Posen

Hauptstadt der Provinz Posen und des gleichnamigen Regierungsbezirks im Königreich Preußen

Posen 136.808 Einwohner – 1905 = 34. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Posen, Am Wilhelmplatz - Kaiser Friedrich-Denkmal
Posen, Am Wilhelmplatz – Kaiser Friedrich-Denkmal

 

Stadt Posen

Die Stadt Posen (polnisch Poznań) ist die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks im Königreich Preußen und der Provinz Posen, Stadtkreis, Festung ersten Ranges, liegt an der Mündung der Bogdanka und Zybina in die Warthe und 58 Meter über dem Meer. Posen besteht aus der Altstadt und der eleganten, unter preußischer Herrschaft erst entstandenen Neustadt auf dem linken und den Vorstädten Wallischei (Chwaliszewo), Ostrowek, Schrodka, Zawade und St. Roch auf dem rechten Wartheufer. Als eingemeindet kamen 1895 Berdychowo Pietrowo und Fort Rauch und 1900 auf dem linken Wartheufer Jersitz, St. Lazarus und Wilda hinzu. Von 1827–53 wurde Posen zu einer Festung ersten Ranges umgebaut und diese seit 1876 noch durch einen Kreis von Außenforts modernisiert. Das hochgelegene ältere Fort Winiary im Norden bildet die Zitadelle. Seit durch königliche Kabinettsorder vom 3. Sept. 1902 die Abtragung der Westfront der inneren Stadtumwallung und damit der Fortfall der Rayonbeschränkungen verfügt ist, sind die westlichen Vororte Jersitz, Wilda und St. Lazarus sehr erheblich ausgebaut worden. Durch Bebauung des zum Teil an die Stadt überlassenen eingeebneten Wallgeländes ist eine günstige Bodenausnutzung und allmähliches Zusammenwachsen der Stadt mit jenen Vororten gewährleistet.

Posen hat meist schöne, breite Straßen, worunter die mit Baum- und Blumenanlagen versehene Wilhelmstraße, die Friedrich-, Viktoria-, Neue Straße, Berliner, St. Martin- und die Neue Gartenstraße, welche die westlichen Vororte durchzieht, die ansehnlichsten sind. Unter den Plätzen sind besonders hervorzuheben der Alte Markt, der Wilhelmsplatz, Sapiehaplatz und der Königsplatz mit dem Perseusbrunnen. Als neue Park- und Schmuckanlagen sind im Südwesten der Stadt der Botanische Garten, in der Altstadt die Schlossberganlagen, in der Neustadt, am Königstor, der aus einem älteren Privatgarten umgeschaffene Stadtpark entstanden. Von den 15 katholischen und 3 evangelischen Kirchen Posens verdienen erwähnt zu werden der katholische Dom auf der Dominsel mit zahlreichen Grabdenkmälern und der sogen. Goldenen Kapelle, die, 1842 besonders durch Mitwirkung des Grafen E. Raczynski in byzantinischem Stil errichtet, als größtes Kunstwerk die Bronzegruppe der beiden ersten polnischen Fürsten Mscislaw und Boleslaw Chabry (von Rauch) enthält, ferner die katholische Stadtpfarrkirche, ehemals Jesuitenkirche, im italienischen Barockstil (1705), die gotische alte Marienkirche (1433), die evangelische Kreuzkirche, im Barockstil, mit elliptischer Kuppel (1768–86 als zurzeit älteste evangelische Kirche erbaut), die neuere evangelische Paulikirche, nach Stülers Entwurf (1841). Auch bestehen mehrere Synagogen.

Unter den Profanbauten ist am bemerkenswertesten das Rathaus, ursprünglich gotisch, 1552 von Giovanni Battista di Quadro aus Lucca in Renaissanceformen umgebaut, mit ansehnlichem Turm, und das durch einen Übergang mit dem Rathaus verbundene neue Stadthaus, das mit einer korinthischen Säulenfront geschmückte Gebäude der Raczynskischen Bibliothek, die neuen Paläste der Kaiser Wilhelm-Bibliothek und des Kaiser Friedrich-Museums, das Ständehaus des Kreises Posen-West, die Oberpostdirektion, das Stadttheater, das Oberlandesgericht, der Schlacht- und Viehhof und eine Anzahl stattlicher neuer Schulgebäude; am niedergelegten westlichen Wallgelände das königliche Residenzschloss, die Dienstgebäude der Akademie, der Ansiedelungskommission, Eisenbahndirektion, Oberpostdirektion und das neue Stadttheater, so dass von diesen Palastbauten umrahmt, sich der Hauptzugang zur Stadt sehr eindrucksvoll gestaltet. Von Denkmälern seien genannt als ältere die Prangersäule und der Proserpinabrunnen vor dem Rathaus, als neuere die Standbilder Kaiser Wilhelms I., Kaiser Friedrichs III. und Bismarcks.

Im Jahr 1905 leben hier mit der Garnison (1 Grenadierregiment Nr. 6,2 Infanterieregimenter Nr. 46 und 47,1 Regiment Königsjäger zu Pferd Nr. 1,1 Feldartillerieregiment Nr. 20,1 Fußartillerieregiment Nr. 5 und 1 Trainbataillon Nr. 5) 136.808 Einwohner, darunter 43.082 Evangelische, 87.613 Katholiken und 5761 Juden. In der Stadt leben der Nationalität nach 58.552 Deutsche, 78.309 Polen, 206 anderer Muttersprache sowie 6381 aktive Militärpersonen. Entsprechend dem überwiegend agrarischen Charakter der Provinz stehen unter den Industrieanlagen diejenigen voran, die sich mit der Herstellung landwirtschaftlicher Bedarfsgegenstände und der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse befassen. Die größeren Maschinenfabriken widmen sich der Herstellung von Ackergeräten und landwirtschaftlichen Maschinen, Dampfkesseln und Dampfmaschinen, der Einrichtung ganzer Brennereien, Zuckerfabriken, Mahl- und Schneidemühlen und Ziegelöfen Hervorgehoben seien die Ziegeleien, Zementwerke, Fabriken für künstliche Dungmittel.

Von hoher Bedeutung sind sodann die Müllerei mit einem Jahresumsatz von zirka 10,5 Millionen Mark, die Spritfabriken (6 Millionen Mark), die Brauereien (1,5 Millionen Mark.), die Holzbearbeitungs- und Möbelfabriken (750.000 Mark). Erwähnung verdient daneben die Herstellung von Dachpappe, Zigarren, Zigaretten, Likören, Schuhwaren. Der lebhafte Handel, unterstützt durch eine Börse und eine Handelskammer, beschäftigt sich vorzugsweise mit dem Vertrieb der landwirtschaftlichen Produkte, namentlich von Getreide, Kartoffeln, Futterstoffen. Vieh, ferner von Spiritus, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten, Eisen, Holz, Wolle, Leder. Von öffentlichen Geldinstituten seien genannt: die Reichsbankhauptstelle (Umsatz 1905: 1862 Millionen Mark), Provinzialrentenbank, Landeskulturrentenbank, Landschaftsbank, unter den Privatbanken steht obenan die Aktiengesellschaft Ostbank für Handel und Gewerbe (Aktienkapital 8 Millionen Mark). Den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Straßenbahn von 18,5 km Schienen länge sowie ein Fernsprechnetz (2518 Sprechstellen). Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Posen-Frankfurt a. O., Posen – Breslau, Posen-Thorn, Posen-Kreuzburg, Posen-Wreschen, Posen-Stargard und Posen-Neustettin. Neben dem Bahntransport kommt noch hinzu der auf der Wasserstraße, der Warthe, auf der 1905: 1169 beladene Kähne, Schleppdampfer, Flöße Posen passierten und die besonders stark vom Getreidehandel benutzt wurde.

Anstalten und Behörden. An Unterrichtsanstalten hat Posen eine königliche Akademie, 3 staatliche Gymnasien, eine staatliche Oberrealschule, eine höhere staatliche Mädchenschule mit Lehrerinnenseminar, 4 städtische Mittelschulen, 12 städtische Volksschulen (sämtlich Simultanschulen) und eine Hilfsschule für schwach begabte Kinder, eine Baugewerkschule, eine höhere Maschinenbauschule, eine königliche Haushaltungs- und Gewerbeschule für Mädchen, mit Seminar für technische Lehrerinnen, eine staatliche Fortbildungs- und Gewerkschule, eine Provinzialtaubstummenanstalt, eine Hebammenlehranstalt, an Privatanstalten 6 höhere Mädchenschulen, eine Vorbereitungsschule und eine Mittelschule. Bildungszwecken dient die Kaiser Wilhelm-Bibliothek (200,000 Bände), die Raczynskische Bibliothek (50,000 Bände), das Kaiser Friedrich-Museum, das polnische Museum der Freunde der Wissenschaften. Die deutschen Vereine[205] in Posen mit dem Ziel der Pflege wissenschaftlicher und künstlerischer Interessen haben sich 1901 zu einer »Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft« zusammengeschlossen, die auch in den Provinzialstädten Zweigvereine unterhält und in Posen sich in die Abteilungen für Geschichte, Kunst und Kunstgewerbe, Naturwissenschaften, Technik, Musik und Staatswissenschaften gliedert. Neben den Sonderveranstaltungen der Abteilungen veranlasst die »Deutsche Gesellschaft« als gemeinsame Unternehmungen allwinterlich eine Anzahl Vorträge auswärtiger Gelehrten. Daß daneben, wie in andern Städten, in Posen die verschiedensten Vereine zur Pflege von Geselligkeit, von Berufs- und Wirtschaftsinteressen bestehen, bedarf keiner Erwähnung. In Posen erscheinen 16 deutsche (davon 3 täglich) und 23 polnische (davon 4 täglich) Zeitungen und Zeitschriften.

An Wohltätigkeitsanstalten gibt es ein Stadtkrankenhaus, ein Diakonissenhaus, ein jüdisches Krankenhaus, ein St. Josephs-Kinderhospital, ein Hospital der Grauen Schwestern, 12 Kleinkinderbewahranstalten, je eine Waisenanstalt für Knaben und Mädchen. Posen ist Sitz des Oberpräsidenten und der übrigen Provinzialbehörden, des Landeshauptmanns, der Landesversicherungsanstalt, der Provinzial-Feuersozietät, der Provinzial-Steuerdirektion, der Regierung, der Landratsämter der Kreise Posen-Ost und Posen-West, der königlichen Ansiedelungskommission, des Staatsarchivs, des Eichungsamts, einer Polizeidirektion, Eisenbahndirektion, Oberpostdirektion, eines königlichen Konsistoriums, des Erzbischofs von Posen-Gnesen und des erzbischöflichen Generalkonsistoriums, des Oberlandesgerichts, eines Landgerichts und eines Amtsgerichts, ferner des Generalkommandos des 5. Armeekorps. des Kommandos der 10. Division, der 19. und 20. Infanteriebrigade, der 10. Kavallerie-, der 10. Feldartillerie- und der 5. Gendarmeriebrigade, der 3. Festungsinspektion. Die städtischen Behörden zählen 21 Magistratsmitglieder und 60 Stadtverordnete.

Das Budget der städtischen Verwaltung schloss 1904/05 mit rund 9 Millionen Mark. ab. Die Bilanz des Vermögens- und Schuldenstandes ergab 1905: 4,8 Millionen Mark Reinvermögen. Unter den städtischen öffentlichen Einrichtungen seien erwähnt der Schlacht- und Viehhof (seit 1900 im Betrieb), das städtische Wasserrohrnetz von 102 km Länge, die Kanalisation (42 km bei 62 km bebauter Straßenlänge), die Umschlagstelle und der Winterhafen an der Warthe.
Beliebte Ausflugsorte sind der Eichwald, der Viktoriapark im Süden, der Schilling, Urbanowo und die Wolfsmühle im Norden zu nennen. Als landschaftlich reizvoll werden in der weitern Umgebung viel besucht die Wälder und Seen bei Meschin und Unterberg im Süden, der Schwersenzer See und Krummfließer Forst im Osten, die Schlosspark von Radejewo und Owinsk, wie der Truppenübungsplatz Weißenburg an der Warthe im Norden.
Zum Oberlandesgerichtsbezirk Posen gehören die sieben Landgerichte zu Bromberg, Gnesen, Lissa, Meseritz, Ostrowo, Posen und Schneidemühl, zum Landgerichtsbezirk die neun Amtsgerichte zu Obornik, Pinne, Posen, Pudewitz, Rogasen, Samter, Schrimm, Schroda und Wronke.

 

Geschichte:

Posen war eine der ältesten und bedeutendsten Städte im ehemaligen polnischen Reich und seit der Mitte des 10. Jahrhunderts Bischofssitz und Residenz der ersten polnischen Fürsten. In dieser ältesten Zeit lag die Stadt nur auf dem östlichen Ufer der Warthe; den alten Kern bildeten die Stadtteile Schrodka und Ostrowek. Nachdem die Hügel des linken Ufers besiedelt worden waren, erbauten deutsche Kolonisten 1256 einen neuen Stadtteil in der Niederung des westlichen Flussufers, der das Magdeburgische Recht erhielt. Name und Bedeutung ging auf diesen neuen Teil über und die Stadt erhielt eine deutsche Prägung. Während des 16. Jahrhunderts erreichte Posen seine größte Blüte im Handel und Gewerbe, aber der deutsche Charakter begann seit dem 15. Jahrhundert zu schwinden und verlor sich unter dem Einfluss der Gegenreformation. Seit 1587 zeigen sich die Spuren des Verfalls infolge der religiösen Wirren, der Kriege und der Verheerungen durch Brand, Plünderung und Epidemien, so dass im 18. Jahrhundert, kurz vor der ersten Besitznahme durch Preußen, die Einwohnerzahl bis auf 12.000 gesunken war. Unter preußischer Herrschaft und als Hauptstadt der Provinz Posen seit 1816 (damals 18.200 Einwohner) ist die Stadt Posen in stetem Wachstum begriffen. Nach der preußischen Besitznahme, besonders nach dem großen Brande 1803 entstand die heute sogenannte Neustadt im Westen der Altstadt. Die 1828-70 angelegten Festungswerke wurden seit 1900 abgerissen. Zur Förderung des Deutschtums entstanden die Kaiser Wilhelm-Bibliothek (eröffnet 1902), das Kaiser Friedrich-Museum (gegründet 1894) und die königliche Akademie (1903). In Posen wurde am 11. Dezember 1806 der Friede zwischen Napoleon I. und dem Kurfürsten Friedrich August von Sachsen geschlossen. Das neue Residenzschloss (1910 fertiggestellt) soll die Verbundenheit des Kaisers mit der Provinz Posen zum Ausdruck bringen. Die Schlosskapelle ist eine Nachbildung der Capella Palatina in Palermo, die der Kaiser aus eigenen Mitteln finanzierte.

Kommentar verfassen