Graudenz

Stadt (Stadtkreis) im Königreich Preußen, Provinz Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerder

Graudenz 35.998 Einwohner – 1905 = 108. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Graudenz, Lindenstraße
Graudenz, Lindenstraße

 

Graudenz

Graudenz ist eine Stadt (Stadtkreis) im Königreich Preußen, Provinz Westpreußen, Regierungsbezirk Marienwerder, auf dem rechten, hohen Ufer der Weichsel, über die hier eine Eisenbahnbrücke führt. Graudenz hat 2 evangelische und 3 katholische Kirchen (davon 2 Garnisonkirchen) und eine Synagoge. Im Jahr 1900 leben hier mit der Garnison (2 Infanterieregimenter Nr. 129 und 175,2 Abteilungen Feldartillerie Nr. 35 und 71, ein Bataillon Fußartillerie Nr. 15 und 2 Eskadronen Jäger zu Pferde) 32.727 Einwohner, der Großteil sind Evangelische, 10.415 sind Katholiken und 816 Juden.

Als Industriezweige sind zu nennen Eisengießerei und Maschinenfabrikation, Fabrikation von Tapisseriewaren, Zigarren, Tobak, Bürsten, Schuhwaren und Wagen sowie der Betrieb von Mahl- und Schneidemühlen. Der Handel, unterstützt durch eine Nebenstelle der Reichsbank (Umsatz 1903: 152,9 Millionen Mark) und andere öffentliche Geldinstitute, ist bedeutend in Getreide, Wolle, Vieh etc. Für den Eisenbahnverkehr ist Graudenz Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Kulmsee-Marienburg und Neustettin-Goßlershausen; dem Verkehr in der Stadt dient eine elektrische Straßenbahn.

Die Stadt hat ein Gymnasium, eine Oberrealschule, ein katholisches Schullehrerseminar, eine Präparandenanstalt, 5 Waisenhäuser, ein Museum und ein Zuchthaus und ist Sitz eines Landgerichts sowie des Stabes der 35. Division, der 69. Infanterie-, der 35. Feldartillerie- und der 35. Kavalleriebrigade. Dicht an der Weichsel liegt der Schlossberg mit den Resten einer alten Ritterburg und schönen Anlagen. Graudenz, das alte Grodeck, erhielt 1291 Stadtrechte.

Zum Landgerichtsbezirk Graudenz gehören die fünf Amtsgerichte zu Graudenz, Marienwerder, Mewe, Neuenburg und Schwetz. Die Festung Graudenz, jetzt Feste Courbière genannt, 2 km nördlich von der Stadt, an der Weichsel auf einem 86 Meter hohen Hügel, ist seit 1874 als Festung aufgegeben. Sie wurde von Friedrich II. 1772–76 angelegt und verteidigte sich unter Courbière vom 22. Januar bis 9. Juli 1807 ruhmvoll gegen die Franzosen.

Der Versailler Vertrag bestimmte 1919 die Abtretung der Provinzen Posen und Westpreußen an Polen. Nur kleine Teile der Provinzen verblieben bei Deutschland. Diese wurde als Grenzmark Posen-Westpreußen zusammengefasst und Schneidemühl die neue Provinzhauptstadt. Obwohl in Graudenz eine deutsche Bevölkerungsmehrheit von 84 % in der Stadt lebte musste sie an Polen abgetreten werden. Am 3. September 1939 eroberte die deutsche Wehrmacht Graudenz, das als Teil des Reichsgaus Danzig-Westpreußen wieder in das Deutsche Reich eingegliedert wurde.

Graudenz wurde am 9. Februar 1945 zur Festung erklärt, nachdem die Stadt von der Roten Armee eingekesselt worden war. Die etwa 9.000 Mann umfassenden Verteidiger unter Generalleutnant Ludwig Fricke kapitulierten nach schweren Kämpfen am 6. März 1945. Im Zuge der Kampfhandlungen während der Belagerung war die Stadt zu etwa 60 % zerstört worden. Graudenz wurde als Grudziądz dem polnischen Staates eingegliedert, die deutsche Bevölkerung wurde vertrieben.