Der Kampf um Neuenburg

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg - Neuchâtel

Der Neuenburger Putsch, wie es im Jahre 1856 beinahe zu einem Krieg zwischen Preußen und der Schweiz kam.

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg – Neuchâtel

Als Neuenburg ein preußisches Fürstentum war

Neuenburg (französisch Neuchâtel) ist ein Kanton der Schweiz, der aus dem ehemaligen Fürstentum Neuenburg und der Grafschaft Valangin gebildet wurde. Er grenzt im Norden an den Kanton Bern, im Süden an Waadt und im Westen an Frankreich, während ihn im Südosten die Thièle und der Neuenburger See von Bern, Freiburg und Waadt trennen. Sein Flächeninhalt beträgt 807,8 km² (14,7 Quadratmeilen).

Landkarte Kanton Neuenburg 1918
Landkarte Kanton Neuenburg 1918

Fast wäre es um dieses kleine Land (von der ungefähren Größe Berlins) 1856/57 zu einem Krieg zwischen der Schweiz und dem Königreich Preußen gekommen. Staatsrechtlich gesehen war Neuenburg seit 1707 ein preußisches Fürstentum und auch ein Kanton der Schweiz. Im Revolutionsjahr 1848 gelang es den Republikanern die Bindung mit Preußen zu kappen. Royalistischen Kräfte versuchten nun ihrerseits die Herrschaft des preußischen Königs wiederherzustellen. Am 3. September 1856 kommt es zum „Neuenburger Putsch“ der königstreuen Bewohner. Als dieser nach kurzer Zeit niedergeschlagen wurde, kam es zu einer Krise zwischen der Schweiz und Preußen. Letztendlich sah König Friedrich Wilhelm IV. seine Niederlage ein und verzichtete auf seine Rechte in Neuenburg.

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg – Neuchâtel

Vorgeschichte

Das Grafenhaus von Neuenburg (1150) war ein altes burgundisches Adelsgeschlecht, dessen Stammsitz wahrscheinlich Fenis am Bieler See war und seinen Namen von der Stadt Neuenburg erhielt. Durch das Aussterben der Zähringer (1218) wurden die Grafen von Neuenburg reichsunmittelbar, bis Graf Raoul die mächtigen Grafen von Châlons 1288 als Oberlehnsherren anerkannte. Nach dem Aussterben des alten Grafenhauses 1395 ging Neuenburg durch Erbschaft an einen Seitenverwandten, Konrad von Freiburg, 1457 an die Grafen von Hochberg und von diesen 1504 durch Heirat an den französischen Prinzen Ludwig von Orléans, Herzog von Longueville, über.

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg – Neuchâtel

Nachdem das Land schon durch ein „ewiges Burgrecht“ des Grafen und der Stadt mit Bern (1406) und durch ähnliche Bündnisse mit Solothurn (1369), Freiburg (1495) und Luzern (1501) an die Eidgenossen gebunden worden war, besetzten es diese 1512 infolge des Krieges, den sie mit Frankreich um Mailand führten, und regierten es als gemeine Vogtei bis 1529, wo sie es der Herzogin von Longueville zurückstellten. Unter dem Schutze Berns, das eine Art schiedsrichterlicher Gewalt über Neuenburg ausübte, führte Farel 1530 die Reformation ein. 1584 fiel die Grafschaft Valangin an Neuenburg. Im Westfälischen Frieden wurde Neuenburg als souveränes, im Schirm der Eidgenossenschaft stehendes Fürstentum anerkannt. Als das Erlöschen des Hauses Longueville absehbar war, erhoben 15 Prätendenten Ansprüche auf Neuenburg, darunter der Prinz von Conti, der Günstling und Vetter des französischen Königs Ludwigs XIV.

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg – Neuchâtel

Allein auf Betreiben des Kanzlers Montmollin, der im Einverständnis mit Bern Neuenburg nicht zur französischen Provinz herabsinken lassen wollte, machte Wilhelm III. von Oranien im Frieden von Ryswyk das verschollene, aber nie förmlich aufgegebene Oberlehnsrecht des Hauses Châlons geltend, dessen Erben die Oranier waren und übertrug seine Ansprüche auf König Friedrich I. von Preußen, den Sohn der Prinzessin Luise von Oranien. Nach dem Tode Maries, der Herzogin von Nemours (1695–1707), mit der die vierte Dynastie erlosch, entschied sich der Gerichtshof der drei Stände am 3. November 1707 für die Rechtmäßigkeit der Ansprüche des Königs von Preußen, der bei der Huldigung die Rechte und Privilegien des Fürstentums sowie die alten Bündnisse mit den Eidgenossen bestätigte und im Frieden von Utrecht auch von Ludwig XIV. als Fürst von Neuenburg anerkannt wurde.

Neuenburg - Neuchâtel
Neuenburg – Neuchâtel

Fürstentum und Kanton

Die Einführung der Helvetischen Republik 1798 löste das Verhältnis Neuenburgs zur Schweiz, und Friedrich Wilhelm III. trat es 1806 an Napoleon I. ab, der es am 30. März als ein Vasallenfürstentum an den Marschall Berthier verlieh. Berthier, der sein Fürstentum nie besucht hatte, verzichtete nach dem ersten Pariser Frieden durch Vertrag vom 3. Juni 1814 gegen eine lebenslängliche Rente von 34.000 Taler darauf zugunsten des Königs von Preußen. Nachdem dieser erklärt hatte, dass Neuenburg ein unveräußerlicher und von der preußischen Monarchie völlig abgesonderter Staat sei, wurde es 12. September 1814 als 21. Kanton in die Eidgenossenschaft aufgenommen. Dieses Verhältnis wurde auch durch den Wiener Kongresses bestätigt. 1830 regte sich auch in Neuenburg der Wunsch nach Umgestaltung der Verfassung.

Neuenburg, Schloss
Neuenburg, Schloss

Der König gab diesem Verlangen nach, indem er durch den Generalmajor von Pfuel die alten Landstände in einen „gesetzgebenden Rat“ umwandeln ließ, in den der Fürst zehn, das Volk aber die übrigen Abgeordneten wählen sollte. Ein Versuch der Republikaner, durch einen Aufstand die völlige Trennung von Preußen zu erzwingen (13. September 1831), wurde durch eidgenössische Truppen unterdrückt und ein zweiter vom 17. Dezember durch Pfuel erstickt und hart bestraft. 1832 machte Neuenburg sogar den Vorschlag, dass das Fürstentum aus dem Bund austreten und nur an der garantierten Neutralität der Schweiz teil haben solle, wurde aber von der Tagsatzung damit zurückgewiesen und vom König desavouiert. Zugleich schloss es sich den reaktionären Kantonen auf engste an, und wenn es nicht förmlich am Sonderbund teil nahm, so stimmte es doch mit diesem auf der Tagsatzung und weigerte sich, sein Kontingent zum eidgenössischen Heer stoßen zu lassen, das ihn auflösen sollte. Dafür wurde Neuenburg nach Beendigung des Feldzugs zur Erlegung von 300.000 Franken verpflichtet, die zu einem Pensionsfonds der in eidgenössischem Dienste Verwundeten verwendet werden sollten.

Neuenburg, Republik-Denkmal 1. März 1848
Neuenburg, Republik-Denkmal 1. März 1848

Das Revolutionsjahr 1848 führte indes einen Umschwung aller Verhältnisse herbei. Unmittelbar nach der Februarrevolution brach in Locle und La Chaux-de Fonds ein republikanischer Aufstand aus (29. Februar); eine Volksversammlung in La Chaux-de-Fonds wählte eine provisorische Regierung, während etwa 1000 bewaffnete Republikaner nach Neuenburg marschierten und ohne Widerstand Besitz vom Schloß nahmen, wo sich die provisorische Regierung, an ihrer Spitze der Advokat Piaget, alsbald installierte (1. März). Der der Abdankung widerstrebende royalistische Staatsrat wurde gefangen gesetzt und die provisorische Regierung von Bern sofort anerkannt. Das Berliner Kabinett begnügte sich mit einem Protest gegen das Geschehene und der König entband am 5. April die Neuenburger ihrer Verpflichtungen, worauf die gefangenen Staatsräte gegen eine Abdankungserklärung ihre Freiheit zurückerhielten. Unterdessen entwarf ein vom Volke gewählter Verfassungsrat eine republikanische Verfassung, die am 30. April mit 5800 gegen 4400 Stimmen angenommen und von der Tagsatzung gewährleistet wurde.

Schweiz, 1812
Schweiz, 1812

Der Neuenburger Putsch

Graf Friedrich von Pourtalès-Steiger

Graf Friedrich von Pourtalès-Steiger
* 10.06.1799,
† 05.06.1882 Villa Mettlen bei Muri Kanton Bern;
Anführer der Neuenburger Royalisten.

Die schweizerischen Bundesbehörden versäumten es jedoch, rechtzeitig den König von Preußen zum vollständigen Verzicht auf seine Rechte zu bewegen; im Londoner Protokoll (24. Mai 1852) ließ er sich seine Ansprüche auf Neuenburg von den Mächten anerkennen, und die royalistische Minderheit sann auf Umsturz der neuen Ordnung. Der von ihr zum militärischen Chef ernannte Graf Friedrich von Pourtalès-Steiger gab 1856 nach der Heimkehr von einer Reise nach Berlin „im Namen des Königs“ den Befehl zum Losschlagen.

Friedrich Wilhelm IV. von Preußen

Friedrich Wilhelm IV. von Preußen
* 15.10.1795 in Berlin,
† 02.01.1861 in Potsdam;
König von Preußen 1840 – 1861

In der Nacht vom 2. auf den 3. September 1856 wurden gleichzeitig Locle und Neuchâtel überrascht, die Regierung gefangen gesetzt und die königliche Fahne aufgepflanzt. Aber alsbald erhoben sich die Republikaner (ca. 1800 Mann mit 8 Kanonen) unter Leitung des Oberst Denzler von allen Seiten, erstürmten am Morgen des 4. September das Schloss in Neuenburg und nahmen 530 Royalisten darin gefangen. An Toten verloren die Royalisten 8 Mann, 26 wurden verwundet. Unter den Gefangenen befanden sich Graf Friedrich von Pourtalès-Steiger, Pourtalès-Püry, Graf von Wesdehlen und die Hauptleute Fabry und Reiss. Nur mit Mühe waren diese Führer den Misshandlungen der republikanischen Truppen entgangen.

Lebensrettung des Obersten Pourtalès durch den eidgenösischen Oberst Denzler bei der Wiedereinnahme des Einnahme des Neuenburger Schlosses am 4. September 1856

Der schweizerische Bundesrat beschloss, die Urheber des Aufstandes, der als „Neuenburger Putsch“ in die Geschichte einging, gerichtlich zu verfolgen. Nun verlangte Preußen, unterstützt von den Mächten, die sofortige Freilassung aller Gefangenen, welche die Schweiz als unvereinbar mit ihrer Ehre verweigerte.

Napoleon III.

Napoleon III.
* 20.04.1808 in Paris,
† 09.01.1873 in Chislehurst bei London,
nannte sich bis 1852 Louis Napoleon, Kaiser der Franzosen 1852 – 1870

Schon wurde von beiden Seiten zum Kriege gerüstet und nach Verwerfung des von Preußen gestellten Ultimatums schien der Ausbruch der Feindseligkeiten unvermeidlich, als durch die Vermittlung Napoleons III. ein Vergleich zustande kam.

Das Dampfschiff Cygne. Landung der gefangenen Royalistenführer, F. de Meuron (Präfekt Mathey) und Ludwig, Graf von Pourtalès-Sandoz in Neuenburg.

Hiernach ließ die Eidgenossenschaft die gefangenen Royalisten frei und verwies sie bis zu völligem Austrag der Sache des Landes, worauf König Wilhelm IV. von Preußen im Pariser Vertrag vom 26. Mai 1857 für sich und seine Nachfolger unter Vorbehalt des Titels auf seine Rechte an Neuenburg verzichte und selbst eine anfänglich verlangte Entschädigung von 1 Millionen Franken fallen ließ. Seitdem erfreute sich der Kanton unter der Herrschaft der Radikalen eines zwar bewegten, aber stets in gesetzlichen Formen verlaufenden politischen Lebens.

Bildergalerie

Quellenhinweise:

  • „Illustrierte Zeitung“ Nr. 694, 18. Oktober 1856
  • „Pierer’s Universal-Lexikon“, Band 13, Altenburg 1861
  • „Meyers Konversations-Lexikon“, in 24 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig und Wien 1906

Ähnliche Beiträge

Ein Kommentar

  1. Die Preußen in der Schweiz – da wäre ich ja nie darauf gekommen! Das ist aber auch eine reichlich komplizierte Geschichte mit den ganzen Ansprüchen über diesen langen Zeitraum. Vielen Dank für den wirklich interessanten Artikel!

Kommentar verfassen