Thorn

Stadt (Stadtkreis) im Königreich Preußen, Provinz Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerder

Thorn 31.928 Einwohner – 1905 = 121. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Thorn, Markt
Thorn, Markt

 

Thorn

Thorn (poln. Torun) ist eine Stadt (Stadtkreis) im Königreich Preußen, Provinz Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerder, Festung ersten Ranges, liegt an der Weichsel, über die hier eine 1000 Meter lange Eisenbahnbrücke führt und 35 Meter über dem Meer.

Sie hat alte, vom Deutschen Orden erbaute Ringmauern, 6 evangelische und 3 katholische Kirchen (unter letzteren die Johanniskirche mit dem Epitaphium des Kopernikus), eine Garnisonkirche, Synagoge, ein altes Schloss (1260), ein Rathaus (mit Archiv, Bibliothek und Museum), Denkmäler des hier geborenen Astronomen Nikolaus Kopernikus (* 19. Februar 1473 – † 24. Mai 1543), des Kaisers Wilhelm I. und des Bürgermeisters Rösner, ein Kriegerdenkmal, ein Denkmal zur Erinnerung an die 1813 bei der Verteidigung von Thorn gefallenen Bayern und eine Bismarcksäule.

Im Jahr 1905 leben hier mit der Garnison (drei Infanterieregimenter Nr. 21,61 und 176, ein Ulanenregiment Nr. 4, zwei Bataillone Fußartillerie Nr. 11 und 15 und ein Pionierbataillon Nr. 17) 31.801 (nach Eingemeindung des anliegenden Dorfes Mocker im Jahr 1906 = 43.435 Einwohner, davon 17.510 Evangelische, 13.023 Katholiken und 1092 Juden. Die Industrie besteht in Eisengießerei, Fabrikation von Maschinen, Dampfkesseln, Spiritus, Honigkuchen, Schokolade, Tabak, Seife, Mineralwasser, Essig etc., auch hat Thorn Holzbearbeitungsfabriken, Bierbrauerei, Dampfsägewerke, Dampfmühlen und Ziegelbrennerei. Der lebhafte Handel, unterstützt durch eine Handelskammer, eine Nebenstelle der Reichsbank (Umsatz 1906 = 427,8 Millionen Mark) und durch die Flussschifffahrt, ist besonders bedeutend in Getreide, Futtermitteln, Holz, Wein, Kolonial-, Eisen- und Schnittwaren, Vieh, Steinkohlen etc. Besucht sind auch die dortigen Woll-, Pferde- und Viehmärkte.

Dem Verkehr in der Stadt dient eine elektrische Straßenbahn. Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Schneidemühl-Thorn, Posen-Schönsee und Thorn-Alexandrowo sowie der Kleinbahnlinie Thorn-Leibitsch. Der Durchgangsverkehr auf der Weichsel betrug 1906 zu Berg: 1082 Schiffe mit 85.938 Tonnen Ladung, zu Tal: 1435 Schiffe mit 107.802 Tonnen Ladung, außerdem 1.675.795 Kubikmeter Floßholz.

Thorn hat ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein evangelisches und ein katholisches Schullehrer- und ein Lehrerinnenseminar, 2 Präparandenanstalten, eine Gewerbeschule, ein Waisenhaus, ein Konservatorium für Musik, ein Theater und ist Sitz eines Landgerichts, eines Hauptzollamts, einer Spezialkommission, des Landratsamts für den Landkreis Thorn, eines Gouverneurs, eines Festungskommandanten, des Kommandos der 70. und 87. Infanterie- und der 2. Fußartilleriebrigade und des Artillerie-Schießplatzes Thorn sowie der 4. Festungsinspektion. Die städtischen Behörden zählen 16 Magistratsmitglieder und 42 Stadtverordnete. Thorn gegenüber auf dem linken Weichselufer der Flecken Podgorz und in der Nähe ein Artillerieschießplatz.

Zum Landgerichtsbezirk Thorn gehören die neun Amtsgerichte zu Briefen, Gollub, Culm (Kulm), Kulmsee, Lautenburg, Löbau i. Westpr., Neumark i. Westpr., Strasburg i. Westpr. und Thorn.

Der 1231 durch den Hochmeister Hermann Balk gegründete Ort wurde von westfälischen Einwanderern bevölkert, erhielt 1232 durch Verleihung der Kulmischen Handfeste Stadtrecht und gehörte im 14. Jahrhundert der Hansa an. Im Jahr 1454 wurde das Schloss zu Thorn vom Preußischen Städtebund erobert und von den Bürgern zerstört. Der Waffenstillstand mit Polen zu Thorn vom 5. April 1521 gewährte dem Hochmeister Albrecht von Brandenburg vier Jahre Ruhe bis zum Krakauer Frieden. 1557 wurde Thorn evangelisch und 1558 die Marienschule in ein Gymnasium verwandelt. König Wladislaw IV. von Polen veranstaltete hier 1645 unter Ossolinskis Vorsitz das sogenannte Colloquium charitativum (das „liebreiche Religionsgespräch“) zur Versöhnung der Katholiken und Dissidenten. Streitigkeiten, die 1724 zwischen den Jesuitenzöglingen und den Schülern des protestantischen Gymnasiums bei der Fronleichnamsprozession entstanden, verursachten einen Tumult und Verwüstung des Jesuitenklosters. Die polnische Regierung ließ deswegen auf Grund eines ungesetzlichen Verfahrens am 7. Dezember 1724 den Stadtpräsidenten Rößner und neun Bürger enthaupten („Thorner Blutbad“) und stärkte den katholischen Einfluss im Stadtregiment. Bei der zweiten Teilung Polens fiel Thorn zugleich mit Danzig 1793 an Preußen, 1807 durch Napoleon an das Großherzogtum Warschau und kapitulierte mit französischer Besatzung am 16. April 1813 vor den Russen und Preußen. 1815 kam die Stadt wieder zum Königreich Preußen und wurde seit 1818 befestigt.

Der Versailler Vertrag bestimmte 1919 die Abtretung der Provinzen Posen und Westpreußen an Polen. Nur kleine Teile der Provinzen verblieben bei Deutschland. Diese wurde als Grenzmark Posen-Westpreußen zusammengefasst und Schneidemühl die neue Provinzhauptstadt. Die Polen unterdrückten im ganzen Land massiv ihre nationalen Minderheiten. Durch Zwangsvertreibungen und andere Repressalien ging in Thorn der deutsche Bevölkerungsanteil um 92,6 % zurück. Die Polen nennen die Stadt nun Torun. Im Krieg gegen Polen 1939 besetzte die Wehrmacht das Land und Thorn wurde bis 1945 wieder eine Stadt im Deutschen Reich.

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