Stuttgart

Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Württemberg

Stuttgart – 249.286 Einwohner – 1905 12. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs

Stuttgart, Königsbau
Stuttgart, Königsbau

 

Stuttgart

Stuttgart ist die Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Württemberg und des württembergischen Neckarkreises, bildet als Stadtdirektionsbezirk Stuttgart mit der Vorstadt Berg, dem Stadtteil Cannstatt (Kannstatt), dem Vorort Gablenberg, dem Vorort Gaisburg, der Karlsvorstadt Heslach, dem Stadtteil Ostheim, der Vorstadt Untertürkheim und dem Vorort Wangen ein besonderes Oberamt. Die Stadt liegt im kesselförmig erweiterten Tale des hier überdeckten Nesenbachs, das 1 km von der Stadt in das Neckartal ausläuft, von Weinbergen, Gärten und Villen rings umgeben, im Zentrum 245 Meter über dem Meer und wird durch die 1100 Meter lange Königs- und die sich an diese anschließende Marienstraße in die „obere“ (im Nordwesten) und die „untere Stadt“ (im Südosten) geteilt, von denen letztere auch die Altstadt in sich einschließt. Außer den genannten Straßen sind die Neckar-, Olga-, Reinsburg-, Silberburg- und Rotebühlstraße, sowie die eine prächtige Aussicht auf die Stadt gewährende Hohenheimer Straße und Neue Weinsteige sowie unter den Plätzen der Schlossplatz, der Alte Schlossplatz, der Karlsplatz mit dem Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I., die Planie, der Dorotheen-, der Bismarck-, der Hegel- und der Charlottenplatz, der Feuersee- und der Marktplatz hervorzuheben.
Folgende Behörden haben in Stuttgart ihren Sitz: das Staatsministerium und sämtliche Zentralstellen des Landes, ein Oberlandes- und ein Landgericht, ein Oberbergamt und ein Bergamt, ein Hauptsteueramt und ein Hauptzollamt, das evangelische Konsistorium, der katholische Kirchenrat und die israelitische Oberkirchenbehörde, die Generaldirektion der Staatsbahnen und die der Posten und Telegraphen, die Oberrechnungskammer, das Statistische Landesamt, die Forstdirektion, eine Stadtdirektion, eine Münze (Münzzeichen F) etc.; sowie das Generalkommando des 13. Armeekorps, das Kommando der 26. Division, der 51. Infanterie- und der 26. Kavalleriebrigade. Die städtischen Behörden setzen sich zusammen aus 32 Gemeinderats- und 32 Bürgerausschuss-Mitgliedern. Preußen, Bayern, Österreich-Ungarn und Russland unterhalten in Stuttgart Gesandtschaften. Zum Oberlandesgerichtsbezirk Stuttgart gehören die acht Landgerichte zu Ellwangen, Hall, Heilbronn, Ravensburg, Rottweil, Stuttgart, Tübingen und Ulm; zum Landgerichtsbezirk Stuttgart die acht Amtsgerichte zu Böblingen, Esslingen, Leonberg, Ludwigsburg, Stuttgart (Stadt), Stuttgart-Cannstatt, Stuttgart (Amt) und Waiblingen.

Den Schlossplatz zieren schöne Anlagen, inmitten deren sich die 34,09 Meter hohe, mit einer Konkordia gezierte Jubiläumssäule (1841 zur Feier des 25jährigen Regierungsjubiläums König Wilhelms I. errichtet) erhebt. Auf dem Alten Schlossplatz steht das von Thorwaldsen modellierte Standbild Schillers. Von den öffentlichen Anlagen und Promenaden sind noch zu nennen: der Schlossgarten (mit der Danneckerschen Nymphengruppe, der Eberhardsgruppe von Paul Müller, der Hylasgruppe und den zwei Pferdebändigern von Hofer), der sich bis in die Nähe von Cannstatt zieht, der Silberburggarten, die Planie mit den Denkmälern Bismarcks und Moltkes (Büsten, von Donndorf modelliert), der Stadtgarten, die Anlagen bei der Seidenstraße, am Bopfer die Neue Weinsteige etc. Von den zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten Gebäuden (18 evangelische, eine reformierte, 4 katholische und 7 protestantische Kirchen, eine griechisch-katholische Kapelle, eine englische Kirche und eine Synagoge) sind hervorzuheben: die Stiftskirche (1436–1531 erbaut), mit zwei Türmen; die Leonhardskirche (1470 bis 1491 im gotischen Stil erbaut), vor ihr ein steinerner Kalvarienberg von großem Kunstwert; die Hospitalkirche (1471–93 erbaut), mit vielen Grabmälern, darunter das Reuchlins, und dem Modell der Christusstatue von Dannecker; die prachtvolle, 1865–76 im gotischen Stil von Leins ausgeführte Johanniskirche; die englische Kirche; die neue Garnisonkirche von Dollinger (1879) im romanischen Stil, die Friedens-, die Paulus- und die Matthäuskirche im gotischen Stil; die alte katholische Eberhards- und die von Egle 1873–79 erbaute katholische Marienkirche, die neue katholische Nikolauskirche, die Elisabethenkirche und die 1860 im maurischen Stil ausgeführte Synagoge.

Von weltlichen Gebäuden sind zu nennen das Neue Residenzschloss im französischen Renaissancestil (1746–1807 erbaut); das Alte Schloss, in dessen Hof sich das bronzene Reiterstandbild des Grafen Eberhard im Bart (von Hofer) befindet; das nach dem Brande von 1902 neuerbaute Hoftheater (Interimstheater); die sogenannte Akademie, ein Nebenbau des Schlosses (früher Sitz der Karlsschule, um 1900 die königliche Handbibliothek, den königlichen Leibstall, die Schlosswache etc. enthaltend); der im italienischen Stil erbaute Wilhelmspalast; das Kronprinzenpalais, im römischen Palaststil ausgeführt (gegenüber das Denkmal Danneckers); das Palais des Prinzen Hermann von Sachsen-Weimar-Eisenach (1825-1901); das Ständehaus; das Museum der bildenden Künste (1838–43 im italienischen Palaststil erbaut), mit der Reiterstatue des Königs Wilhelm (von Hofer); das Gebäude der königlichen Bibliothek; der Königsbau (1856–60 von Leins ausgeführt), mit Läden, der Börse und großen Sälen; der Königin Olga-Bau und das Hotel Marquardt, beide in monumentalem Stil gehalten; am Schlossplatz das prächtige neue, in spätgotischem Stil erbaute, 1905 eingeweihte Rathaus; die Gebäude des Staatsarchivs und der Naturaliensammlungen; das Kanzleigebäude; das neue Justizgebäude; der Hauptbahnhof; das neue Postgebäude; das Museum; das Landesgewerbemuseum (großartiger Prachtbau von Neckelmann, 1896 eröffnet); die 1860–65 von Egle erbaute Technische Hochschule; die schöne, über den Neckar bei Kannstatt führende König Karlsbrücke etc. Außer den bereits genannten hat Stuttgart noch Denkmäler vom Herzog Christoph, vom König Wilhelm im Hofe der Gemäldegalerie, König Karl und seiner Gemahlin Olga, von Mörike, Hauff, Haidlen, Gerok, Fr. List, Liszt, Robert Mayer und F. Th. Vischer sowie viele schöne Monumentalbrunnen. Denkmäler in Büstenform von Moser, Schwab, Uhland, Kerner etc. zieren die Ecken der gleichnamigen Straßen. Bemerkenswert sind auch die schön gelegenen Friedhöfe; auf dem großen Prag-Friedhof ein neugebautes Krematorium.

Im Jahr 1905 leben hier mit den eingemeindeten Orten und der Garnison (ein Grenadierregiment Nr. 119, ein Infanterieregiment Nr. 125, ein Dragonerregiment Nr. 26 und eine Abteilung des Feldartillerieregiments Nr. 13) 249.286 Einwohner (1805 erst 20.000, 1870 = 90.000 Einwohner), davon 203.045 Evangelische, 40.024 Katholiken und 3895 Juden, bei der Berufszählung vom 12. Juni 1907 ergaben sich über 260.000 Einwohner. Die industrielle Tätigkeit ist nicht unbedeutend. Hervorragend sind besonders die Maschinenfabrikation, der Pianoforte- und Harmoniumbau sowie die polygraphischen Gewerbe. Außerdem hat Stuttgart noch bedeutende Farben-, Geldschrank-, Möbel-, Parkettboden-, Zigarren-, Chemikalien-, Wagen- und Reiseartikelfabrikation, Eisen- und Glockengießerei, Fabriken für Trikot- und Wollwaren, Baumwollen- und Wollenzeuge, Teppiche, Leder, Papier, Posamentier- und Kautschukwaren, Parfümerien, Bijouterie-, Glas-, Porzellan-, Gold- und Silberwaren, mechanische und optische Instrumente, Schokolade etc. Der bedeutende Handel wird unterstützt durch eine Handels- und Gewerbekammer, eine Börse, durch 27 Konsulate fremder Länder, eine Reichsbankhauptstelle (Umsatz 1906: 3551 Millionen Mark), die königliche Hofbank, Württembergische Notenbank, Württembergische Bankanstalt, Württembergische Landesbank, Württembergische Vereinsbank, Württembergische Hypothekenbank und durch den Württembergischen Kreditverein, die Allgemeine Rentenanstalt und andre Geldinstitute, darunter die Stuttgarter Lebensversicherungsbank, die Württembergische Privatfeuerversicherung, der Allgemeine Deutsche Versicherungsverein und die Württembergische Landesversicherungsanstalt. Im Buchhandel ist Stuttgart nach Leipzig der wichtigste Platz Deutschlands. Alljährlich findet hier eine Buchhändlermesse für Süddeutschland statt. Bekannt sind auch die Tuch-, Möbel- und Ledermesse sowie die dortigen Hopfen- und Pferdemärkte.

Dem Verkehr in der Stadt dienen elektrische Straßenbahnen. Für den Eisenbahnverkehr ist Stuttgart mit fünf Bahnhöfen Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Bretten-Friedrichshafen, Kannstatt-Nördlingen, Stuttgart-Hochdorf und der Filderbahn. Vorortbahnen sind in der Entstehung begriffen. An Bildungsanstalten und ähnlichen Instituten hat Stuttgart eine Technische Hochschule (Sommersemester 1907: 748 Studierende), eine tierärztliche Hochschule, eine Akademie der bildenden Künste, 3 Gymnasien, ein Realgymnasium, 4 Oberrealschulen, ein Mädchengymnasium, eine Baugewerke- und eine Kunstgewerbeschule, ein Konservatorium für Musik, eine höhere Handelsschule, eine Hebammenlehranstalt, eine Turnlehrerbildungsanstalt, ein höheres Lehrerinnenseminar, eine Blindenanstalt (Nikolauspflege) u. a. Unter den Sammlungen für Kunst und Wissenschaft ist die königliche Sammlung, bestehend aus einer Bibliothek von über 400.000 Bänden, Gemälde-, Skulpturen-, Antiken-, Münzen- und Naturaliensammlung, die wichtigste. Außerdem gehören hierher: die Sammlung vaterländischer Altertümer, die Gemäldesammlung des Museums der bildenden Künste und die des Württembergischen Kunstvereins, die permanente Kunstausstellung, die Sammlungen der Zentralstelle für Gewerbe und Handel im Landesgewerbemuseum, die Sammlung des Vereins für Handelsgeographie in der Gewerbehalle, der Zoologische Garten etc. An Wohltätigkeitsanstalten besitzt Stuttgart zehn große Spitäler, darunter das Bürgerhospital, das Katharinenhospital, die Diakonissenanstalt, die Olgaheilanstalt u. a., sodann die Paulinenhilfe (orthopädische Heilanstalt), ein Waisenhaus, eine Rettungsanstalt (Paulinenpflege) etc. sowie zahlreiche gemeinnützige Vereine. Groß ist die Zahl der in Stuttgart erscheinenden Zeitschriften und Zeitungen, darunter der Schwäbische Merkur, das Neue Tagblatt, der demokratische „Beobachter“, das katholische Deutsche Volksblatt u. a. Stuttgart ist Geburtsort des Philosophen Hegel, des Architekten Heideloff, der Dichter Hauff, Schwab u. a.

In der Umgebung der Stadt sind besonders bemerkenswert die am Ende des Schlossgartens liegende und zum Stadtbezirk gehörige Vorstadt Berg mit königlicher Villa, die königlichen Lustschlösser Rosenstein und Wilhelma; gegenüber die 1905 eingemeindete Stadt Cannstatt; im Süden die Silberburg, der Gesellschaftsgarten des Museums; über derselben die 340 Meter hohe Reinsburg mit schönen Villen am Abhang; weiterhin die Uhlandshöhe mit Anlagen, einem Pavillon und der Uhlandslinde; ferner der Bopserbrunnen und die Schillerhöhe, in deren Nähe das Dorf Degerloch; im Südwesten der Stadt das Jägerhaus mit Aussichtsturm, sämtlich mit schöner Aussicht; das Lustschloss Solitüde mit Wildpark; schlussendlich die Feuerbacher Heide.

Stuttgart, nach einem Gestütgarten oder Fohlenhof genannt, wird erstmalig 1229 erwähnt. Stuttgart war Sitz der Grafen von Württemberg und wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts ihre dauernde Residenz, bis Herzog Eberhard Ludwig 1727 und nochmals Karl Eugen 1764 einige Zeit in Ludwigsburg Hof hielten. Bis 1822 stand Stuttgart unter einer eignen Regierung, seitdem sind Stadt und Bezirk mit dem Neckarkreis vereinigt und bilden als Stadtdirektion ein eignes Oberamt. Vom 6.–18. Juni 1849 hielt der Rest der deutschen Nationalversammlung, das sogenannte Rumpfparlament, in Stuttgart seine Sitzungen. Im September 1857 fand hier eine Zusammenkunft zwischen Zar Alexander I. von Russland und Napoleon III. statt.