Hameln

Kreis- und ehemalige Hansestadt im Königreich Preußen, Provinz Hannover, Regierungsbezirk Hannover

Hameln 20.738 Einwohner – 1905 = 209. Platz der größten Städte des Deutschen Reichs.

Hameln, Rattenfänger
Hameln, Rattenfänger

 

Hameln

Hameln ist eine Kreis- und ehemalige Hansestadt im Königreich Preußen, Provinz Hannover, Regierungsbezirk Hannover. Sie liegt am Einfluß der Hamel in die Weser und 68 Meter über dem Meeresspiegel, ist Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Hannover-Altenbeken, Braunschweig-Löhne und anderer Linien. Die Stadt hat in zahlreichen Holz- und Steinbauten, unter denen das giebelreiche Hochzeitshaus (1616–17) und das sogenannte Rattenfängerhaus (1602) hervorzuheben sind, noch einen altertümlichen Charakter. Hameln besitzt 3 evangelische und eine katholische Kirche und eine Synagoge. Die Weser, über die eine 238 m lange Brücke führt, bildet einen belebten Flußhafen.

Die Einwohnerzahl beträgt im Jahr 1900 mit der Garnison (2 Bataillone Infanterie Nr. 164) 18.965, die große Mehrheit sind Evagelische, 1526 Katholiken und 237 Juden. Die Industrie besteht in Papier-, Leder-, Teppich-, Chemikalien- und Tabakfabrikation, auch hat Hameln eine Zuckerraffinerie, mechanische Webereien und Spinnereien, Eisengießerei, Schiffbau, Bierbrauerei, Handelsmühlen, Schiffahrt und Lachsfischerei. Der Handel wird unterstützt durch eine Reichsbanknebenstelle. Hameln hat ein Gymnasium, Realprogymnasium, Realschule, eine Handels-, eine landwirtschaftliche Winterschule, Waisenhaus, Schifferschule und eine Molkereischule, Lachsbrutanstalt und ist Sitz eines Amtsgerichts, einer Oberförsterei und einer Spezialkommission. In der Nähe die vielbesuchten Aussichtspunkte Klütberg (234 m) mit Turm und Ohrberg.

Hameln, früher Hameloa, Hamelowe, verdankt seinen Ursprung dem im 9. Jahrhundert errichteten St. Bonifatiusstift. Der aus einer Meierei. entstandene Ort gehörte zunächst dem Stift zu Fulda, dessen Abt 1259 Hameln an den Bischof von Minden verkaufte. Die Herren von Eberstein verkauften um 1277 die Vogtei in Hameln an den Herzog von Braunschweig, wodurch die Stadt unter Braunschweigs Herrschaft kam. Seit 1540 fand die Reformation hier Eingang. Im Dreißigjährigen Kriege wurde die Stadt 1626 von Tilly eingenommen und erst am 13. Juli 1633 nach dem Siege bei (Hessisch-) Oldendorf (8. Juli) die kaiserliche Besatzung durch Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg zum Abzug gezwungen. 1757 kam Hameln durch Kapitulation in die Hände der Franzosen, wurde aber schon 1758 von diesen geräumt; 1766 wurde jenseit der Weser das Georgsfort angelegt. Infolge der Kapitulation der hannoverschen Armee (1803) kam Hameln wieder in die Hände der Franzosen, von diesen 1806 an Preußen, am 8. November d. J. aber durch Kapitulation an jene zurück. Diese zerstörten die Festung, worauf Hameln an das Königreich Westfalen fiel. Seit 1814 wieder hannoverisch, kam Hameln 1866 unter preußische Herrschaft.

Bemerkenswert ist die Sage vom Rattenfänger von Hameln. Im Juni 1284 erschien nach der Tradition in Hameln ein Pfeifer, der sich erbot, gegen eine gewisse Summe alle Ratten aus der Stadt in die Weser zu treiben. Dies gelang ihm auch in der Tat mittels des Blasens auf seiner Pfeife. Da man dem Mann hierauf seinen Lohn vorenthielt, lockte er am nächsten Sonntag (26. Juni) während des Gottesdienstes durch sein Pfeifen alle Kinder aus den Häusern in den geöffneten nahen Koppenberg. Nur zwei Kinder hatten sich verspätet, so daß sich der Berg bei ihrer Ankunft schon wieder geschlossen hatte. Etwas später kam der Rattenfänger mit den Kindern in Siebenbürgen wieder zum Vorschein und gründete mit ihnen die Kolonie der siebenbürgischen Sachsen. Manche führen die Sage auf die Niederlage der Bürger von Hameln beim Dorf Sedemünde 1259 und ihre Gefangennahme durch den Bischof von Minden, andere auf einen Kinderkreuzzug zurück. Vielleicht hat nur ein mißgedeutetes Glasgemälde in der Hamelner Marktkirche oder eine mißverstandene Inschrift an einem Denkmal auf dem Koppenberg Veranlassung dazu gegeben. Die Sage hat Julius Wolff als Epos, Viktor Neßler als Oper bearbeitet.