Mittelmeerdivision

Durchbruch Goeben und Breslau
Durchbruch Goeben und Breslau

Die deutsch-türkische Mittelmeer-Division mit S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau unter Admiral Souchon 1914 – 1918

Die Türkei schlägt los - Constantinopel mit der Kriegsflotte
Die Türkei schlägt los – Constantinopel mit der Kriegsflotte
Wilhelm Souchon

Wilhelm Souchon
* 02.06.1864 in Leipzig,
† 13.01.1946 in Bremen;
deutscher Admiral, Chef der Mittelmeerdivision

Die ersten entscheidenden Ereignisse des Seekrieges im Ersten Weltkrieg spielten sich im August 1914 im Mittelmeer ab. Unmittelbar nach Eintritt des Kriegszustandes mit Frankreich, am 4. August 6 Uhr morgens, beschossen die deutsche Kriegsschiffe der Mittelmeerdivision unter dem Kommando von Konteradmiral Souchon S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau die algerischen Truppenverschiffungshäfen Bone und Philippeville hinab. Drei Tage verzögerte sich dadurch das Eintreffen des XIX. Armeekorps in Frankreich.

S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau beschießen algerische Hafenplätze
S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau beschießen algerische Hafenplätze

Die abenteuerliche Fahrt von S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau nach Konstantinopel (dem heutigen Istanbul in der Türkei) hat freilich noch größere Folgen hervorgerufen. Sie hat der Entente (Großbritannien und Frankreich) das Tor nach dem Schwarzen Meer zugeschlagen und den Zusammenbruch Russlands begründet, das auf den anderen Verbindungswegen nicht genug Materialzufuhr erhielt um widerstandsfähig zu bleiben. Am letzten Friedenstag, dem 4. August vormittags, spürten zwei englische Schlachtkreuzer, beide zusammen erheblich stärker als S.M.S. Goeben, die deutschen Schiffe auf und jagten mit geladenen Geschützen in wenigen Meilen Abstand hinter ihnen her. 

Mittelmeeranrainerstaaten 1914
Mittelmeeranrainerstaaten 1914

Auf die funkentelegraphische Bitte um Feuererlaubnis gab der britische Marineminister Winston Churchill nur eine bedingte Genehmigung, wenn nämlich die deutschen Schiffe französische Truppentransporte angreifen würden.

Winston Churchill

Winston Churchill
* 30.11.1874,
† 24.01.1965,
Erster Lord der Admiralität 1911 -1915, britischer Premierminister (1940–1945 und 1951–1955)

Beinahe wären also die ersten Schüsse, noch im Frieden, aus englischen Schiffsgeschützen gefallen. Dann hätte England die Verletzung der belgischen Neutralität nicht als Vorwand für seine Teilnahme am Kriege nehmen können. So besitzen bereits die ersten Tage der Kriegsgeschichte der S.M.S. Goeben einen Anflug weltgeschichtlicher Bedeutung. Auf der Fahrt zur algerischen Küste erhielt der deutsche Admiral die Nachricht vom Abschluss eines geheimen Bündnisses zwischen Deutschland und der Türkei und den Befehl, nach Konstantinopel zu gehen. 

Constantinople, Nouveau Pont

Dieser Befehl wurde jedoch in letzter Minute widerrufen. Während des kurzen Aufenthalts in Messina (Sizilien) sah sich Admiral Souchon vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt. Er fürchtete, beim Einlaufen in die Adria für die ganze Dauer des Krieges an die wahrscheinlich defensive Haltung der österreichischen Flotte gekettet zu sein. Die Türkei musste dagegen einen Sieg Russlands fürchten und war durch das Erscheinen der deutschen Mittelmeerdivision vielleicht zum Eintritt in den Krieg auf Seiten der Mittelmächte zu bewegen. Souchon entschloss sich gegen den Befehl der deutschen Regierung zu einem kühnen Vorstoß ins Ungewisse.

Das deutsche Mittelmeergeschwader S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau durchbrechen das vor dem Hafen von Messina auf der Lauer liegende englische und französische Geschwader

Er brach nach dem östlichen Mittelmeer durch und hoffte, bis zu seinem Eintreffen vor den vorläufig noch gesperrten Dardanellen eine günstige Entscheidung der türkischen Regierung zu erwirken. Der englische Seekriegshistoriker Corbett äußerte später:

Kaum jemals im Seekriege ist eine kühnere und klüger überlegte Entscheidung getroffen worden. So gründlich verwandelte das sehr riskante Wagnis eine verzweifelte Lage in eine solche von hoher moralischer und materieller Überlegenheit, dass es den fundamentalen Fehler der deutschen Staatskunst, den deutschen Einfall in Belgien, aufwiegt.

Ein solcher Erfolg war nur möglich bei einem gewissen Versagen der feindlichen Führung. Obwohl der englische Befehlshaber in der Adria fünfzehn Kriegsschiffe (vier Panzerkreuzer, einen Kreuzer und zehn Zerstörer) zur Verfügung hatte, zog er sie zurück, als S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau aus Messina ihm entgegenliefen. 

Durchbruch der "Goeben" und "Breslau" bei Messina
Durchbruch der „Goeben“ und „Breslau“ bei Messina

Erst nachdem die deutschen Schiffe die Südspitze Griechenlands mit Ostkurs passiert hatten, ging der englische Oberbefehlshaber zu ihrer Verfolgung in See. Er kreuzte bis zum 11. August in der Enge zwischen Griechenland und Kreta und erfuhr dort, dass die deutschen Schiffe in die türkischen Meerengen eingelaufen waren.

Enver Pascha

Enver Pascha
* 22.11.1881,
† 04.08.1922;
türkischer Kriegsminister

Die folgenden Wochen und Monate, in denen um den Kriegseintritt der Türkei gerungen wurde, bezeichnet Admiral Souchon als die für ihn schwerste Zeit des Krieges. Am 16. August 1914 wurden S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau von der Türkei angekauft und unter die türkische Flagge gestellt.

Die Helden der Goeben und Breslau
„Die Helden der Goeben und Breslau“ – italienische Spottkarte

Die Schiffe erhielten die Namen „Sultan Yawus Selim“ und „Midilli“, Admiral Souchon wurde türkischer Flottenchef. Im Oktober beschloss er, in stillschweigendem Einverständnis mit Enver Pascha, die russische Flotte im Schwarzen Meer anzugreifen und die Seeherrschaft zu erkämpfen. Am 27. Oktober liefen sämtliche türkischen Schiffe unter Souchons Führung ins Schwarze Meer und beschossen Sewastopol, eine der größten Seefestungen der Erde, Odessa, Noworossijsk und Feodosia. Der Kriegszustand zwischen der Türkei und der Entente trat ein.

Die Beschießung von Sewastopol
Die Beschießung von Sewastopol

S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau standen im Schwarzen Meer der russischen Flotte in Stärke von 5 Linienschiffen, 2 Kreuzern, 9 Zerstörern, 17 Torpedobooten und 11 Unterseebooten gegenüber. Infolge ihrer hohen Geschwindigkeit konnten sich die beiden Schiffe trotzdem während der ganzen Kriegszeit im Schwarzen Meer fast ungehindert bewegen. Am 18. November 1914 stießen S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau zum ersten Male vor der Halbinsel Krim auf die russische Flotte, die plötzlich in nächster Nähe aus dem Nebel auftauchte. Am 26. Dezember lief S.M.S. Goeben vor dem Bosporus auf eine russische Minensperre und erhielt auf beiden Seiten kurz nacheinander je einen Minentreffer. In Konstantinopel gab es jedoch keine Möglichkeit ein so großes Schiff zur Reparatur zu docken. So musste man aus Deutschland Baumeister, Arbeiter und Arbeitsmaterial kommen lassen und erst nach mehrmonatiger Vorbereitung konnte an den schwierigen Ausbesserungsprozess herangegangen werden 

Krim, Jalta
Krim, Jalta

Während dieser Zeit war S.M.S. Goeben nur beschränkt verwendungsfähig. Sie hatte 600 t Wasser im Schiff und zwei Lecks, von denen das eine 64 Quadratmeter groß war. Um den Russen zu zeigen, dass S.M.S. Goeben trotzdem kampffähig sei, ging Admiral Souchon am 7. Februar 1915 mit ihr ins Schwarze Meer und ließ Jalta und Batum durch S.M.S. Breslau beschießen. Im März 1915 konnte endlich die Reparatur der Minenlecks durchgeführt werden. Zwei Kästen, die sich der Schiffsform genau anpassten, wurden außen am Schiff herabgelassen, über das Leck geschoben und leergepumpt. Am 28. März war das Leck an Backbord gedichtet. S.M.S. Goeben ging nun trotz des unreparierten Steuerbordlecks zunächst in See, stieß im Schwarzen Meer bis zur Halbinsel Krim vor und erwartete vor Sewastopol die feindliche Flotte, die sich jedoch in achtungsvoller Entfernung hielt und kein Artilleriegefecht zustande kommen ließ. Erst im Mai, nach vier Monate langer Arbeit, war auch das zweite Leck repariert.

Constantinople, Ambassade allemande a Pera
Constantinople, Ambassade allemande a Pera (deutsche Botschaft)

Im Oktober 1915 zeigte sich zum ersten Male eins der neuen Großkampfschiffe der russischen Flotte – Imperatriza Maria – bei den Kriegsoperationen. Durch seine Fertigstellung wurde die bisherige Vormachtstellung der S.M.S. Goeben erheblich beeinträchtigt. Bei dem ersten Zusammenstoß mit dem gewaltigen neuen Schiff stellte sich heraus, dass es eine ungewöhnlich hohe Geschützreichweite von 24 bis 25 km besaß, und dass es fast die gleiche Geschwindigkeit wie S.M.S. Goeben erreichte. Obwohl die Übermacht der Russen durch die Fertigstellung weiterer Großkampfschiffe, Zerstörer und Unterseeboote erdrückend wurde, vermochten sie bis zu ihrem Zusammenbruch die Seeherrschaft im Schwarzen Meer nicht zu erringen.

S.M.S. Breslau
S.M.S. Breslau

 Am 15. Dezember 1917 fand die Kriegstätigkeit im Schwarzen Meer mit Abschluss des Waffenstillstandes mit Russland ein Ende. Nach drei Jahren erfolgreicher Kriegsfahrten kam nun am 20. Januar 1918 ein schwarzer Tag für die deutschen Schiffe in der Türkei. Bei einer Unternehmung gegen den englischen Stützpunkt Imbros im Mittelmeer gerieten S.M.S. Goeben und S.M.S. Breslau auf Minensperren. S.M.S. Breslau ging mit dem größeren Teil ihrer Besatzung unter, S.M.S. Goeben erhielt drei Minentreffer, vermochte aber die Dardanellen zu erreichen und lief in den Meerengen auf eine Sandbank. Sechs Tage saß das Schiff dort unbeweglich unter den Bombenwürfen englischer Flieger. Am siebenten Tage gelang nach Überwindung ungewöhnlicher Schwierigkeiten ein letzter Abschleppversuch. 

S.M.S. Goeben
S.M.S. Goeben

Von 180 englischen Bomben hatten glücklicherweise nur zwei getroffen. S.M.S. Goeben war gerettet, aber aufs schwerste beschädigt. Trotz drei riesigen Lecks, die bis zum Ende des Krieges nicht mehr repariert werden konnten, blieb das Schiff fahrbereit, zu Offensivunternehmungen im Mittelmeer aber nicht mehr verwendbar. Im April 1918 nahm S.M.S. Goeben an der Besetzung der Festung Sewastopol und der Halbinsel Krim teil. Zum ersten Male seit 4 ½ Jahren wurde das Schiff in Sewastopol eingedockt. Man überholte den Schiffsboden nur notdürftig und verzichtete auf Arbeiten an den drei unreparierten Minenlecks. Die russische Flotte des Schwarzen Meeres, einst ein unbesiegbarer Gegner, war nun teils vernichtet, teils entwaffnet oder besetzt und als militärischer Faktor ausgeschieden. Die deutsch-türkische Herrschaft im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer war bis Kriegsende gesichert.

Admiral Souchon mit seinem Stab
Konteradmiral Souchon mit seinem Stabe (Foto Sébah & Joaillier, Konstantinopel) v. l. n. r.: Türkischer Chef des Admiralstabes Fregattenkapitän Enver-Bei (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen türkischen Kriegsminister), I. Admiralsoffizier Korvettenkapitän Busse, Konteradmiral Souchon, II. Admiralsoffizier Korvettenkapitän Büschel, Flaggleutnant Oberleutnant z. S. Wichelhausen, türkischer Flaggleutnant Oberleutnant z. S. Hakki.

Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte Ende 1918 und dem Abschluss des türkischen Waffenstillstands übergab der deutsche Admiral S.M.S. Goeben der türkischen Marine, wie es für das Ende des Krieges vorgesehen war. Die ehemalige Goeben wurde erst 1928, nach dem Bau eines geeigneten Schwimmdocks, gedichtet und repariert und war 1930 wieder voll fahrbereit. 1973, als letztes Schiff der ehemaligen Kaiserlichen Marine, wurde es verschrottet.

Bildergalerie

Quellenhinweise:

  • „Das Buch von der Deutschen Flotte“, von R. Werner, Verlag von Velhagen und Klasing – Bielefeld und Leipzig 1880
  • „Deutschlands Seemacht“ von Georg Wislicenus – Verlag Friedrich Wilhelm Grunow, Leipzig 1896
  • „Die Heere und Flotten der Gegenwart – Deutschland“ 1898
  • „Bilder aus der deutschen Seekriegsgeschichte“ von Vizeadmiral a.D. Reinhold Werner – München 1899
  • „Nauticus – Jahrbuch für Deutschlands Seeinteressen“ 1899-19
  • „Überall“ Illustrierte Zeitschrift für Armee und Marine, Jahrgänge
  • „Das Buch von der Deutschen Flotte“, von R. Werner, Verlag von Velhagen und Klasing – Bielefeld und Leipzig 1902
  • „Deutschland zur See“ von Victor Laverrenz, Berlin 1900
  • „Marine-Album“ Berlin 1910
  • „Deutschland zur See“ Illustrierte Wochenschrift, Zeitschrift des Vereins „Marinedank“, Berlin, Jahrgänge
  • „Der Völkerkrieg – Eine Chronik der Ereignisse seit dem 1.Juli 1914“ Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart 1914-1922
  • „Taschenbuch der Kriegsflotten“, J.F. Lehmann’s Verlag, München Jahrgänge von 1900 bis 1936
  • „Kennung der deutschen Kriegsschiffe und Torpedoboote“ – Admiralstab der Marine 1917
  • „Das Reichsarchiv“ Band 1 – 36, Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i.O. 1924
  • „Unsere Marine im Weltkrieg 1914-1918“ Vaterländischer Verlag Berlin 1927
  • „Deutsche Seefahrt“ – von Trotha und König, Otto Franke/ Verlagsgesellschaft Berlin – Birkenwerder 1928
  • „Marinearchiv“ Band I und II Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i.O. 1931
  • „Unsere Marine – Schiffsbilder“, Bilder der Reichsmarinesammlung im Museum für Meereskunde zu Berlin (1930)
  • „So war die alte Kriegsmarine“ von Eberhard von Mantey – Berlin 1935
  • „Die deutschen Kriegsschiffe“, Groener 1966
  • „Die Deutschen Kriegsschiffe“, Hildebrand/Röhr/Steinmetz

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