik).

Wirtschaft:

Türkei, Münzen um 1900
Türkei, Münzen um 1900

Die Industrie des Landes bewegte sich früher in den Formen der Hausindustrie. Unter Leitung des Ältesten der Hauskommunion wurden Waffen, Kupfergeräte, Wollenstoffe, Teppiche, Decken u. Lederarbeiten verfertigt. Das türkische Kleingewerbe teilte sich in Zünfte. Seit der Okkupation hat die Regierung die Hausindustrie gehoben, z. B. die Teppich- und Gobelinweberei in Sarajevo, zugleich aber durch mancherlei Begünstigungen eine Fabrikindustrie ins Leben gerufen. Es gibt jetzt Eisen- und Stahlwerke (in Zenica und Vareš), eine Faßdaubenfabrik, eine Petroleumraffinerie (Brod), eine Spiritusraffinerie, eine Ammoniak- und mehrere Sodafabriken, eine Seifen- und Kerzenfabrik, eine Papier-, eine Tuch- und eine Lederfabrik, ein Elektrizitätswerk (in Jajce, mit 6000 PS, erzeugt Calciumkarbid), eine Likör-, eine Zuckerfabrik und mehrere Brauereien, endlich 4 staatliche Tabakfabriken. Der Handel war bis 1878 durch Mangel an Eisenbahnen und guten Straßen und infolge hoher Zölle und Monopole sehr gehemmt. An vielen Orten herrschte noch Tauschhandel. Nach der Okkupation wurde das Straßennetz verbessert und ergänzt, und jetzt gibt es 3900 km Chausseen und insgesamt über 6300 km fahrbare Straßen. Die Länge der Eisenbahnen beträgt 1902 = 1087 km, wovon die meisten schmalspurig sind. Die Hauptlinie, die Kroatien und Ungarn mit der Adria verbindet, geht von Brod über Sarajevo, Mostar, Gabela nach Gravosa (Ragusa) und ist 555 km lang.

Mostar, Römerbrücke
Mostar, Römerbrücke

Militärische Postanstalten gibt es im Jahr 1901 = 89; die Zahl der Briefe betrug 1901 an 13 Millionen, Telegrafenbüros gab es 131, die 406.000 Telegramme beförderten. Die Länge der Telefonlinien beträgt 342 km. Der Warenverkehr zeigt seit 1878 staunenswerte Fortschritte. Im Jahr 1865 betrug der Wert der Einfuhr 3,8 Millionen Gulden, jener der Ausfuhr 4 Millionen. Dagegen betrug der Gesamtverkehr des Jahres 1900: 8.025.727 metrische Zentner im Gesamtwert von 34 Millionen Kronen, davon entfielen 2,1 Millionen metrische Zentner auf die Einfuhr, 5,9 Millionen metrische Zentner auf die Ausfuhr. Zur Ausfuhr gelangten 1899 vorwiegend Naturprodukte, Holz, Faßdauben, Kohle (112.000 metrische Zentner), lebende Tiere (243.000 Stück), Häute, Wolle, Wachs, Pflaumen (236.000 metrische Zentner), Getreide, Tabak und Mineralien. Die Einfuhr umfasste Industrieartikel, Mehl und andere Lebensmittel. 97 % der Ausfuhr gelangten nach Österreich-Ungarn. Unter den Geldinstituten ist die 1895 begründete Bosnische Landesbank vorwiegend im Hypothekengeschäft tätig.

Travnik
Travnik

Der Haupterwerbszweig der Mehrzahl der Bevölkerung (88 %) ist die noch sehr unrationell betriebene Landwirtschaft; trotzdem entfallen vom Gesamtgebiete des Landes gegenwärtig weniger als die Hälfte (2.335.894 Hektar) auf Kulturboden. Der Ernteertrag betrug von 1882–86 durchschnittlich 7.811.194 metrische Zentner und von 1892–96: 15.675.641 metrische Zentner. 1898 betrug er 17.178.000 metrische Zentner. Davon entfiel mehr als ein Drittel auf Mais und Futterpflanzen (6,2 Mill. metrische Zentner); dann folgten in absteigender Linie Getreide (5,5 Millionen metrische Zentner), Gemüsepflanzen und Obst (2,7 Millionen metrische Zentner). Die Kartoffelernte betrug 1898: 653.000  metrische Zentner. Die erst seit 1882 bei Doboj gepflanzte Zuckerrübe gedeiht vortrefflich und lieferte 1898: 350.000 metrische Zentner. An Tabak wurden 1898: 32.000 metrische Zentner geerntet. In den südlichen Tälern der Herzegowina gedeihen auch Mandeln, Kastanien und Feigen. Von den übrigen Obstsorten ist die bosnische Pflaume von größter Bedeutung, von der (in guten Jahren) bis 240.000 metrische Zentner gewonnen werden. Weinbau wird gleichfalls vorwiegend in der Herzegowina betrieben, wo vortreffliche Sorten (Žilavka) gedeihen. In den letzten Jahren erntete man 64.000 metrische Zentner Trauben, die meist roh verzehrt wurden; an Wein wurden 30.000 hl gewonnen. Ein nicht minder wichtiger Erwerbszweig ist die Tierzucht. Die ungeheure Vermehrung der Haustiere ist ein sprechender Beweis für den Aufschwung der Landwirtschaft. Die kleinen, aber ausdauernden Pferde werden meist als Tragtiere verwendet, ebenso die Maultiere (6000 Stück). Zur Verbesserung der Rinderzucht wurden Mölltaler, Pinzgauer und Wipptaler Zuchttiere eingeführt. Die Schaf- und Ziegenzucht ist besonders in der Herzegowina lebhaft; der Hauptmarkt für Wolle ist Livno. Schweine züchtet nur die christliche Bevölkerung der Posavina. Neuerdings entwickelt sich auch die Federviehzucht. Bienenstöcke gab es 1895: 140.000. Das Jagdwild (Hirsch, Reh, Gemse, Wildschwein, Hase, Bär, Wolf, Luchs, Otter, Fuchs, Auerhahn, Adler, Rebhuhn, Wachtel, Wildente) hat stark abgenommen. Der Wald bedeckt 50 % des ganzen Areals (2,58 Millionen Hektar). Davon sind 58 % Laubwald und 42 % Nadelholz. 2.029.000 Hektar sind Staatsbesitz, 551.000 Hektar Privateigentum des Vakufs. Die unter der türkischen Herrschaft bestehende Raubwirtschaft hat viel zur Karstbildung beigetragen. In der Nähe der Wohnorte und Verkehrsadern ist zumeist nur spärlicher Buschwald vorhanden.

Gruß aus Tuzla
Gruß aus Tuzla

Der unter den Römern blühende Bergbau ging im Mittelalter sehr zurück und hörte unter der Türkenherrschaft fast ganz auf. Nach der Okkupation fanden sofort gründliche Erhebungen statt, und wurden zunächst 30 Braunkohlenbecken festgestellt, Aktienunternehmungen (die Bosnia-Gewerkschaft) ins Leben gerufen und 1881 ein Berggesetz erlassen. Gegenwärtig sind folgende Kohlenbecken von Bedeutung: jenes von Zenica und von Kreka (im Dolnja Tuzlaer Becken), deren jährliche Produktion (die kleineren Kohlenwerke mit einbegriffen) sich 1897 auf 2.296.431 metrische Zentner belief. Die Zahl der Arbeiter betrug 807. Dann gibt es Kupfererze in Sinjako, Manganerze in Cevljanović-Vogošća (1900: 52.000 metrische Zentner), Chromerze in Duboštica; Gold wird im Wrbas- und im Lašvabett bei Travnik gewonnen, Silber bei Srebrenica, Blei bei Olovo-Reiche. Salzquellen befinden sich bei Siminhan und Dolnja Tuzla (jährliche Produktion ca. 125.000 metrische Zentner Sudsalz). Quecksilber findet man bei Fojnica und Kreševo (1890: 38 metrische Zentner); ferner gibt es Fahlerz, Antimon und Gips. Bei Rośanj fand man Erdöl. Unter den vielen Mineralquellen sind die Arsenquelle von Srebrenica („Guberquelle“), die Schwefelthermen von Gata, Ilidze, Banjaluka und Novipasar, die Bittersalzquellen bei Dolnja Tuzla die bedeutendsten.

Bihač, Stadtansicht
Bihač, Stadtansicht

Politische Verwaltung und Einteilung Bosniens:

Die staatsrechtliche Stellung Bosniens beruht auf den Bestimmungen des Berliner Kongresses vom Jahre 1878, kraft deren Österreich-Ungarn das Recht erhielt, Bosnien und die Herzegowina militärisch zu besetzen und zu verwalten, wie auch das Sandschak Novipasar zu besetzen. In der nachträglich am 21. April 1879 in Konstantinopel abgeschlossenen Konvention erkannte Österreich-Ungarn die Souveränitätsrechte des Sultans ausdrücklich an und sicherte namentlich den Moslems Religionsfreiheit zu, Landeshauptstadt ist Sarajevo. Die Landesregierung (mit politisch-administrativer, finanzieller, judizieller u. Bauabteilung) untersteht dem k. u. k. Reichsfinanzminister in Wien, der seinerseits der österreichischen und ungarischen Delegation verantwortlich ist. Als Verwaltungs- und Justizbehörden fungieren die erwähnten 6 Kreis- und 53 Bezirksämter; die finanziellen Angelegenheiten leiten 6 Steuer- und Finanzinspektorate. Das Budget Bosniens für 1902 ist in Einnahme auf 44.846.281, in Ausgabe auf 44.582.296 Kronen veranschlagt. Zu den Einnahmen tragen die Kleinviehsteuer und das Tabakmonopol je 9 Millionen Kronen, der Zehnte 8 Millionen Kronen bei; unter den Ausgaben erfordert die innere Verwaltung 18,1 Millionen, die Finanzverwaltung 13,7 und das Bauwesen 7,4 Millionen Kronen. Die Staatsschuld beträgt 46 Millionen Kronen, davon 22 Millionen für Eisenbahnbauten.

In politischer Beziehung wurde Bosnien und Herzegowina (mit der gemeinsamen Hauptstadt Sarajevo in 6 Kreise und 47 Bezirke eingeteilt. 1895 fand eine Volkszählung statt, welche 1.568.092 Einwohner fand und zwar in den Kreisen:

Kreisekm²Einwohner
Sarajevo (8 Bezirke)8411228107
Banjaluka (10 Bezirke)9044329499
Bihač (6 Bezirke)5526191897
Travnik ( 9 Bezirke)10023240088
Dolnja Tuzla (10 Bezirke)8904358990
Mostar (Herzegowina, 10 Bezirke )9119219511
Zusammen:510271568092

Geschichte Bosniens:

Erst in jüngster Zeit hat unter Leitung des Landesmuseums von Sarajevo die wissenschaftliche Erforschung Bosniens begonnen. Die Ausgrabungen förderten reiche Ausbeute zutage. Bei Bihać fand man Pfahlbauten. Die Urbewohner waren Illyrier. Bosnien bildete im Altertum einen Teil Illyriens, kam als römische Provinz zu Pannonien, unter Augustus aber zu Dalmatien. An die Römerzeit erinnern zahlreiche Bauüberreste, Statuen und das Soldatenlager an dem Hügel Mogorila, dem „herzegowinischen Pompeji“. In der Völkerwanderung wurde es verschiedenfach heimgesucht. Sodann stand das von Slawen oder slawisierten Illyriern bewohnte Land bald unter serbischer, bald unter kroatischer Oberhoheit und wurde nebst Kroatien auch von den ungarischen Königen abhängig, die insbesondere die ketzerischen Bogomilen verfolgten, bis in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts der Ban Stephan Twartko das ganze Küstenland besetzte und sich zum König von Bosnien und Serbien erklärte.

Europäische Türkei von 1812 - 1878
Europäische Türkei von 1812 – 1878

Als König Siegmund den Aufstand der bosnischen Großen unterdrückt hatte, rief der rachsüchtige Fürst Hervoja die Türken herbei, die Bosnien zuerst 1415 verwüsteten. Doch nahmen die serbischen Könige wieder von Bosnien Besitz, bis es von Mohammed II. 1463 dauernd erobert wurde. Der letzte König, Stephan Tomasevic, wurde enthauptet, 100.000 Menschen als Sklaven weggeschleppt, 30.000 Knaben unter die Janitscharen eingereiht; viele Bosniaken nahmen den Islam an und wurden nun die Herren des Landes (Begs). Nur einen kleinen Teil von Bosnien behaupteten die Ungarn bis zur Schlacht von Mohács 1526. Seitdem war ganz Bosnien türkisch, obgleich Eugen von Savoyen 1697 bis Sarajevo vordrang. Im Karlowitzer Frieden 1699 wurde der Pforte der Besitz von Bosnien ausdrücklich bestätigt. Durch Abgaben schwer bedrückt, erhob sich der muslimische Landadel 1826–31, 1849 und 1850, wurde aber durch Omer Pascha niedergeworfen.

Sarajevo, Kaisermoschee
Sarajevo, Kaisermoschee

1875 brach im Anschluss an eine Erhebung der Herzegowina ein neuer Aufstand aus, den die türkische Regierung wegen gleichzeitiger anderer Kämpfe nicht eindämmen konnte. Der Berliner Kongress beauftragte endlich Österreich-Ungarn mit der Okkupation und Verwaltung Bosniens und der Herzegowina. Dieses ließ 29. Juli 1878 seine Truppen über die Grenze rücken, hatte aber blutige Kämpfe mit der fanatisierten muslimischen Bevölkerung zu bestehen, so dass die Okkupation erst Ende Oktober, nach Eroberung der Festungen Bihač und Kladus, vollendet war. Bosnien wurde nun unter österreichisch-ungarische Verwaltung gestellt, über die der österreichisch-ungarische Reichsfinanzminister die Oberaufsicht führt. Die Beziehungen zur Türkei wurden durch einen Vertrag vom 21. April 1879 geregelt, der die Souveränität des Sultans über Bosnien nominell anerkannte.

Europäische Türkei seit 1878
Europäische Türkei seit 1878

1880 wurde Bosnien dem österreichischen Zollgebiet einverleibt und 1881 ein Wehrgesetz nach österreichischem Muster mit allgemeiner Wehrpflicht eingeführt. 1882 erhielt Bosnien eine Zivilverwaltung. Über die Reformen und den Fortschritt, den Bosnien seit 1878 auf allen Gebieten getan, s. oben. Trotzdem kam es wiederholt zu Aufständen, insbesondere 1883. In jüngster Zeit bildete sich von Mostar aus eine neue Bewegung unter den Moslems, die (vielleicht unter dem Einfluss Montenegros und Serbiens) scharfe Klagen gegen den Reichsfinanzminister Kállay erhob.

Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo. Le Petit Journal 1914
Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo. Le Petit Journal 1914

Die Unzufriedenen verlangen, dass die gewaltsame Katholisierung und die kroatische Propaganda aufhöre, dass ferner der Wakuf-Fonds seiner kirchlichen Bestimmung zurückgegeben, die Steuer nicht so strenge eingetrieben werde u. dgl. Minister Kállay hat sein Vorgehen vor den Delegationen wiederholt und 1900 in einer eignen Studie verteidigt. Doch im Mai 1901 und April 1902 tauchten die alten Beschwerden verschärft wieder auf. 1908 erfolgte die Annexionserklärung durch Österreich-Ungarn. Am 28. Juni 1914 ermordeten serbische Nationalisten in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und lösten damit den Ersten Weltkrieg aus.

Sarajevo, Attentatsort 1914
Sarajevo, Attentatsort 1914

1918 wurde Bosnien-Herzegowina Bestandteil des neu geschaffenen Königreich Jugoslawien. Seit 1992 ist das Land als Republik Bosnien und Herzegowina (Republika Bosna i Hercegovina) unabhängig. Der nachfolgende Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 forderte etwa 100.000 Tote.

Bildergalerie

Quellenhinweise:

  • „Allgemeines Ortschaften-Verzeichnis der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“, Wien 1902
  • „Andrees neuer allgemeiner und österreichisch-ungarischer Handatlas“, 1904
  • „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ 6. Auflage in 20 Bänden, Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1905-1911
  • „Österreichs Hort – Geschichts- und Kulturbilder aus den Habsburgischen Erbländern“, 1908
  • „Österreichische Bürgerkunde – Handbuch der Staats und Rechtskunde“ um 1910
  • „Mein Österreich – Mein Heimatland“ 1915
Wappen Kaisertum Österreich

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