München

Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Bayern

München 509.067 Einwohner – 1905 = 4. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

München, Leben am Marienplatz während des Glockenspiels
München, Leben am Marienplatz während des Glockenspiels

 

Neben der Stadt München existieren im Deutschen Reich (Kaiserreich):

  1. München, ein Dorf im Königreichs Bayern, Regierungsbezirk Niederbayern, Bezirksamt Passau mit 672 Einwohnern.
  2. München, ein Dorf im Königreich Preußen, Provinz Sachsen, Kreis Liebenwerda mit 23 Einwohnern.
  3. München, ein Gut der Stadtgemeinde Bad Berka im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, Bezirk Weimar mit 9 Einwohnern.

München

München ist die Haupt- und Residenzstadt des Königreichs Bayern sowie des Regierungs-Bezirks Oberbayern und liegt an der Isar. Die Stadt ist Sitz sämtlichen Ministerien, des Staatsrats, des obersten Landesgerichts, des Verwaltungsgerichtshofs, des obersten Rechnungshofs, des obersten Schulrats, der Generaldirektionen der Eisenbahnen sowie der Posten und Telegraphen mit Oberbahn- und Oberpostamt, des Reichsarchivs, der General-Bergwerks- und Salinenadministration und der Generaldirektion der Zölle und der indirekten Steuern, der Staatsschuldentilgungskommission, der Brandversicherungskammer, des Landwirtschaftsrates, ferner der königlichen Regierung von Oberbayern, eines Oberlandesgericht s und zweier Landgerichte (München I mit einer Kammer für Handelssachen und 2 Amtsgerichten, München II mit 14 Amtsgerichten). München ist auch der Sitz aller dem bayrischen Fürstenhaus angehörigen Prinzen und ihrer Hofhaltungen, vieler Gesandtschaften und Konsulate, des aus Reichsrat und Abgeordnetenkammer bestehenden Landtags, des oberbayrischen Landrats, des Erzbischofs von München-Freising und seines Domkapitels und des protestantischen Oberkonsistoriums. München ist auch Sitz des Generalstabes, der Generalinspektion der Armee, des Generalkommandos des 1. Armeekorps, der Kommandos der 1. Division und der 1. und 2. Infanteriebrigade, der 1. Kavallerie- und der 1. und 2. Feldartilleriebrigade, der Inspektion der Kavallerie, des Kommandos der Fußartilleriebrigade, der Inspektion des Ingenieurkorps und der Festungen, einer Stadtkommandantur und der Inspektion der Militärbildungsanstalten. München hat eine ständige Garnison von 3 Infanterieregimentern (Leibregiment, 1. und 2. Infanterieregiment), dem 1. schweren Reiterregiment, 3 Feldartillerieregimentern, 1 Eskadron Jäger zu Pferde, dem 3. Pionierbataillon, 1 Eisenbahn- und 1 Trainbataillon, 1 Telegraphenkompanie, 1 Luftschifferabteilung, 1 Kavallerietelegraphenschule und der königlichen Leibgarde der Hartschiere.

Der Haushaltplan der Stadtgemeinde für 1905 einschließlich des Stiftungs- und Armenpflegehaushalts schloss ab in Einnahme und Ausgabe mit 71,25 Millionen Mark. Verwendet wurden für Erziehung und Bildung 6,1 Millionen Mark, für Wohltätigkeit und soziale Wohlfahrtspflege 2,7 Millionen Mark, für Gesundheitswesen 4,7 Millionen Mark, denen an Einnahmen 4 Millionen Mark, gegenüberstehen. Die direkten Steuern (Gemeindeumlagen 130 Prozent der Staatssteuer) sind mit 11,9 Millionen Mark, veranschlagt, die indirekten abzüglich Rückvergütungen mit 3,4 Millionen Mark, darunter Malz- und Bieraufschlag 1,6 Millionen Mark. Die städtischen Schulden beliefen sich 1901 auf 160,5 Millionen Mark, darunter 153,4 Millionen Anleihe- und 6,9 Millionen Mark Hypothekenschulden. Zum Bezirk des Oberlandesgerichts München gehören die 7 Landgerichte: Deggendorf, Landshut, München I und München II, Passau, Straubing und Traunstein. Der Landgerichtsbezirk München I umfasst die beiden Amtsgerichte München I und München II; der Landgerichtsbezirk München II die 14 Amtsgerichte: Bruck, Dachau, Dorfen, Ebersberg, Erding, Freising, Garmisch, Haag, Miesbach, Starnberg, Tegernsee, Tölz, Weilheim und Wolfratshausen.

Die Stadt ist in 24 Bezirke eingeteilt, von denen 19 das eigentliche München und die Vorstädte Sendling, Thalkirchen, Neuhausen, Nymphenburg und Schwabing links und 5 die Vorstädte Haidhausen, Bogenhausen, Au, Giesing und Ramersdorf umfassend rechts der Isar liegen. München ist gut kanalisiert, großenteils elektrisch beleuchtet und mit einer Wasserleitung aus dem Mangfalltal versehen, die täglich 130.000 m³ frisches Quellwasser liefern kann. Die Stadtmauern sind vollständig abgetragen. Folgende Stadttore bestehen noch: gegen Osten das Isartor mit Gemälde von Neher (Einzug Kaiser Ludwigs), gegen Südwesten das Sendlinger, gegen Westen das Karlstor, gegen Nordwesten die unter König Ludwig I. von Leo von Klenze 1854–62 erbauten Propyläen (mit reichen Skulpturen nach Schwanthalers Entwürfen); sowie gegen Norden das Siegestor, im Stil römischer Triumphbogen von Gärtner entworfen und 1844–50 erbaut, gekrönt von der 5 m hohen Viktoria und ihrem herrlichen Löwenviergespann (von Brugger und Halbig geformt); im Innern der Stadt das Taltor unter dem alten Rathausturm. Zehn Brücken verbinden die Stadtteile links und rechts der Isar, von denen ein großer Teil in den Jahren 1902–05 neu in mächtigen Konstruktionen erbaut wurde. Besonders hervorzuheben sind die Ludwigs-, Maximilians-, Max-Joseph- und die Prinzregentenbrücke.

Von den öffentlichen Plätzen sind besonders erwähnenswert der Marienplatz (früher Markt- und Schrannenplatz), der Mittelpunkt des alten Münchens, mit der Mariensäule von Krumper, dem Fischbrunnen von Knoll, dem alten und dem neuen Rathaus; der Max Josephs-Platz, mit dem Denkmal König Maximilians I. (von Rauch), dem sogenannten Königsbau der Residenz, dem Hof- und Nationaltheater sowie dem durch eine gedeckte Terrasse im pompejanischen Stil auffallenden Postgebäude; ferner der Odeonsplatz, mit dem hauptsächlich zu Konzerten dienenden Odeon (darin auch die königliche Akademie der Tonkunst), dem Reiterstandbild König Ludwigs I., dann dem Palais des Prinz-Regenten Luitpold, der jedoch persönlich die königliche Residenz bewohnt; der Wittelsbacher Platz, mit der Reiterstatue des Kurfürsten Maximilian I. (von Thorwaldsen); der Promenadeplatz, mit einer Anzahl von Erzstandbildern und dem Hotel Bayrischer Hof; der Maximiliansplatz mit Promenadeanlage, dem Standbild Liebigs (von Wagmüller) sowie dem herrlichen Wittelsbacher Brunnen (von Hildebrand); der Karlsplatz, mit dem innerhalb eines Gebäudehalbrondells gelegenen Karlstor. Er wird umrahmt von dem von Gebr. Seidl in deutscher Spätrenaissance erbauten schönen Künstlerhaus, dem gleichfalls in Spätrenaissance erbauten mächtigen Justizpalast mit Erweiterungsbau (von Thiersch); seine Anlagen ziert ein von Bildhauer Gasteiger der Stadt geschenkter hübscher Brunnen (Brunnenbuberl). In nächster Nähe des Künstlerhauses liegt die neue Synagoge, im romanischen Stil von A. Schmidt erbaut. Der Karolinenplatz, mit dem Obelisk, einer 32 m hohen Erzsäule auf massigem Unterbau (von König Ludwig I. in Erinnerung an den russischen Feldzug errichtet); der Königsplatz, mit den Propyläen im dorischen, der Glyptothek im ionischen und dem Kunstausstellungsgebäude im korinthischen Stil; der Gärtnerplatz, mit Theater und Erzstandbildern; der Sendlinger Torplatz, mit einem schönen Springbrunnen, dem Senefelder-Denkmal und der Büste des Chirurgen Nußbaum in den nahen Krankenhausanlagen. In den neuen Stadtteilen bestehen zahlreiche schöne öffentliche Plätze, meist mit gärtnerischen Anlagen, so der Kaiser Ludwigs-Platz mit Denkmal.

Das Straßennetz Münchens ist dicht verzweigt und umfasst einschließlich der freien Plätze 370 Hektar. Zunächst verdient Erwähnung die Ludwigsstraße, die am Nordende vom Siegestor, am Südende von der 19 Meter hohen und 38 Meter breiten Feldherrenhalle begrenzt wird (erbaut nach der Loggia dei Lanzi in Florenz), mit hoher Freitreppe, den Statuen Tillys und Wredes (nach Schwanthaler) und dem vom Prinz-Regenten Luitpold der bayrischen Armee gewidmeten, von Ferdinand v. Miller entworfenen Siegesdenkmal sowie zwei Löwen von Bildhauer Ruemann geschmückt. Die Ludwigsstraße enthält bedeutende, großenteils von Gärtner entworfene Bauten, darunter: die Universität (1835 bis 1840); die Ludwigskirche, 1830–44 im italienisch-romanischen Stil erbaut, mit dem berühmten Chorgemälde: das Jüngste Gericht, von Cornelius; die Hof- und Staatsbibliothek (1832–43); das Kriegsministerium, das Herzog Max-Palais, das neue Reichsbankgebäude etc. Eine zweite, erst unter König Maximilian II. entstandene Hauptstraße ist die Maximiliansstraße, die vom Max Josephs-Platz bis zur Isar zieht und eine der Hauptpromenaden der Stadt bildet. Sie umfasst eine Fülle stattlicher Bauten zu beiden Seiten. In ihrer zweiten Hälfte erweitert sie sich zum „Forum“ mit Gartenanlagen. Hier liegen die königliche Kreisregierung und das alte Nationalmuseum; im Forum eine Anzahl von Standbildern. An dessen Ostseite steht das Denkmal König Maximilans II. (nach dem Modell von Zumbusch von Miller gegossen). In der Fortsetzung der Straße zwischen den beiden Teilen der Maximiliansbrücke steht auf der Praterinsel ein schönes Denkmal für Moritz von Schwind und ein einfacher Brunnen zum Gedächtnis des Bürgermeisters von Erhardt. Den Abschluss bildet das Maximilianeum (nach Bürkleins Plan) mit seiner auf hoher Terrasse in zwei Bogenreihen aufsteigenden Fassade, gekrönt von der ehernen Viktoria, geschmückt mit geschichtlichen Fresken, im Innern eine historische Galerie von neuern Meistern bergend. Hier darf auch genannt werden die Brienner Straße, die östlich mit dem Hofgartentor abschließt und im westlichen Teile von den Propyläen unterbrochen wird. An ihr liegen das Schillerdenkmal, das Wittelsbacher Palais, im englisch-mittelalterlichen Spitzbogenstil (von Gärtner und K. Klumpp), das prachtvolle Café Luitpold, mit Gemälden von Keller u.a. reich geschmückt, und eine stattliche Reihe eleganter Häuser. Die Brienner Straße durchschneidet den Karolinen- und den Königsplatz. Ferner ist besonders zu erwähnen die an der Südseite des Englischen Gartens angelegte Prinzregentenstraße mit prächtigen Privatbauten und dem neuen Nationalmuseum, einer abwechslungsreichen, die Entwickelung des deutschen Renaissancestils charakterisierenden Gebäudegruppe (von Professor G. Seidl). Die Prinzregentenstraße führt über die Prinzregentenbrücke durch ein Rondell mit gärtnerischen Anlagen und schönem Springbrunnen zu dem auf erhöhter Terrasse errichteten Friedensdenkmal, einer 23 Meter hohen, von einer vergoldeten Viktoria gekrönten Säule (von Düll und Heilmayer). Östlich vom Friedensdenkmal führt die äußere Prinzregentenstraße an der im altgriechischen Stil erbauten Villa des Malers Franz Stuck vorbei zu dem nach Plänen von Heilmann und Littmann errichteten Prinzregententheater. Auf der Westseite der Altstadt bietet die Sonnenstraße mit hübschen Baumanlagen inmitten zweier Fahrbahnen ein freundliches Bild. Hervorragend schöne moderne Stadtteile sind im Laufe der letzteren Jahre in Schwabing (Franz Joseph-Straße, Leopoldstraße. Friedrichstraße etc.), am Bavariaring und in Bogenhausen (Maria Theresiastraße etc.) entstanden.

Die vielen Kirchen Münchens stammen zum Teil aus dem 13.–16. Jahrhundert, teils wurden sie in der Neuzeit durch künstlerische Bauten ergänzt. Die bemerkenswertesten sind die Frauenkirche (Dom), 1468–88 in gewaltigen Dimensionen erbaut, mit zwei 99 Meter hohen Kuppeltürmen (Wahrzeichen Münchens). Das Innere bildet eine der mächtigsten gotischen Hallenkirchen Deutschlands. Das berühmteste Kunstwerk ist das figurenreiche Grabmal Kaiser Ludwigs des Bayern. Im übrigen sind die ältesten Kirchen die Peterskirche und die Heiliggeistkirche (13. und 14. Jahrhundert); die Michaelskirche, im römischen Renaissancestil 1583–91 erbaut, durch das Grabmal des Herzogs Eugen von Leuchtenberg, ein Meisterwerk Thorwaldsens, berühmt; die St. Michaelshofkirche, 1897); die Theatinerkirche, 1662–75 im italienischen Barockstil erbaut. Muster von vollendetem Rokokostil sind die kleine Dreifaltigkeitskirche (1711) und die kleine Johannes Nepomuk-Kirche (1733–46 erbaut); die Allerheiligen-Hofkirche, 1826–37 im byzantinisch-romanisierenden Stil von Klenze erbaut, das Innere ist mit tiefem, künstlerischem Verständnis aufs reichste ausgestattet; die Ludwigskirche. Ferner sind zu nennen die von Ohlmüller 1831–39 im rein gotischen Spitzbogenstil erbaute, mit herrlichen Glasgemälden gezierte Mariahilfkirche der Vorstadt Au, die Basilika der Bonifatiuspfarrei, 1835–50 von Ziebland erbaut, im Innern mit freiliegender, gold- und farbenreicher Dachrüstung und reichem Freskenschatz; die St. Annakirche in strengem, klösterlich romanischem Stil (von Professor G. Seidl); die romanische Bennokirche (von Romeis); die als gotische Halle erbaute, hochgelegene Giesingerkirche (von Dollmann) mit herrlicher Fernsicht; die künstlerisch hervorragende St. Paulskirche, 1895–1902 in frühgotischem Stil von Hauberrisser. Von den vier protestantischen Kirchen sind besonders die Erlöserkirche und die Lukaskirche hervorzuheben, letztere in romanisch-gotischem Stil (von A. Schmidt). Von den (1900) 499.932 Einwohnern sind 418.594 Katholiken, 68.562 Evangelische und 8739 Israeliten.

Von den sonstigen älteren Bauten muss vor allen die königliche Residenz genannt werden; sie besteht aus dem Alten Schloss, dem Königsbau am Max Josephs-Platz (nach Vorlage des Palastes Pitti in Florenz, Erbauer Klenze 1826–42) und dem Festsaalbau am Hofgarten (italienischer Renaissancestil mit balkonartigem Loggienbau). Die Residenz birgt mehrere Höfe, die reiche Kapelle, die Schatzkammer und ein Antiquarium sowie in einer langen Reihe der herrlichsten Säle die seltensten Schätze an Gemälden und Skulpturen. Ebenfalls sind zu nennen die beiden Hoftheater, von denen das größere Hof- und Nationaltheater, nach dem Brand von 1823 unter Klenzes Leitung umgebaut, über 2600 Zuschauer fasst; das kleinere Residenztheater (früher Opernhaus) in reichem Rokoko; dann die älteren Fürstenhöfe (Alter Hof und Herzog Max-Burg), die Gebäude für Kunst- und wissenschaftliche Sammlungen, Unterrichtsanstalten etc.; die Arkaden im Hofgarten, mit zahlreichen Fresken, insbesondere den berühmten italienischen Landschaften Rottmanns; das alte Rathaus, mit ehrwürdigem Saal und dem im barocken Stil restaurierten Ratsturm; das neue Rathaus, von Hauberrisser im gotischen Stil mit reichster Fassade gebaut, mit zwei Sitzungssälen, deren einen ein großes Bild aus der Geschichte Münchens von Piloty schmückt, schönen Bürgermeisterzimmern und dem vielbesuchten Ratskeller. Das neue Rathaus wurde 1900–05 großartig erweitert. Ferner sind erwähnenswert: die Kolossalerzstatue der Bavaria (von Schwanthaler und F. v. Miller mit der Ruhmeshalle, einem Kolonnadenbau in dorischem Stil (von Klenze); der Glaspalast an der Sophienstraße (240 Meter lang) 1854 zum Zweck der deutschen Industrieausstellung erbaut; seit 1889 hat hier die Künstlergenossenschaft ihre große Jahresausstellung; die Alte Pinakothek (Gemäldesammlung, von Klenze 1826 bis 1836), die Neue Pinakothek, nach Voits Plänen 1846–53 erbaut; die Technische Hochschule, von Neureuther im Renaissancestil 1865–68 erbaut, davor das Ohmdenkmal von Rümann (1895); der Hauptbahnhof mit mächtiger vierteiliger Einsteighalle; das neue Armeemuseum am Hofgarten; der von Zenetti erbaute ausgedehnte Schlacht- und Viehhof am Südbahnhof.

Die Einwohnerzahl Münchens betrug 1900 (einschließlich der neu eingemeindeten Orte) 499.932 und ist bis 1905 auf 539.067 gestiegen. Die Bevölkerung besteht zu 84% aus Katholiken, 14% Evangelischen, 2% Juden. Auf 1000 Einwohner entfielen 1904: 9,3 Eheschließungen, 32 Geburten (darunter 8,5 uneheliche, verhältnismäßig am meisten unter allen Großstädten und 1,2 Totgeburten), 20,5 Sterbefälle, wovon 7,3 auf die Kinder unter einem Jahr entfielen. Wie in anderen rasch gewachsenen Großstädten, machen die Eingewanderten einen großen Teil der Bevölkerung aus. Insoweit sich noch typische Figuren des echten Müncheners finden, zeigt dieser sich bieder, trocknen Humors, genussfreudig, aber bei schwerer Arbeit ausdauernd und kräftig, sehr kunstsinnig und auf seine Stadt und ihre Schönheiten stolz, wenn auch mit mancher großstädtischen Neuerung nicht immer sofort einverstanden. Im Hofbräuhaus, wo man sich selbst bedient, statt des Tisches mit einem Fass begnügt, um Stand und Würden des Nachbars unbekümmert, mit diesem rasch ein gemütliches Gespräch anknüpft, oder in den zahlreichen Bierkellern (schattigen Gärten und Höfen bei den größeren Brauereien im Ost- und Westende der Vorstädte) spielen sich köstliche Volksbilder ab.

Das Gewerbe (1895 wurden mehr als 40.000 Gewerbebetriebe gezählt) ist in manchen Zweigen vorzüglich vertreten, so vor allem auf dem Gebiet der Kunstgewerbeindustrie, wo der Einfluss der künstlerischen Schöpfungen König Ludwigs I. und des 1851 gegründeten Kunstgewerbevereins sowie der Vorliebe zur Pracht König Ludwigs II. und der verständnisvollen, tatkräftigen Unterstützung des Prinzregenten Luitpold unverkennbar von wohltätigen Folgen ist. Eine große Reihe von Künstlern und Firmen, die auch im Ausland einen guten Ruf besitzen, haben sich speziell der künstlerischen Durchdringung von Industrie und Handwerk gewidmet. Die Erzgießerei und Glasmalerei stehen auf hoher Entwicklungsstufe. Hierher gehören auch sehr viele Einrichtungen für Gold-, Silber- und Juwelenschmuckarbeiten, für optische, physikalische, mathematische, chirurgische und musikalische Instrumente, für Bronze- und Zinnguss, für Leder-, Papier-, Blumen- und Tapetenfabrikation, für Seiden- und Stoffstickerei und -Wirkerei, für Waggon- und Wagenbau u. – Ausrüstung, für Kunsttischlerei, Dekorationsmalerei, Steinhauerarbeiten, photographische, lithographische, xylographische und typographische Vervielfältigungen, für Herstellung von Kirchengewändern und Kirchen schmuck jeder Art. Auch das nicht oder in geringerem Maße mit den eigentlichen Kunstbestrebungen zusammenhängende Gewerbe ist reich und gut vertreten, macht sich jedoch entschieden mehr im Klein- als im Fabrikbetrieb bemerkbar. Im letzteren ragen mehrere Maschinen-, Leder-, Handschuh-, Papier-, Gummiwaren-, Parfümerie-, Kerzen-, Bürsten-, Schirm-, Geldschrank-, Öl-, Spiritus-, Malz- und Malzkaffeefabriken und ganz besonders die Bierbrauereien hervor, die meist fabrikmäßig betrieben werden. Ihre Zahl umfasste Ende 1904 gleich 25 Betriebe mit einer ungefähren Jahreserzeugung von fast 3,2 Millionen Hektoliter im Verkaufswert von mindestens 76,8 Millionen Mark, wovon etwa die Hälfte, nämlich 1,6 Millionen Hektoliter in München selbst verbraucht wird. Der Handel Münchens ist auf vielen Gebieten bedeutend. Im Geld- und Effektenverkehr dienen die Reichsbankhauptstelle, eine Filiale der Königlich Bayrischen Bank in Nürnberg und eine größere Zahl von Banken und Bankfilialen sowie eine nicht unbedeutende Anzahl namhafter Privatbankhäuser dem mehr und mehr sich entwickelnden Bedürfnis. Die Pfandbriefinstitute, die mit einer Reihe von Banken verbunden sind, vermitteln den größten Teil des Immobiliarkredits für ganz Bayern. München ist Sitz mehrerer großer Versicherungsgesellschaften, darunter die staatliche Immobiliar-Brandversicherung, die München-Aachener Feuerversicherung, die Münchener Rückversicherungsgesellschaft u.a.m. Für den Handel mit Bodenerzeugnissen sind mehrere von Gesellschaften und Privaten betriebene Lagerhäuser und die städtischen Märkte von Bedeutung. Für die Fleischversorgung ist der städtische Schlacht- und Viehhof, von dem auch eine erhebliche Ausfuhr stattfindet, bemerkenswert. Sehr entwickelt ist der weltweite Kunsthandel. München hat zehn Personenbahnhöfe, von denen der Haupt- und der Ostbahnhof die bedeutendsten sind. Die Stadt ist Knotenpunkt folgender Eisenbahnlinien: München-Regensburg-Oberkotzau, München-Ingolstadt-Hof, Ulm-München-Simbach, München-Buchloe-Lindau, München-Rosenheim-Salzburg, München-Holzkirchen-Schliersee, München-Tutzing-Murnau, München-Deisenhofen (alle der Bayrischen Staatsbahn angehörig) und der Isartalbahn (München-Wolfratshausen-Bichl). Der Floßverkehr auf der Isar liefert einen bedeutenden Teil des benötigten Bauholzes. Die Gesamteinnahmen der Staatsbahnhöfe aus dem Personen- und Güterverkehr beliefen sich 1903 auf nahezu 32 Millionen Mark. Dem Personenverkehr in der Stadt dienen die vielverzweigte elektrische Straßenbahn (1902 mit 48,46 km Bahnlänge; Anzahl der beförderten Personen 52,2 Millionen), ferner ein- und zweispännige Droschken (1902: 480, darunter 282 Taxameter) sowie Automobildroschken.

Unter den wissenschaftlichen und Bildungsanstalten behaupten die beiden Akademien der Künste und der Wissenschaften, die Universität (Ludwig Maximilians-Hochschule) und die Technische Hochschule den ersten Rang. Die Universität zerfällt in fünf Fakultäten (juristische, medizinische, theologische, philosophische. staatswirtschaftliche); sie zählte im Sommer 1904: 214 Professoren und Dozenten und 4946 Studierende. Sie besitzt zahlreiche Hilfsinstitute, insbesondere der naturwissenschaftlichen und medizinischen Zweige. Mit ihr stehen in Verbindung die beiden großen städtischen Krankenhäuser, die Frauenklinik und das Kinderspital, das von Pettenkofer gegründete hygienische Institut, ein katholisches geistliches Seminar (Georgianum), das Maximilianeum, eine Erziehungsanstalt für besonders begabte Studierende, eine Reihe von Seminaren, eine forstliche Versuchsanstalt und eine Hebammenschule. Die Technische Hochschule umfasst eine allgemeine, eine Ingenieur-, Hochbau-, mechanisch-technische, chemisch-technische und landwirtschaftliche Abteilung und zählte im Sommer 1904: 65 Professoren und Dozenten, 2331 Studierende und 459 Hospitanten. München besitzt ferner eine tierärztliche Hochschule, eine Akademie der Tonkunst, 5 humanistische Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Kriegsakademie, Ingenieur- und Artillerieschule, Kriegsschule, Kadettenkorps, eine Gendarmerieschule, eine Kunstschule für die männliche wie für die weibliche Jugend, eine Industrie-, eine Baugewerk-, eine Kunstgewerbe- und 4 Kreisrealschulen, eine Handelsschule für Knaben und eine solche für Mädchen, eine wirtschaftliche Frauenschule mit Seminar für Wirtschaftslehrerinnen, errichtet vom Verein für wirtschaftliche Frauenschulen, eine Frauenarbeitsschule, gewerbliche Fortbildungsschulen für Knaben und Mädchen, ein Kreislehrerinnen- und ein Arbeitslehrerinnenseminar, eine Turnlehrerbildungsanstalt, Taubstummen- u. Blindeninstitut, Erziehungsanstalt für Krüppelhafte etc. Die Zahl der Volksschulen betrug 1904: 44 mit 56.551 Kindern. Von den in München erscheinenden ca. 20 politischen Zeitungen sind die bekanntesten die „Münchner Neuesten Nachrichten“, die „Allgemeine Zeitung“, die „Münchener Zeitung“, „Das bayrische Vaterland“ (Gründer Sigl), der ultramontane „Bayerische Kurier“. Außerdem erscheinen in München zahlreiche wissenschaftliche und andere, insbesondere Kunstzeitschriften und die weltbekannten humoristischen „Fliegenden Blätter“, außerdem die bekannten Wochenschriften „Jugend“ (Jugendstil) und „Simplizissimus“.

Herzog Heinrich der Löwe machte die München 1158 zur Münzstätte und Hauptniederlassung für das von Reichenhall und Hallein kommen de Salz. 1254 wurde die innere Stadt mit Ringmauern, Wällen und Gräben umgeben, bis die vor den vier Toren gelegenen Vorstädte mit der inneren Stadt vereinigt wurden, die seit 1301 eine neue Umfassungsmauer umschloss. Kaiser Ludwig der Bayer gab München nach dem furchtbaren Brand von 1327 den Umfang und die Gestalt, die es bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts im wesentlichen bewahrte, bis zu dem Isar-, Sendlinger, Karls- und Schwabinger Tor. Albrecht V. gründete die Bibliothek, die Gemäldegalerie, die Schatzkammer, den Antikensaal und das Münzkabinett. Unter Wilhelm V. (1579–96) kamen die Jesuiten nach München und erhielten ein großes Kollegium und eine prächtige Kirche (jetzt Michaelshofkirche). Kurfürst Maximilian I. (1597–1651) erbaute die alte Residenz und das Zeughaus sowie das Josephs- und Herzogsspital. Zugleich erhielt München damals neue Befestigungen. Dennoch zog der Schwedenkönig Gustav Adolf am 17. Mai 1632 siegreich in München ein. Unter Ferdinand Maria (1651–79) wurden die Theatinerkirche und das benachbarte Schloss Nymphenburg gebaut. Alle wissenschaftlichen und Kunstsammlungen erhielten bedeutenden Zuwachs, namentlich letztere durch die in München und Schleißheim vereinigten Gemäldegalerien. Mit Maximilian II. Emanuel (1679–1726) gewann der französische Zeitgeschmack das Übergewicht. 1705 und 1742 wurde München von den Österreichern besetzt. Für die Wissenschaft begann unter dem Kurfürsten Maximilian III. Joseph (1745–77) durch Gründung neuer Schulen und vor allem der Akademie der Wissenschaften (1759) eine neue Zeit. Unter Karl Theodor (1778–99) erweiterte sich die Stadt, die damals 35.000 Einwohner zählte, nach allen Seiten hin. Die Festungswerke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wurden seit 1791 abgerissen und an der Stelle der geebneten Wälle erhoben sich neue Straßen. 1801 erhielt der erste Protestant das Bürgerrecht. 1806 wurde München königliche Residenz. König Maximilian (Max) I. begann seit 1814 das noch immer sehr enge und düstere München zu einer geräumigen und heitern Königsstadt umzubauen. 1818 bekam es eine neue Gemeindeverfassung, 1826 wurde die Universität von Landshut nach München verlegt. Sein eigentümliches Gepräge erhielt München aber durch Ludwig I. und Max II., die prachtvolle Bauten begannen und reiche Kunstsammlungen gründeten. Während die Schöpfungen der Könige zunächst das Äußere der Stadt umwandelten, vollzog sich allmählich unter dem Einfluss der wissenschaftlichen und Kunstinstitute sowie des Reiseverkehrs auch ein geistiger Umschwung in München. Im Deutschen Reich (Kaiserreich) nimmt es eine hervorragende Stellung im wissenschaftlichen und künstlerischen Leben ein, auch der Buch- und namentlich der Kunsthandel steht in Blüte.