Riga. Hafen.

Riga

Riga, Hauptstadt des russischen Gouvernements Livland, Stadtgeschichte in alten Ansichtskarten und zeitgenössischen Texten.

Riga 256.197 Einwohner (1897)

Riga. Stadtansicht.
Riga. Stadtansicht.

Riga war die Hauptstadt des russischen Gouvernements Livland. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde sie im November 1918 Hauptstadt von Lettland. Die Stadt liegt an beiden Ufern der Düna, über die eine 250 m lange Schiffbrücke und eine Eisenbahnbrücke führen. Riga liegt 11 km von Mündung der Düna in den Rigaer Busen und an den Eisenbahnlinien Riga-Orel, Riga-St. Petersburg, Riga-Tukkum, Riga-Mitau und den Zweiglinien nach Bolderaa (Dünamünde) und Mühlgraben.

Riga Stadtplan 1900
Riga Stadtplan 1900

Livland mit der Hauptstadt Riga war ein russischen Gouvernement, zu den Baltischen Gouvernements bzw. den Ostseeprovinzen gehörig. Livland 47.030 km² groß und hatte 1.299.365 meist lutherische Einwohner. Im Südwesten leben Letten, im Nordosten Esten (die Dorfbewohner, zusammen 83 Prozent), in den Städten Deutsche (Adel und Bürgertum, 7,5 Prozent) und Russen (Beamte und Kaufleute). Um das Jahr 1900 lebten in Livland fast 100.000 Deutsche. Livland wurde durch Lübecker Kaufleute 1158 bekannt. Bischof Albrecht gründete Riga und 1202 den Orden der Livländer Schwertritter, der sich später mit dem Deutschen Orden verband und ganz Livland, Kurland, Semgallen und Estland unterwarf; 1561 wurde Livland polnische Schutzprovinz, 1660 kam es an Schweden, 1721 an Russland. 1877-1905 Russifizierung und Unterdrückung der Selbstverwaltung. Am 18. November 1918 erklärte Lettland seine Unabhängigkeit von Russland.

Russische Ostsee-Provinzen. (Meyers Großes Konversations-Lexikon 6. Auflage 1906)
Russische Ostsee-Provinzen. (Meyers Großes Konversations-Lexikon 6. Auflage 1906)

Riga ist um 1900 nach St. Petersburg und Odessa die wichtigste Seehandelsstadt Russlands. Sie besteht aus der Altstadt, der Petersburger und Moskauer Vorstadt auf dem rechten Flussufer und der Mitauer Vorstadt, die auf dem linken Flussufer und mehreren Inseln (Holme) liegt. Die Altstadt ist reich an historischen Bauten, hat aber enge und winklige Straßen; in ihr konzentriert sich das eigentliche Geschäftsleben.

Riga. Rathaus.
Riga. Rathaus.

Die seit 1856 niedergelegten Wälle sind in schöne Boulevards verwandelt (Thronfolger-, Alexander-, Todlebenboulevard), die mit den geschmackvollen Gartenanlagen (Wöhrmannscher Park, Schützengarten etc.) den schönsten Teil der Stadt bilden. Die noch immer mächtig sich ausdehnenden, mit breiten Straßen ausgestatteten Vorstädte sind der Schauplatz des industriellen Lebens.

Riga. Peter-Denkmal.
Riga. Peter-Denkmal.

Riga hat 10 evangelische, eine reformierte, eine anglikanische, 2 römisch-katholische, 14 griechisch-orthodoxe Kirchen nebst 2 Klöstern und 2 Synagogen. Unter den historisch interessanten Kirchen der Altstadt sind zu nennen: die Dom- oder Marienkirche (1215–26 erbaut, mit bemerkenswerten, 1893 renovierten Kreuzgängen), die Petrikirche (1209 in Holz, 1408–66 in Stein erbaut, mit 115 m hohem Turm), die 1226 erbaute Jakobikirche, die lettische Johanniskirche, die Gertrudkirche, an der J. G. Herder wirkte, u. a. Von den griechisch-orthodoxen Kirchen nennen wir die 1877–84 erbaute schöne Kathedrale, die Alexeikirche aus dem 18. Jahrhundert und die Alexander-Newskikirche.

Riga. Schwarzhäupterhaus.
Riga. Schwarzhäupterhaus.

Unter den Profanbauten Rigas verdienen Erwähnung: das 1494–1515 erbaute Schloß (einst Residenz der Großmeister in Livland, jetzt Sitz des Zivilgouverneurs), davor die 8 m hohe Siegessäule aus Granit mit einer bronzenen Viktoriastatue und goldener Krone (zur Erinnerung an die Kriegsjahre 1812–15 errichtet); ferner das 1864–66 in florentinischer Renaissance umgebaute Ritterhaus mit einem Saal, der die Wappenschilde sämtlicher adliger Familien des Landes enthält; das 1330–34 erbaute Schwarzhäupterhaus (jetzt Klub der jungen Kaufleute), die schönen Gebäude der Großen (St. Marien-) und der Kleinen (St. Johannis-) Gilde, das Rathaus (mit dem städtischen Archiv und der Stadtbibliothek), die Börse, das Zollhaus, das Seemannshaus, das 1860–63 erbaute, schöne deutsche Theater, das zweite (russische) Stadttheater, das Polytechnikum etc.

Riga. Das deutsche Theater mit Timmbrücke.
Riga. Das deutsche Theater mit Timmbrücke.

Die Zahl der Einwohner betrug 1897: 256.197 (einschließlich Patrimonialgebiet):

  • 46 % Deutsche (1881: 67.000, 1913: 78.600, 1925: 43.792)
  • 20 % Russen
  • 20 % Letten

Den Rest bilden Esten und andere Nationalitäten.

Riga. Kathedrale.
Riga. Kathedrale.

Der Konfession nach sind:

  • 64 % Lutheraner und Reformierte
  • 18 % Griechisch-Orthodoxe (inkl. Sekten)
  • 12 % Juden
  • 6 % Römisch-Katholische.
Riga. Alexanderstraße und Gertrudkirche.
Riga. Alexanderstraße und Gertrudkirche.

Die Industrie hat sich seit 1895 mächtig entwickelt, so dass Riga auch industriell eine der bedeutendsten Städte Russlands war. Man zählte 1900: 356 Fabriken mit 42.274 Arbeitern und 67,25 Millionen Rubel Produktionswert. Vertreten sind fast alle Industriezweige; besondere Erwähnung verdienen zwei große Waggonfabriken, die elektrotechnische Fabrik der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, zahlreiche Metallwaren- und Maschinenfabriken, chemische Fabriken, eine Anzahl großer Sägemühlen, Tabak- und Zigarrenfabriken, zahlreiche Bierbrauereien, eine große Gummiwarenfabrik u. a.

Riga. Düna.
Riga. Düna.

Riga steht mit Stettin, Lübeck, Bremen, Hamburg, Köln a. Rh., Stockholm, Kopenhagen, Rotterdam, Antwerpen, Rouen, Hull, Leith, Dundee sowie mit St. Petersburg, Libau, Odessa und anderen russischen Häfen in regelmäßiger Dampferverbindung. Den Interessen des Handels dienen ein Zollamt erster Klasse, ein Elevator, eine Kühlhalle für Butter, Wild und Geflügel; auch hat Riga ein ansehnliches eignes Reedereigeschäft. Die hauptsächlichsten Banken sind: das Kontor der Reichsbank, die Rigaer Börsenbank, die Rigaer Kommerzbank, die Stadtdiskontobank, 3 Banken für gegenseitigen Kredit.

Riga. Die Börse.
Riga. Die Börse.

Von Unterrichtsanstalten bestanden in Riga 1904: ein Polytechnikum (mit sechs Fakultäten, darunter solchen für Ackerbau und Handelswissenschaften), 4 Gymnasien für Knaben und 2 für Mädchen, 2 Realschulen, ein geistliches Seminar und eine griechisch-orthodoxe Pfarrschule, ein Lehrerseminar, eine Navigations-, eine Handwerkerschule und eine Taubstummenanstalt; ferner eine Stadtbibliothek und 3 andre öffentliche Bibliotheken, das Dommuseum (Museen der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen und des Naturforschervereins), eine städtische und 2 andre Gemäldegalerien, 8 öffentliche Krankenanstalten.

Riga. Herrenstraße.
Riga. Herrenstraße.

An Zeitschriften erschienen 1904: 56, davon 20 in deutscher (darunter 3 Tageszeitungen), 15 in lettischer, eine in estnischer und 20 in russischer Sprache. Die Zahl der Einrichtungen und Vereine für Wissenschaft, Kunst und Geselligkeit ist sehr bedeutend. Riga hat eine elektrische Straßenbahn und zahlreiche Dampferlinien auf der Düna, welche die Verbindung mit den Vororten aufrecht erhalten. In früherer Zeit (bis 1856) Festung ersten Ranges, ist Riga Sitz des livländischen Gouverneurs, des 20. Armeekorpskommandos, des griechisch-orthodoxen Erzbischofs von Riga und Mitau, des Kurators des Rigaischen Lehrbezirks, mehrerer Konsuln (darunter eines deutschen Generalkonsuls). 1878 wurde die städtische Verwaltung dem Rat entzogen und die russische Städteordnung (mit Stadtamt und Stadtverordnetenversammlung) eingeführt. 1889 bei Einführung der russischen Gerichtsverfassung löste sich der Rat auf.

Riga. Alexanderstraße.
Riga. Alexanderstraße.

Riga Geschichte

Riga wurde 1201 von Bischof Albert von Bremen gegründet und ist seit 1255 Erzbischofssitz. Die Stadt entwickelte sich durch den Beitritt zur Hans (um 1282) rasch und spielte in den Kämpfen zwischen Deutschem Orden und Erzbischof oft eine entscheidende Rolle. Durch den Rigaer Ratsherren und Reformator Andreas Knopfen wurde die Stadt 1522 evangelisch und gehörte zum Schmalkaldischen Bund.

Riga. Schloss.
Riga. Schloss.

Als nach dem Zusammenbruch des Ordensstaates Livland dem König von Polen unterworfen wurde, wahrte Riga bis 1582 seine Selbstständigkeit. Während den Kämpfen zwischen Schweden, Polen und Russen wurde die Stadt mehrfach belagert und kam 1710 unter russische Oberhoheit. 1889 wurden Verwaltung, Gericht und Schule russifiziert. 1905 war Riga Mittelpunkt der revolutionären Bewegung unter den Letten. Im Ersten Weltkrieg besetzte die deutsche Armee am 1. September 1917 bei Dünhof, 30 km oberhalb von Riga, über die Düna und besetzte Riga am 3. und am 5. September den Hafen. Im November 1918 wurde Riga Hauptstadt der Republik Lettland. Nach Abzug der deutschen Truppen Ende 1918 fiel Riga in die Hand der Bolschewisten. Am 23. Mai 1919 wurde Riga von dem Generalkommando Graf von der Golz mit deutschen und baltisch-lettischen Truppen befreit, nachdem die Bolschewisten die festgenommenen Geisel erschossen hatten.

Lettland - Latvia.
Lettland – Latvia.

Riga ist seit 1918 die Hauptstadt von Lettland und hat heute rund 633.000 Einwohner (2020).

Bildergalerie

Quellenhinweise:

  • „Meyers Konversations-Lexikon“ 5. Auflage in 17 Bänden 1893 – 1897
  • „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ 6. Auflage in 24 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1906 – 1908
  • „Meyers Kleines Konversations-Lexikon“, 7. Auflage in 6 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig und Wien 1908
  • „Meyers Lexikon“ Siebente Auflage Bibliographisches Institut, Leipzig 1927
  • „Bertelsmann Universal Lexikon“ 1994
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