Bautzen

Stadt im Königreich Sachsen und Hauptstadt der gleichnamigen Kreishauptmannschaft

Bautzen 29.412 Einwohner – 1905 = 139. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Bautzen, Innere Lauenstraße
Bautzen, Innere Lauenstraße

 

Bautzen

Bautzen (wendisch Budissin) ist Stadt im Königreich Sachsen und Hauptstadt der gleichnamigen Kreishauptmannschaft, die erste der sogenannten Vierstädte, auf einer steilen Anhöhe (210 Meter über dem Meer) an der Spree, Knotenpunkt der Staatsbahnlinien DresdenGörlitz, Schandau-Bautzen und Bautzen-Königswartha, besteht aus der eigentlichen, mit Mauern und Warttürmen umgebenen Stadt und Vorstädten, die durch Alleen von der Stadt geschieden und mit Wall und Gräben (jetzt z. T. Promenaden) umgeben sind, während das meist von Wenden (slawische Sorben) bewohnte Dorf Seidau (3068 Einwohner) nördlich, ebenfalls an der Spree liegt. Auf dem höchsten Punkte der Stadt liegt das 958 gegründete, aber später abgebrannte Schloss Ortenburg, ehemals häufig Residenz der Könige von Böhmen, um 1900 Sitz mehrerer Behörden.

Unter den Kirchen ist die bemerkenswerteste der paritätische Dom St. Petri, ein großer Hallenbau von unregelmäßiger Grundform, 1441–97 erbaut, mit 94 Meter hohem Turm und kostbaren Kirchengefäßen. Ein eisernes Gitter trennt den evangelischen und katholischen Teil. Andere Kirchen sind die alte und die neue zu St. Maria und Martha, die evangelische Dreifaltigkeits- oder Taucherkirche, die St. Michaeliskirche (für wendische Protestanten) und die Kirche zu Unserer Lieben Frau (für wendische Katholiken). Andere ansehnliche Gebäude sind die beiden Landschaftshäuser, die Dekanei (Kapitelhaus), das schöne Rathaus mit schlankem Turm, das Stadtbad etc. Sehenswert sind auch die Ruinen der Nikolai- und der Mönchskirche innerhalb der Stadt.

Im Jahr 1900 leben hier mit der Garnison (1 Infanterieregiment Nr. 103) 26.024 Einwohner, der Großteil sind Evangelische, 3198 sind Katholiken und 65 Juden. Der älteste, schon im 17. Jahrhundert wichtige Industriezweig ist das Stricken und Wirken wollener Strümpfe, Jacken etc.; auch die Tuchfabrikation ist bedeutend. Außerdem hat Bautzen drei Eisengießereien mit Maschinenbauwerkstätten, einen Kupferhammer mit Walzwerk, ein Stanz- und Emaillierwerk, Fabriken für schmiedeeiserne Fenster und Eisenkonstruktionen, Wagenbau, Fabrikation von Fahrrädern, Zement- und Tonwaren, Zigarren, Pulver, Leder, Papier, Strickmaschinen, Sprit etc.; ferner mechanische Spinnerei und Weberei, lithographische Anstalten, Färberei, eine Appretur- und chemische Waschanstalt, Bierbrauerei, Ziegelbrennerei, Granitsteinbrüche etc.

Der Handel erstreckt sich vorzugsweise auf die Erzeugnisse der dortigen Industrie. Er wird unterstützt durch eine Nebenstelle der Reichsbank und die Landständische Bank; auch besitzt Bautzen schon seit 1284 ein Kaufhaus, das jetzt von Grund aus umgebaute Gewandhaus. An Bildungsanstalten befinden sich dort ein Gymnasium (seit 1556), ein evangelisches und ein katholisches Schullehrerseminar, eine Realschule, eine Handelslehranstalt, eine landwirtschaftliche Lehranstalt, eine Industrie- und Gewerbe- und eine Gartenbauschule, ein Altertumsmuseum, eine Bildergalerie etc. An Wohltätigkeitsanstalten zählt Bautzen vier Spitäler, ein Waisenhaus, eine Korrektionsanstalt etc.

Bautzen ist Sitz einer Kreis- und Amtshauptmannschaft, eines Konsistoriums, eines Landgerichts, eines Hauptzollamtes und des Domstifts St. Petri, das aus einem katholischen Dechanten (der stets infuliert und jetzt gewöhnlich ein Bischof in partibus ist), einem evangelischen Propst (stets ein Meißener Domherr, weil das Domstift St. Petri geschichtlich ein Kollegiatstift von Meißen ist), 10 Domherren und 5 Vikaren derselben besteht. Das Stift wurde 1213 von dem Bischof Bruno II. von Meißen gestiftet und hat große Besitzungen. Die städtischen Behörden zählen 10 Magistratsmitglieder und 27 Stadtverordnete. Zum Landgerichtsbezirk Bautzen gehören die 18 Amtsgerichte zu Bautzen, Bernstadt, Bischofswerda, Ebersbach, Großschönau, Herrnhut, Kamenz, Königsbrück, Löbau, Neusalza, Neustadt bei Stolpen, Ostritz, Pulsnitz, Reichenau, Schirgiswalde, Sebnitz, Stolpen und Zittau.

Bautzen, ursprünglich eine slawische Niederlassung Budissin, erscheint um 1004, wo es vom König Heinrich II. erobert wurde, als befestigte Stadt. Hier wurde 1018 der Friede zwischen dem Polenherzog Boleslaw und Kaiser Heinrich II. und 1350 der Vertrag zwischen Karl IV. und Ludwig von Brandenburg geschlossen, durch den Ludwig seinen Ansprüchen auf die Niederlausitz entsagte, aber Brandenburg verbürgt erhielt. 1431 schlug Bautzen einen Angriff der Hussiten ab. 1620 nahm es Kurfürst Johann Georg, 1633 Wallenstein ein, und 4. Mai 1634 brannte es der vom Kurfürsten von Sachsen belagerte kaiserliche Oberst von Goltz, bevor er sich ergab, nieder. 1813 stellten sich hier die verbündeten Preußen und Russen zur zweiten Schlacht 20. und 21. Mai (auch Schlacht bei Wurschen genannt) gegen die Franzosen.

Die Kreishauptmannschaft Bautzen zählt 2470 km² (44,86 Quadratmeilen) und im Jahr 1900 = 405.173 Einwohner (164/km²), davon 361.285 Evangelische, 41.605 Katholiken und 12.416 Juden, (ca. 47.000 Wenden), und besteht aus den vier Amtshauptmannschaften Bautzen, Kamenz, Löbau und Zittau.

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