Würzburg

unmittelbare Stadt im Königreich Bayern und Hauptstadt des Regierungsbezirks Unterfranken

Würzburg 80.325 Einwohner – 1905 = 52. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Würzburg, Domstraße
Würzburg, Domstraße

 

Würzburg

Würzburg (Virteburch, Wirceburgum, Herbipolis) ist die Hauptstadt des ehemaligen Fürstbistums Würzburg, jetzt unmittelbare Stadt im Königreich Bayern und Hauptstadt des Regierungsbezirks Unterfranken. Es liegt in reizender Gegend zu beiden Seiten des Mains, über den hier drei Brücken führen und 181 Meter über dem Meer. Die Stadt galt bis 1866 als Festung. Der Hauptteil dieser, der Marien- oder Frauenberg, liegt am linken Mainufer auf dem 265 m hohen Leistenberg und war von 1261–1720 Sitz der Bischöfe. Die mit einem Ring von prächtigen Anlagen sowie einer Ringstraße und dem Mainkai umschlossene Stadt ist im Innern unregelmäßig gebaut. Unter den 36 Kirchen (darunter 2 evangelische) ist die Domkirche (862 gegründet, 1042 neu erbaut) mit der prachtvollen Schönbornschen Kapelle und vielen Denkmälern von Bischöfen die hervorragendste.

Die Haugerstiftskirche, ein stolzer Bau im Stil der italienischen Renaissance, mit Doppeltürmen und hoher Kuppel, wurde 1670–91 erbaut und neuerlich geschmackvoll restauriert. Die ursprünglich romanische Neumünsterkirche (von 1000?) bewahrt in der Krypta die Gebeine des heiligen Kilian. Ferner sind zu nennen, die Universitätskirche mit der Sternwarte (auf dem Turm), die Deutschhauskirche und die Marienkapelle, zwei der schönsten Denkmäler gotischer Baukunst, letztere mit 20 Statuen von Tilman Riemenschneider aus dem 15. Jahrhundert, und die Kirche auf der Festung, die älteste in Franken. Außerdem hat die Stadt eine Synagoge. Unter den übrigen öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus das durch Balthasar Neumann von 1720–44 erbaute königliche Residenzschloss (früher Residenz der Fürstbischöfe, dann des Großherzogs), mit dem Kaiser- und dem Spiegelsaal, letzterer mit Gemälden auf Spiegelglas, und herrlichem Garten; das große, reiche und trefflich eingerichtete Juliushospital, das Gebäude der Universität, das neue Rathaus u. a. Vor dem Juliushospital steht die Statue des Fürstbischofs Julius (von Widnmann, von Miller in Erz gegossen); ein Denkmal zur Erinnerung an Walther von der Vogelweide (von Halbig, seit 1843) befindet sich in einer Nische der Neumünsterkirche, in deren Kreuzgang der Dichter 1230 begraben wurde. Würzburg hat außerdem Denkmäler des Bürgermeisters Zürn, des Japanreisenden von Siebold, des Komponisten Val. Becker, des Prinzregenten Luitpold, einen Luitpold- und einen Kiliansbrunnen und einen Bismarckturm.

Im Jahr 1905 leben hier mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr. 9,2 Feldartillerieregimenter Nr. 2 und 11 und 2 Kompanien Train Nr. 2) auf 80.327 Einwohner, der Großteil sind Katholiken, 15.341 sind Evangelische und 2535 Juden. Die Industrie besteht in Fabrikation von Tabak, Möbeln, Maschinen, chirurgischen, mathematischen und musikalischen Instrumenten, Kunstwolle, Eisenbahnwagen, Hartsteinen, Spielkarten, Goldleisten, Lampen, Metallwaren, Essig, Likör, Malz, Schokolade, Schaumwein etc., in Bierbrauerei, Eisengießerei und Ziegelbrennerei. Großartig sind die früher in dem ehemaligen Zisterzienserkloster Oberzell von König und Bauer gegründeten, 1901 auf das rechte Mainufer verlegten Etablissements zur Herstellung von Buchdruckschnellpressen. Außerdem sind noch zu nennen Schiffbau, Kunst- und Dampfsägemühlen, Obst-, Getreide-, Gemüse-, vor allem aber Weinbau. In der ganzen Umgebung der Stadt liegen zahlreiche Weinberge (ca. 1200 Hektar), die in guten Jahren einen Ertrag von 5 Millionen Mark. liefern. An dem südlichen Abhang des Frauenbergs, der sogenannte Leiste, wächst der berühmte Leistenwein, an dem nach Veitshöchheim a. M. sich hinziehenden Steinberg der Steinwein. Der Handel, unterstützt durch die Handels- und Gewerbekammer von Unterfranken, durch einen Handelsverein, eine Reichsbankstelle (Umsatz 1906: 526,6 Millionen Mark), die königliche Filialbank, Bayrische Notenbank, Bayrische Bodenkreditanstalt und zahlreiche andere Bankgeschäfte sowie durch das Eisenbahnnetz und die Mainschifffahrt, für die Würzburg einen Hafen besitzt, ist besonders bedeutend in Wein, Holz, Gerste, Chemikalien, Metallwaren, Mühlenfabrikaten etc. Auch hat Würzburg drei Messen, einen Wollmarkt, eine Getreideschranne, Viktualien- und Viehmärkte. Den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Straßenbahn. Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der bayrischen, bez. badischen Staatsbahnlinien Treuchtlingen-Aschaffenburg, Bamberg-Würzburg, Passau-Nürnberg-Würzburg und Heidelberg-Würzburg.

Unter den Bildungsanstalten ist zunächst die Universität zu nennen. Dieselbe wurde 1403 vom Bischof Johann von Eglofstein gegründet, ging aber bald wieder ein. Erst 1582 gründete der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn eine neue Hochschule, die seit der Vereinigung Würzburgs mit Bayern (1815) den Namen Julius Maximilians-Universität erhielt. Zur Beförderung der medizinischen Studien dient vornehmlich das Juliushospital, mit dem ein Entbindungshaus und ein Krankenhaus für Epileptische sowie eine Augenheilanstalt (von Welzsche Marienstiftung) und ein hygienisches Institut in Verbindung stehen. Die Bibliothek enthält über 100.000 Bände (meist aus alten Klöstern). Die Zahl der Studierenden belief sich im Sommersemester 1907 auf 1408 (worunter beinahe die Hälfte Mediziner). Ferner hat Würzburg 2 Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Oberrealschule, ein Priester-, ein bischöfliches Knaben- und ein Schullehrerseminar, Schulen des Polytechnischen Vereins, eine Landwirtschaftsschule, eine jüdische Lehrerbildungsanstalt, eine Handelsschule, eine Baugewerkschule, eine Fachschule für Maschinenbau und Elektrotechnik, ein adliges Erziehungsinstitut, eine Mädchenbesserungsanstalt, ein Kindergärtnerinnenseminar, eine Musikschule (gegründet 1804), eine Taubstummen- und eine Blindenanstalt, eine Hebammenschule etc. sowie die Wagnersche Kunstsammlung der Universität, eine städtische Gemälde- und Münzsammlung und ein Theater.

Unter den Vereinen sind eine Physikalisch-medizinische Gesellschaft, eine Gesellschaft zur Beförderung und Vervollkommnung der Künste und Gewerbe, der fränkische Kunst- und Altertumsverein, die Gesellschaft für fränkische Geschichte, ein Historischer Verein für den Regierungsbezirk Unterfranken und ein Weinbauverein nennenswert. An Wohltätigkeits- und anderen Anstalten besitzt Würzburg mehrere Spitäler, ein Waisenhaus, eine Irrenanstalt, 9 Klöster, eine Diakonissenanstalt, ein Zuchthaus etc. Die städtischen Behörden zählen 20 Magistratsmitglieder und 42 Stadtverordnete. Die Stadt ist Sitz der Regierung für Unterfranken, eines Bezirksamts, eines Landgerichts, einer Oberpost- und einer Eisenbahndirektion, eines Hauptzollamts, ferner eines Bischofs und eines bischöflichen Konsistoriums und eines Distriktsrabbinats. Von militärischen Behörden befinden sich dort das Generalkommando des 2. bayrischen Armeekorps, der 4. Division, der 7. Infanterie- und der 4. Feldartilleriebrigade. In der Nähe von Würzburg liegt der Nikolausberg mit der Wallfahrtskirche Käppele und reizender Aussicht. Der lateinische Name Herbipolis („Kräuterstadt“) wurde der Stadt im 12. Jahrhundert beigefügt. Zum Landgerichtsbezirk Würzburg gehören die elf Amtsgerichte zu Arnstein, Aub, Brückenau, Dettelbach, Gemünden, Karlstadt, Kitzingen, Marktbreit, Ochsenfurt, Wiesentheid und Würzburg.

Würzburg geht auf eine keltische Niederlassung zurück, erhielt aber erst nach der Errichtung des Bistums (741) Bedeutung. Wie in allen Bischofsstädten suchte sich auch in Würzburg die Bürgerschaft der bischöflichen Herrschaft zu entziehen, trachtete nach der Reichsfreiheit und schloss sich deshalb, namentlich unter König Heinrich IV., an das Königtum an, während ein dauernder Kampf zwischen Bürgerschaft und Bischof stattfand. Schlussendlich unterlag die Stadt in der Schlacht bei Argtheim 1400. Aus dem Anschluss der Stadt an das Königtum erklärt sich die häufige Abhaltung von Reichstagen in Würzburg. 1180 wurde hier Heinrich der Löwe geächtet, 1209 die Verlobung Ottos IV. mit Beatrix, der Tochter Philipps, beschlossen. Im Bauernkrieg führte die Gegnerschaft zum Bischof und die Hoffnung auf Reichsfreiheit zum Anschluss der Bürgerschaft an die Bauern, aber der tapfere Widerstand der Feste Marienberg veranlasste die Wendung des Kampfes. 1558 wurde Würzburg von Wilhelm von Grumbach überrumpelt. Die glänzendste Zeit für Würzburg war die Regierung des Bischofs Julius Echter von Mespelbrunn, der das Juliushospital und die Universität (1582) gründete. Im Dreißigjährigen Kriege wurde die Stadt am 18. Oktober 1631 von Gustav Adolf besetzt. Eine neue Blüte erlebte Würzburg im 18. Jahrhundert unter den Bischöfen aus dem Hause Schönborn, die den genialen Architekten Balthasar Neumann beschäftigten.

Am 3. September 1796 siegten hier die Österreicher unter Erzherzog Karl über die Franzosen unter Jourdan. 1803 fiel Würzburg an Bayern, 1805 an den Erzherzog Ferdinand als Hauptstadt eines Großherzogtums, 1815 an Bayern zurück. Im Herbst 1848 tagte hier eine Versammlung der deutschen Bischöfe, die in einer Denkschrift (29. November) die Trennung von Staat und Kirche verwarfen, für letztere aber volle Selbständigkeit verlangten. Vom 23.–27. November 1859 fand hier die unter dem Namen Würzburger Konferenzen bekannte ergebnislose Zusammenkunft der Bevollmächtigten der deutschen Mittel- und Kleinstaaten behufs engeren Zusammenwirkens in Bundesangelegenheiten statt. Ebenso wenig Erfolg hatten die von ebendiesen am 18. und 19. Februar 1864 gehaltenen Konferenzen zum Zweck gemeinsamen Verhaltens in der schleswig-holsteinischen Frage. Während des Deutschen Krieges, am 27. Juli 1866 wurde die Festung von den Preußen beschossen; nach dem Waffenstillstand besetzten die Preußen am 2. August 1866 die Stadt, die Festung blieb jedoch in den Händen der Bayern.