Reichenberg in Böhmen im Kaisertum Österreich, Stadtgeschichte in alten Ansichtskarten und zeitgenössischen Texten.
Reichenberg 34.099 Einwohner (1900), Städte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie
Reichenberg in Böhmen im Kaisertum Österreich
Reichenberg ist eine Stadt mit eigenem Statut in Böhmen im Kaisertum Österreich.
Reichenberg ist die bedeutendste deutsche Stadt und die größte Industriestadt des Landes, liegt 375 Meter über dem Meer, in einem Talkessel zwischen dem Iser- und Jeschkengebirge, an der Neiße.
Die Stadt Reichenberg ist Knotenpunkt der Linien Josefstadt-Reichenberg-Seidenberg der Südnorddeutschen Verbindungsbahn, Reichenberg-Teplitz der Aussig–Teplitzer Eisenbahn, Reichenberg-Grüntal der Reichenberg-Gablonz-Tannwalder Eisenbahn und Reichenberg-Zittau der Sächsischen Staatsbahnen.
Reichenberg hat eine gotische Erzdekanatskirche (1883 erneuert), eine Kreuzkirche (1695) mit einem Altarbild aus dem 16. Jahrhundert und einem Schnitzwerk am Hochaltar von 1506, eine neue St. Vinzenzkirche (1888), eine schöne evangelische Kirche (1868), eine Synagoge (1889), ein Schloss des Grafen Clam-Gallas (1774) mit schöner Kapelle (1604 in deutscher Renaissance erbaut) und Park, ein neues Rathaus (im deutschen Renaissancestil von Neumann 1893 erbaut) mit 56 m hohem Turm,
ein Gerichtsgebäude, ein neues Sparkassen- und ein Handelskammergebäude, ein Meisterhaus der Tuchmachergenossenschaft, ein Stadttheater, ein Gewerbemuseum, das Franz-Josephsbad (1902), ein Ursulinerinnenkloster mit gotischer Kirche, einen Monumentalbrunnen (von Metzner 1906) und ein Denkmal Josephs II. Im Jahr 1900 leben in Reichenberg mit der Garnison (1518 Mann) 34.099 meist deutsche Einwohner (1557 Tschechen). Reichenberg bildet den Zentralpunkt der nordböhmischen Schafwollindustrie mit Spinnereien, Webereien (1600 mechanische Webstühle), Färbereien und Appreturen.
Andere in Reichenberg vertretene Industriezweige sind die Fabrikation von Teppichen, Tuchschuhen, Maschinen, Eisengußwaren, Spritzen, Klavieren, Möbeln, Seifen, Farben, Leder, Buch- und Steindruckerei und Mühlenbetrieb. Förderungsmittel der gewerblichen Produktion und des ebenfalls sehr lebhaften Handels sind: die Filialen der Österreichisch-Ungarischen Bank, der Österreichischen Kreditanstalt und der Böhmischen Unionbank, zwei Sparkassen, eine Tuchhalle und ein Gewerbeverein.
Reichenberg ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft (für die Umgebung), eines Kreisgerichts, Gewerbegerichts, einer Finanzbezirksdirektion, einer Handels- und Gewerbekammer und hat ein Obergymnasium, eine Oberrealschule, Staatsgewerbeschule, Fachschule für Weberei, Lehrerbildungsanstalt, eine städtische Handelsakademie, das nordböhmische Gewerbemuseum (mit reichhaltigen kunstgewerblichen Sammlungen und der wertvollen Gemäldesammlung des Freiherrn Heinrich von Liebieg), ein Versorgungshaus, Spital, Kinderheim, elektrische Beleuchtung sowie Straßenbahn und Schlachthaus.
Reichenberg hat auch schöne Anlagen (Volksgarten, Kaiser-Josephpark) mit mehreren Aussichtspunkten, darunter die Hohenhabsburg. Südwestlich von Reichenberg erhebt sich der aussichtsreiche Jeschken (1013 m). Industrielle Vororte von Reichenberg, deren Vereinigung mit der Stadt eingeleitet ist, sind Röchlitz (4154 Einwohner), Rosental (2238 Einwohner), Oberrosental (4673 Einwohner), Johannestal (1265 Einwohner), Franzendorf (2133 Einwohner), Alt- und Neupaulsdorf (1030, bez. 1606 Einwohner), Ruppersdorf (2675 Einwohner) und Altharzdorf (3219 Einwohner).
Reichenberg wird in Urkunden zuerst 1348 genannt. Die Tuchmacherei begann hier zu Ende des 16. Jahrhunderts. Albrecht von Waldstein kaufte 1622 die Herrschaft Reichenberg, die nach ihm an den Grafen Gallas und später an die gräfliche Familie Clam-Gallas kam. 1906 wurde in Reichenberg eine sehr bedeutende deutschböhmische Ausstellung abgehalten.
Liberec, deutsch Reichenberg, ist heute eine Stadt in der Tschechischen Republik mit rund 104.000 Einwohnern (2021).
Bildergalerie
Quellenhinweise:
- „Allgemeines Ortschaften-Verzeichnis der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“, Wien 1902
- „Andrees neuer allgemeiner und österreichisch-ungarischer Handatlas“, 1904
- „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ 6. Auflage in 20 Bänden, Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, 1905-1911
- „Österreichs Hort – Geschichts- und Kulturbilder aus den Habsburgischen Erbländern“, 1908
- „Österreichische Bürgerkunde – Handbuch der Staats und Rechtskunde“ um 1910
- „Mein Österreich – Mein Heimatland“ 1915
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