Versailler Vertrag 1919

Versailler Vertrag

Der Vertrag von Versailles, der diktierte Frieden von 1919.

Vae victis! – Wehe den Besiegten!

Versailler Vertrag
Der vorausgedachte Versailler Vertrag in einer Karikatur von 1914: „Now Gents, which portion am I to carve for you!“ – (Nun meine Herren, welches Teil darf ich Ihnen abschneiden!): Belgien, Russland, Frankreich und Großbritannien teilen sich das geschlachtete Schwein Deutschland auf.

Versailler Vertrag

Am 18. Januar 1871 wurde, nach dem Sieg im Deutsch-Französischen Krieg, im Spiegelsaal zu Versailles der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen und der Norddeutsche Bund zum Deutschen Reich erweitert. Auf den Tag genau und 48 Jahre später ging mit der Eröffnung der Verhandlungen zum Versailler Vertrag das Wilhelminische Kaiserreich am selben Ort wieder unter. Ort und Datum waren nicht zufällig gewählt, man wollte den alten „Erbfeind“ Deutschland demütigen. Einmalig in der bisherigen europäischen Geschichte, die Sieger und davon gibt es plötzlich sehr viele, handeln den Friedensvertrag unter sich aus und schaffen so das längste und komplizierteste Vertragswerk mit einer Vielzahl neuer Konfliktherde. Erst am 7. Mai 1919 erhalten die Deutschen den fertigen Versailler Vertrag in französischer und englischer Sprache überreicht. Er sieht u.a. vor 13 % Deutschlands und alle Kolonien abzutreten, die Alleinschuld für den Ausbruch des Krieges zu übernehmen und die damals irrwitzige Summe von 226 Milliarden Goldmark (nach heutigen Wert ca. 2,8 Billionen Euro) an Reparationszahlungen zu leisten.

Raymond Poincaré

Raymond Poincaré
* 20.08.1860, Bar-le-Duc,
† 15.10.1934, Paris,
französischer Staatspräsident 1913 – 1920

Der französische Staatspräsident Raymond Poincarè eröffnet am 18. Januar 1919 den „Pariser Friedenskongress“, an dem 32 Staaten unter Ausschluss Deutschlands teilnehmen. Aus den in Versailles konferierenden Staaten entstand später der „Völkerbund“, der Vorläufer der heutigen UN.

Der Weltkrieg (1914 - 1918)
Der (Erste) Weltkrieg 1914 – 1918

Im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) stehen den vier Staaten der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanische Reich und Bulgarien) letztendlich 30 alliierte Staaten gegenüber, darunter das Britische Empire, Frankreich mit seinen Kolonien, das russische Zarenreich, Serbien, Rumänien, Italien, Portugal, China, Japan und die USA. Im direkten Kräfteverhältnis stehen 42,9 Millionen Soldaten der Entente den 24,2 Millionen Soldaten der Mittelmächte entgegen. Etwa 10 Millionen Soldaten (davon 1,8 Millionen Deutsche) verlieren im bis dahin schlimmsten Krieg ihr Leben. (Angaben nach Bertelsmann Universal Lexikon 1994)

Der Weltkrieg als Tauziehen
Der Weltkrieg als Tauziehen (das noch unentschlossene Italien, obwohl im Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbunden, entscheidet sich 1915 für die Ententemächte um seine Gebietsansprüche auf Kosten Österreichs durchsetzen zu können.
Die Mittelmächte Türkei, Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Bulgarien 1914
Die Mittelmächte Türkei, Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Bulgarien 1914
Die Entente-Staaten Großbritannien, Frankreich, Belgien und Russland 1914
Die Entente-Staaten Großbritannien, Frankreich, Belgien und Russland 1914

Die Vorgeschichte des Versailler Vertrags

Am 1. August 1915 bittet die amerikanische „United Press“ die kriegsführenden Mächte ihre Kriegsziele zu erläutern. Reichskanzler Bethmann Hollweg antwortet: „Der von uns erstrebte Frieden wird allen Völkern die Freiheit der Meere verschaffen und allen Nationen die Möglichkeit eröffnen, den Werken des Fortschritts und der Gesittung durch einen freien Verkehr in der ganzen Welt dienen.

Le partage de l'Allemagne en 1915 - Die Teilung Deutschlands nach französischen Vorstellungen 1915
Le partage de l’Allemagne en 1915 – Die Teilung Deutschlands nach französischen Vorstellungen 1915

Der Präsident Frankreichs Raymond Poincarè fordert die Annexion Elsaß-Lothringens und die Unabhängigkeit Belgiens, was ebenfalls die britische Regierung als ihr offizielles Kriegsziel betrachtet.

Der russische Zar Nikolaus II. beansprucht den Bosporus mit Konstantinopel (Istanbul).

Zar Nikolaus II.

Zar Nikolaus II.
* 18.05.1868 in Zarskoje Selo bei St. Petersburg,
† 16.07.1918 in Jekaterinburg ermordet;
1894 – 1917 russischer Zar (Kaiser).

Hinter den Kulissen hofft der französische Präsident auf ein zerbrechen der Einheit Deutschlands und der französische Schriftsteller Maurice Barrès plädiert in der Zeitung „L’Echo de Paris“ bereits für die Rheingrenze, das langersehnte Ziel französischer Außenpolitik seit Jahrhunderten und wie es sie während der Napoleonischen Fremdherrschaft mit dem Rheinbund (1806 – 1813) bereits für wenige Jahr gab. Weiterhin werden hier schon die Flüsse Oder und Neiße als Ostgrenze Deutschlands angegeben. Die Forderung dieser Grenzziehung, verbunden mit der Vertreibung der Deutschen und Italiener hinter die Linie StettinTriest, wurde schon auf dem Panslawistenkongress von 1848 in Prag erhoben und knapp 100 Jahre später nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 verwirklicht. Insgesamt erinnert die französische Karte von 1915 im Umriss stark an den Rheinbund bzw. an die heutige Bundesrepublik.

Deutschland nach französischen Plänen 1915
Deutschland und Österreich-Ungarn nach französischen Plänen 1915
"So wollten unsere Feinde Europa nach dem Kriege gestalten." Extra-Ausgabe der "Wiener Zeitung" vom 23. Mai 1915.
„So wollten unsere Feinde Europa nach dem Kriege gestalten.“ Extra-Ausgabe der „Wiener Zeitung“ vom 23. Mai 1915.

Konkrete Friedensbemühungen des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns gab es bereits seit 1916:

Bereits am 21. Dezember 1915 diskutierte der Reichstag auf Anfrage der Sozialdemokraten, „unter welchen Bedingungen der Reichskanzler bereit sei, in Friedensverhandlungen einzutreten„. Reichskanzler von Bethmann Hollweg antwortete: „Nicht um fremde Völker zu unterjochen kämpfen wir diesen uns aufgedrängten Kampf, sondern zum Schutz unseres Lebens und unserer Freiheit. Weder im Osten noch im Westen dürfen unsere Feinde von heute über Einfallstore verfügen.“ Die Deutschen, in ihrer übergroßen Mehrheit, glaubten einen Verteidigungskrieg zu führen.

Reichskanzler von Bethmann Hollweg

Theobald von Bethmann Hollweg
* 29.11.1856 in Hohenfinow,
† 01.01.1921 in Hohenfinow;
deutscher Reichskanzler von 1909 bis 1917

Am 28. September 1916 gab der britische Kriegsminister David Lloyd George die britischen Kriegsziele bekannt, demnach soll dem Deutschen Reich der „Knock-out“ versetzt werden, Preußens Vorherrschaft gebrochen, das Reichsland Elsass-Lothringen vom Reich abgetrennt werden und zwischen Deutschland und Russland ein polnischer Pufferstaat entstehen.

David Lloyd George

David Lloyd George
* 17.01.1863 in Manchester,
† 26.03.1945 in Llanystumdwy;
britischer Kriegsminister 1915 – 1916,
Premierminister 1916 – 1922

Die Donaumonarchie Österreich-Ungarn soll aufgelöst werden und der deutschsprachige Anteil am Vielvölkerstaat dem Deutschen Reich angegliedert werden. Diesen Vorschlag hatte Großbritannien dem Deutschen Reich schon vor den Krieg gemacht, was Kaiser Wilhelm II. aber damals als indiskutabel abgelehnt hatte. Als „Deutsch-Österreich“ sich 1919 dem Deutschen Reich tatsächlich anschließen wollte wurde das insbesondere auf Betreiben Frankreichs verboten.

Neu Europa, ein Europa ohne Deutschland und Österreich-Ungarn, Weltkriegspropaganda 1915
Neu Europa, ein Europa ohne Deutschland und Österreich-Ungarn, Weltkriegspropaganda 1915

Am 5. November 1916 proklamieren das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn das „Königreich Polen“, zunächst aber ohne genaue Grenzziehung, um die Polen zum Kampf gegen Russland zu mobilisieren.

Am 12. Dezember 1916 machten die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn den Ententemächten erstmals ein Friedensangebot, was diese aber am 30. Dezember 1916 ablehnten.

Kaiser Karl I.

Kaiser Karl I. von Österreich
* 17.08.1887 Schloss Persenbeug, (Niederösterreich),
† 01.04.1922 in Quinta do Monte (Madeira, Portugal),
1916 – 1918 als Karl I. Kaiser von Österreich und als Karl IV. König von Ungarn

Am 23. März 1917 wand sich Kaiser Karl I. von Österreich unter strenger Geheimhaltung über seinen Schwager an die Ententemächte und ließ seine Friedensbereitschaft erkennen (Sixtusaffäre). Die Franzosen sahen dieses Angebot aber nur als Zeichen der Schwäche und stellten Österreich-Ungarn unannehmbare Gebietsforderungen. Deutschland war schwer verärgert, zumal man infolge der Bündnistreue zu Österreich-Ungarn in den Krieg gezogen war.

L´union fait la force
L´union fait la force (Einheit ist Stärke)

Am 22. Dezember 1917 kam es im Osten zur Waffenruhe. In Brest-Litowsk verhandeln Vertreter der neuen Sowjetregierung mit Vertretern der Mittelmächte um einen Sonderfrieden.

Woodrow Wilson

Woodrow Wilson
* 28.12.1856 in Staunton, Virginia,
† 03.02.1924 in Washington, D.C,
US-Präsident von 1913 bis 1921

Am 8. Januar 1918 ergriff der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in seiner Jahresbotschaft an den Kongress eine neue Friedensinitiative und legte seinen 14 Punkte Plan vor, u.a. sollte Deutschland das Reichsland Elsass-Lothringen an Frankreich und preußische Provinzen im Osten an einen neuzubildenden polnischen Staat abtreten. Die Völker Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches sollten selbst über ihr Schicksal bestimmen dürfen. Wilson war alles andere als neutral und wollte vor allen Dingen die US-amerikanischen Kredite an die Ententestaaten sichern, von ihm ist die Aussage bekannt: „Ich habe Deutschland immer verabscheut. Ich bin dort nie gewesen.

Am 3. März 1918 schlossen die Mittelmächte in Brest-Litowsk mit der Sowjetregierung einen Sonderfrieden.

Am 20. März 1918 versuchte die österreichische Regierung in geheimen Gesprächen mit den Vereinigten Staaten einen Sonderfrieden zu erwirken, aber die Amerikaner stellten wiederum unannehmbare Bedingungen, die einer Auflösung Österreich-Ungarns gleichkamen.

Frieden im Osten
Frieden im Osten

Am 4. Juli 1918 nannte US-Präsident Wilson die amerikanischen Kriegsziele:

  1. Die Vernichtung der autokratischen, nicht auf den Willen eines Volkes beruhende Herrschaft.
  2. Die Vereinbarung aller Staaten ihre Konflikte in Zukunft am Verhandlungstisch unter Beachtung des Völkerrechts zu lösen.
  3. Die Anerkennung des Völkerrechts durch alle Völker der Erde.
  4. Die Einrichtung einer internationalen Friedensorganisation.

Am 27. September 1918 schlug die österreichisch-ungarische Regierung allen kriegsführenden Mächten vor Verhandlungen zu einem Verständigungsfrieden aufzunehmen. Die Alliierten wiesen diesen Vorschlag scharf zurück. Wilson ließ in einer Rede erkennen, dass man keine Verhandlungen mit Vertretern des kaiserlichen Deutschlands und Österreich-Ungarns führe und forderte zum Sturz der Monarchien in beiden Ländern auf.

Mitteleuropa 1914
Mitteleuropa 1914

Am 29. September 1918 schloss Bulgarien als erster Staat der Mittelmächte seinen Waffenstillstand mit der Entente, bald darauf folgte die Türkei.

Am 3. Oktober 1918 ernannte Kaiser Wilhelm II. seinen Cousin Max von Baden zum achten und letzten Reichskanzler des Kaiserreiches. Max von Baden hielt sich selbst für ungeeignet und und war nur aus Pflichtgefühl zu bewegen, das Amt des Reichskanzlers anzunehmen. Seiner Gesinnung entsprechend begann Max von Baden die Parlamentarisierung der Reichsregierung und ernannte auch erstmalig Sozialdemokraten als Minister in die Regierung. Die Sozialdemokraten machten jedoch keinen Hehl daraus, jeden Frieden, der vom Feind angeboten wird, anzunehmen. Am 3. Oktober 1918 ersuchte Reichskanzler Max von Baden die USA um Vermittlung eines Waffenstillstandes. Diese erklären sich nur dann bereit, wenn Deutschland von vornherein alle Forderungen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten anerkennen würde und eine vom Volk gebildete Regierung die Monarchie ablösen würde.

Der Vertrag von Berlin 1915 - die Teilung Deutschlands durch die Alliierten
„Der Vertrag von Berlin 1915“ – die Teilung Deutschlands durch die Alliierten

Grade der letzte Punkt, die Einmischung in die inneren Angelegenheiten war selbst für die deutschen Sozialdemokraten nicht akzeptabel. Max von Baden versuchte nun wiederholt die USA zu Friedensverhandlungen zu bewegen, aber diese blieben hart: „Wenn die Monarchie nicht abgeschafft wird (…), kann Deutschland über keinen Frieden verhandeln, sondern muss sich ergeben„, erklärte Wilson am 23. Oktober 1918. „Nach Eintreffen der zweiten Wilson-Note„, sagte Wilhelm II. später, „war mir klar, daß die Entente darauf ausging, die in mir verkörperte Einheit des Deutschen Reiches und die Machtstellung Preußens zu zertrümmern, durch die Beseitigung meiner Person den großen militärischen Sieg zu dokumentieren, der in Schlachtenerfolgen nicht erreichbar war.

In wenigen Tagen zwischen Oktober und November 1918 vollzog sich der Zusammenbruch der Donaumonarchie. Zahlreiche Länder Österreich-Ungarns erklären ihre Unabhängigkeit und bildeten eigene nationale Regierungen.

In Deutschland sprachen sich nun zahlreiche sozialdemokratische Zeitungen für einen Sturz Kaiser Wilhelms II. aus. Der Kaiser verließ am 29. Oktober 1918 Berlin und reiste in das deutsche Hauptquartier nach Spa. Der preußische Kriegsminister Heinrich Scheuch fasste das Ergebnis zusammen: „Die Abdankung ist Zwang und bleibt Zwang.“ Um Kaiser Wilhelm II. nun möglichst schnell los zu werden, erwogen auch einige Zeitgenossen den Gedanken, der Kaiser solle „an der Front den Soldatentod finden„.

Anfang der Revolution
Anfang der Revolution – Die sich in See zu gehen weigernde Mannschaft S.M.S. Thüringen wird von U-Kreuzern und Torpedobooten zur Kapitulation gezwungen.

Die Novemberrevolution 1918

Anfang November 1918 begannen in Kiel immer mehr Matrosen der Kaiserlichen Marine zu meutern. In Berlin wurden Pläne bekannt, dass von der sowjetrussischen Botschaft in Zusammenarbeit mit deutschen revolutionären Gruppen ein Umsturz vorbereitet wurde. Die deutsche Regierung wies den sowjetischen Botschafter Adolf Joffe umgehend aus Deutschland aus. Auch der britische Geheimdienst tat sein möglichstes um den Widerstand von Innen auszuhöhlen. Schon im Jahre 1917 verkündete der britische Blockademinister Lord Robert Cecil dem schweizerischen General Wille auf dessen Hinweis, dass die deutschen Heere doch unbesiegbar seien: „…aber wir verlassen uns auf den Deutschen Reichstag.“ Am 16. November 1917 bat der britische Premierminister Lloyd Georg mit den Worten: „Deutsche können nur durch Deutsche besiegt werden“ um die Bewilligung von 25 Millionen Pfund (etwa 500 Millionen Mark) für subversive Zwecke. Die Spionageabteilung des Französischen Generalstabes baute von Holland ein Netz von Agenten über ganz Deutschland auf. Der französische Leutnant Pierre Desgranges, der unter dem Decknamen Joseph Crozier arbeitete, rühme sich später in seinen Memorieren „En mission chez l’ennemi“ seiner subversiven Tätigkeit innerhalb der radikalen Linken in den Jahren 1917 und 1918 in Deutschland mit den Worten: „Die deutsche Revolution ist zu dem von uns festgelegten Zeitpunkt ausgebrochen.

La Fin du rêve
„La Fin d’un Rêve“ – Das Ende eines Traums…

Der deutsche Geheimdienst hatte es übrigens zuvor in Russland nicht anders gemacht: Um aus dem mörderischen Zweifrontenkrieg auszubrechen schmuggelte man den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im April 1917, ausgestattet mit einem beachtlichen Geldbetrag, aus seinem Schweizer Exil in einem verplombten Zug quer durch Mitteleuropa nach Russland um dort die Revolution voranzutreiben. Der große Coup gelang, in Russland brach im Herbst 1917 die Revolution aus und die Mittelmächte konnten mit der neuen Sowjetregierung den erhofften Separatfrieden schließen.

Kaiser Wilhelm II.

Kaiser Wilhelm II.
* 27.01.1859 in Berlin,
† 04.06.1941 in Doorn (Niederlande),
1888 – 1918 Deutscher Kaiser und König von Preußen

Am 9. November 1918 brach in Deutschland die Revolution aus, wie ein Kartenhaus brachen jahrhundertealte Monarchien zusammen und überall bildeten sich Soldaten und Arbeiterräte. Reichskanzler Max von Baden versuchte Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung zu bewegen, da er befürchtete, die Revolution werde sich, wie in Russland 1917 geschehen, immer mehr radikalisieren. In Spa erklärten die Frontgenerale nicht mehr für den Kaiser kämpfen zu wollen und telegrafieren nach Berlin, dass „mit einem Thronverzicht des Kaisers zu rechnen sei.“ 

Max von Baden

Max von Baden
* 10.07.1867 in Baden-Baden,
† 06.11.1929 in Konstanz;
achter Reichskanzler vom 03.10.1918 bis 09.11.1918

Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete daraufhin offiziell die Rücktrittserklärung des Kaisers, die dieser gar nicht erklärt hatte. Auch wollte Wilhelm II. ausdrücklich, wie er in einem Telegramm mitteilte, nicht auf seinen Königsthron in Preußen verzichten, aber das interessierte in Berlin schon niemanden mehr. Max von Baden trat am selben Tag zurück, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief, von einem Fenster des Reichtages, die erste deutsche Republik aus. Wenige Stunden später proklamierte Karl Liebknecht (Unabhängiger Sozialist) die „Sozialistische Republik“ vom Balkon des Berliner Schlosses. Friedrich Ebert (SPD) erklärte sich zum neuen Reichskanzler und verkündete der Bevölkerung: „Der heutige Tag hat die Befreiung des Volkes vollendet.Wilhelm II. verzichtete erst am 28. November 1918 offiziell auf den Thron. Symbolische „Ausrufung“ bzw. „Proklamation“ haben staatsrechtlich gesehen keine Bedeutungen, da Kaiser Wilhelm II. erst am 28. November abdankte bestand die Monarchie in Deutschland bis zu diesem Datum weiter.

Wilhelm II. auf Wanderschaft
Wilhelm II. auf Wanderschaft

Die Beseitigung der Monarchie in Deutschland

Nun war der Wille der Alliierten erfüllt, die Monarchie beseitigt und die Waffenstillstandsverhandlungen konnten beginnen. Die Abschaffung der Monarchie in Deutschland war von den Ententemächten aber keinesfalls als Wohltat für das deutsche Volk gedacht. Großbritannien, Italien, Belgien, Japan, Rumänien, Portugal, um nur einige der Gegner zu nennen, besaßen selbst Monarchien und dies auch über 1918 hinaus. Die deutsche Innen- und Außenpolitik wurde nicht von Kaiser Wilhelm II. gestaltet, auch wenn dieser immer wieder gerne tief eingriff. Deutschland war von 1871 – 1918 eine parlamentarische Monarchie mit einem gleichen, direkten Wahlrecht mit geheimer Abstimmung. Die Siegermächte von 1918 kannten die integrierende Wirkung einer Monarchie grade auf große föderale Staaten sehr wohl, auch deshalb wurde der neu geschaffene südslawische Vielvölkerstaat als „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (späteres Jugoslawien) am 1. Dezember 1918 proklamiert.

Les 20 Princes
„Les 20 Princes“ – 20 Herrscher in Deutschland, die 1918 ihren Thron verloren

Vielmehr erhoffte man sich nun ein Auseinanderfallen des ungeliebten Nachbarn, damit Deutschland dann, wie vor 1871 mit sich selbst zu tun hatte; divide et impera (teile und herrsche) ist ein sehr altes Prinzip der Herrschenden. In der Donaumonarchie Österreich-Ungarn gingen die Pläne der Alliierten auf, der Vielvölkerstaat zerfiel. Das Chaos dieses Zerfalls, verbunden mit neuen Grenzen die die Völker mehr teilten als einten, ist bis in unsere heutige Zeit hinein spürbar. Zwar fiel Deutschland durch Unruhen, Umstürze und bürgerkriegsähnliche Zustände in Chaos und Anarchie (eine wirkliche und planvolle Revolution hatte es 1918 nicht gegebenen) aber Bayern, Rheinländer, Sachsen, Schlesier usw. waren durch das gemeinsame Erleben des Deutschen Kaiserreichs bereits zum deutschen Volk verschmolzen und Separatisten aller Schattierungen hatten letztendlich keine Chance. Große Verdienste um die Einheit Deutschlands in dieser schweren Zeit erwarb sich dabei der sozialdemokratische Reichskanzler Friedrich Ebert, der mit der eisernen Faust eines Gustav Noske (Sozialdemokrat, Reichswehrminister 1919/20) das Land in jenen schweren Tagen zusammen hielten.

Straßenkämpfe in Berlin
Straßenkämpfe in Berlin, Zweifronten-Barrikade in der Schützenstraße

Die Hungerblockade nach dem Waffenstillstand

Am 11. November 1918 diktierte der französische Marschall Ferdinand Foch der deutschen Waffenstillstandsdelegation die Bedingungen zur Beendigung der Kampfhandlungen die einer Kapitulation gleichkamen. Auch hielten die Siegermächte die Blockaden der deutschen Häfen aufrecht und damit gelangten weiterhin keine Lebensmittel ins Land, ja selbst der Fischfang in der Ostsee wurde vom britischen Flottenkommandanten unterbunden.

Winston Churchill

Winston Churchill
* 30.11.1874,
† 24.01.1965;
Erster Lord der Admiralität 1911 -1915,
britischer Premierminister (1940–1945 und 1951–1955)

Die Auswirkungen dieser Blockade waren verheerend und haben in den neun Monaten nach dem Waffenstillstand den Tod von über 800.000 Menschen im Deutschen Reich bewirkt. Winston Churchill erklärte am 14. März 1919 vor dem englischen Unterhaus: „…die Blockade [werde] mit Nachdruck durchgesetzt. Diese Waffe des Aushungerns ist vornehmlich auf die Frauen und Kinder gerichtet, die Alten, die Kranken und die Armen…

Deutschland nach dem Versailler Vertrag, 1919
Deutschland nach dem Versailler Vertrag, 1919

Die Verhandlungen zum Versailler Vertrag

Am 18. Januar 1919 begrüßte der Präsident der Französischen Republik, Reymond Poincaré, im Großen Saal des Quai d’Orsay Präsident Wilson und eröffnete die Friedenskonferenz zu der 27 Nationen ihre Vertreter nach Paris geschickt hatten. Schon in den ersten Worten Poincares konnte man jene französische Hartnäckigkeit erkennen, die später die ganze Versailler Konferenz beherrschte und dann zu diesem katastrophalen Ergebnis führte. Poincaré endete seine Begrüßung, indem er sich an Wilson wandte und prophetisch sagte: „Sie halten in Ihren Händen die Zukunft der Welt.“ Kaum hatte Poincaré geendet, erhob sich Präsident Wilson und schlug den französischen Kriegsminister Georges Clemenceau (von ihm stammt der Satz „Der Fehler der Deutschen ist, dass es 20 Millionen zu viel von ihnen gibt„) als dauernden Vorsitzenden des Friedenskongresses vor. 

Georges Clemenceau

Georges Clemenceau
* 28.09.1841 in Mouilleron-en-Pareds,
† 24.11.1929 in Paris;
französischer Ministerpräsident 1906 – 1909,
Ministerpräsidenten und Kriegsminister 1917 – 1920,
Vorsitzende während der Versailler Verhandlungen der Siegermächte 1919.

Lloyd George und der italienische Vertreter Sonnino schlossen sich ihm an. So wurde der schärfste Vertreter der französischen Revanche der wichtigste Mann der gesamten Friedenskonferenz. Man einigte sich auf die „Verantwortlichkeit der Urheber des Krieges“ und „Sanktionen gegen die während des Krieges begangenen Verbrechen“ als einen der ersten Tagungspunkte. Von den Reparationen wurde vorläufig noch nicht gesprochen, doch gerade sie sollten den entscheidenden Punkt des Vertrages von Versailles bilden. Jene Männer, die nun in Paris zusammengetreten waren, um Frieden auszuhandeln, der die Zukunft Europas garantieren sollte, waren erschreckender Weise mit der zu behandelnden Materie nicht immer ganz vertraut.

Donnerwetter! Wo ist denn nun mein Vaterland?
Donnerwetter! Wo ist denn nun mein Vaterland?

Andre Tardieu, die rechte Hand Clemenceaus, verfügte wie so viele der alliierten Friedensmacher nur über unzureichende geografische und geschichtliche Kenntnisse. So schrieb er unter anderem: „Wieder einmal glaubte Deutschland, den Weg nach Paris erzwingen zu können. Sechs Monate Blutbad verschlossen den Pfad. Unser defensiver Sieg ermöglichte die italienischen Siege in Galizien und in der Bukowina.“ (dort kämpfte die österreichisch-ungarische Armee gegen die Russen).
Lloyd George wieder wandte sich in einer Besprechung ganz offen an Philipp Kerr: „Bitte helfen Sie mir aus. Ist es Ober- oder Niederschlesien, was wir abtreten wollen?
Dieses Schlesien hatte es überhaupt in sich. Viele Politiker in Versailles verwechselten nach Angaben von J. H. Edwards Schlesien dauernd mit Zilizien (Silesia und Cilicia).

Oberschlesier! Bayern, Oberländler kommen Euch zu Hilfe!
Oberschlesier! Bayern, Oberländler kommen Euch zu Hilfe!

Obwohl Lloyd George wiederholt die besonderen geografischen Kenntnisse Sir Maurice Hankeys rühmte, glaubte Hankey dennoch, dass Belgrad (Serbien) die Hauptstadt von Bulgarien war, und Lloyd George selbst, von dem der amerikanische Staatssekretär Lansing sagte, „dass er (Lloyd George) eine Gebietsfrage zu erörtern wagte, ohne genau zu wissen, wo das Gebiet liege …„, gestand im Unterhaus fröhlich ein, er wisse nicht, wo Teschen liege, und er habe auch niemals von einem solchen Ort gehört. Marschall Foch hielt Köln für einen Eisenbahnknotenpunkt in der Pfalz, und Clemenceau meinte, die Eisenbahn von Köln nach Paris führe durch holländisches Gebiet. Präsident Wilson wiederum scheint Lille als einen festen Platz am Rhein angesehen zu haben und sprach von Rastatt als einem Brückenkopf am Rhein. Der amerikanische Präsident erkundigte sich bei Nicholson nach der „Brunner“ Grenze (Brenner), als er seine Südtiroler Entscheidung vorbereitete, von der er später zu Baker sagte: „Die Entscheidung reut mich, ich kannte die Situation nicht, als die Entscheidung getroffen wurde.“ Nicht alle haben diese erschütternde Tatsache so ehrlich eingestanden.

Germania am Marterpfahl
Germania 1919: Wenn auch entwaffnet und gefesselt, Am Himmel leuch’t ein Hoffnungsstrahl. Es naht die Stunde der Erlösung Germania’s am Marterpfahl!

Mit dieser mangelhaften geografischen und völkerkundlichen Kenntnis machten hauptsächlich die Italiener, die Polen und die Tschechen das größte politische Geschäft ihres Lebens. Die Tschechen nannten alle sudetendeutschen Städte und Dörfer mit den tschechischen Namen und erweckten so den Eindruck, als lebten die Deutschen nur zufällig in tschechischen Ortschaften. Die Polen legten sogar eine gefälschte Karte von 1772 vor, auf die rein deutsche Gebiete als polnische verzeichnet waren. All das wurde widerspruchslos anerkannt.

Deutscher Michel 1919
Deutscher Michel 1919: Schwarz die Zukunft, Rot die Gegenwart, Golden die Vergangenheit!

Die Italiener wiederum präsentierten durch ihren Außenminister Sonnino die Fantasiekarten des Ettore Tolomei um so ihre Ansprüche an Südtirol zu beweisen. Obgleich Ettore Tolomei österreichischer Staatsangehöriger war, betrieb er seit der Jahrhundertwende auf dem Papier eine pseudowissenschaftliche Italianisierung Südtirols, indem er völlig willkürlich teils in Übersetzungen, teils in Fantasienamen die urdeutschen Städte und Dörfer verwelschte. Er erfand für Goldrain = Coldrano, für Glarns = Cologna, für Abtei = Badia, für Sterzing = Vipiteno, für Innichen = San Candido und übersetzte andere Namen, etwa Altenburg in Castel vecchio, Dreikirchen in Tre chiese, Siebeneich in Sette querce usw. So entstand auch Bolzano für Bozen und Merano für Meran, obwohl diese Städte nie zuvor italienische Namen besaßen. 1904 erkletterte Ettore Tolomei einen Berg, der schon in der Zeitschrift des Alpenvereins im Jahrgang 1896 Glockenkarkopf oder Klockerkarkopf genannt wurde. Das schien Signore Tolomei nicht schön genug und er nannte den Berg „Vetta d’Italia“, Gipfel Italiens. Diese fantastische Spielerei wurde von der italienischen Regierung in Versailles als eine offizielle Regelung der Tiroler Landschaft ausgegeben. Es war eine glatte Fälschung. Dennoch erreichten auch die Italiener damit ihr Ziel.

Österreich Grenze
Italiener stürmen die österreichische Grenze

Zitate zum Versailler Vertrag

Philip Snowden (britischer Parlamentarier) charakterisierte den Versailler Vertrag wie folgt: „Der Vertrag dürfte Briganten, Imperialisten und Militaristen zufrieden stellen. Er ist ein Todesstoß für alle diejenigen, die gehofft hatten, das Ende des Krieges werde den Frieden bringen. Es ist kein Friedensvertrag, sondern eine Erklärung für einen weiteren Krieg. Es ist der Verrat an der Demokratie und an den Gefallenen des Krieges. Der Vertrag bringt die wahren Ziele der Verbündeten an den Tag.

Lord Curzon (ab 1919 englischer Außenminister) erklärte, der in Versailles erreichte Vertrag sei „kein Friedensvertrag, er ist einfach eine Unterbrechung der Feindhandlungen.

Lloyd George (ab 1916 englischer Premierminister) bemerkte 1919 zum Versailler Vertrag: „Wir haben ein schriftliches Dokument, das uns Krieg in zwanzig Jahren garantiert. Wenn Sie einem Volk Bedingungen auferlegen, die es unmöglich erfüllen kann, dann zwingen Sie es dazu, entweder den Vertrag zu brechen oder Krieg zu führen. Entweder wir modifizieren diesen Vertrag und machen ihn für das deutsche Volk erträglich oder es wird, wenn die neue Generation herangewachsen ist, es wieder versuchen.“ Lloyd George sollte mit seiner Vorhersage sogar auf das Jahr genau Recht behalten, denn 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus!

Die Weimarer Republik

Nationalversammlung in Weimar 1919, 10 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 10 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 15 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 15 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 25 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 25 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 30 Pfennig
Nationalversammlung in Weimar 1919, 30 Pfennig

Die am 19. Januar 1919 gewählte und am 6. Februar in Weimar eröffnete Nationalversammlung nahm am 10. Februar eine Notverfassung an, wählte am 11. Februar Friedrich Ebert (SPD) zum vorläufigen Reichspräsidenten, der Philipp Scheidemann (SPD) zum Reichskanzler (Reichsministerpräsident) ernannte und genehmigte am 21. Februar einstimmig den Zusammenschluss mit Deutsch-Österreich.

Friedrich Ebert

Friedrich Ebert
* 04.02.1871 in Heidelberg,
† 28.02.1925 in Berlin;
am 11. Februar 1919 von der Nationalversammlung in Weimar zum provisorischen Reichspräsidenten gewählt. Am 24.10.1922 erklärte der Reichstag den Sozialdemokraten zum ersten verfassungsmäßigen Reichspräsidenten und setzte seine Amtsdauer fest. Sie wäre am 30. Juni 1925 beendet gewesen.

Der Vertrag von St. Germain löste die Donaumonarchie völlig auf und versagte Deutsch-Österreich gegen den Willen der Mehrheit seiner Bevölkerung die Vereinigung mit dem Deutschen Reich. So begreiflich auch die französische Überlegung erscheint, dass ein Block von 70 Millionen Deutschen auf die Dauer zur stärksten Macht in der Mitte Europas werden würde, bleibt die eindeutige Verletzung des Selbstbestimmungsgedankens unbestreitbar.

Philipp Scheidemann

Philipp Scheidemann
* 26.07.1865 in Kassel,
† 29.11.1939 in Kopenhagen;
erster Ministerpräsident (SPD) der Weimarer Republik vom 13. Februar bis 20. Juni 1919. Da er die Bedingungen des Versailler Vertrags nicht akzeptieren will, tritt er zurück.

Im Vertrauen auf US-Präsident Wilson und seinen 14 Punkteplan hatten die Deutschen die Waffen niedergelegt und mussten bald mit Schrecken feststellen, dass sie nicht einmal zu den Verhandlungen eingeladen wurden. In Versailles gerieten die Sieger über die verschiedenen Punkte des zu erstellenden Friedensvertrages bald hart aneinander. Von Wilsons Plan blieb plötzlich fast nichts mehr übrig. Das zu 88 % deutschsprachige Elsaß-Lothringen wurde französisch, das Rheinland sollte 15 Jahre besetzt werden und das abgetrennte Saarland ebenso. Posen, Westpreußen und Oberschlesien sollten zu Polen kommen, das zu 99 % deutschsprachige Danzig unter polnische Verwaltung gestellt werden. Von Wilsons Plan mit den Punkten der Selbstbestimmung für alle Völker war für das deutsche Volk nichts mehr übrig geblieben.

Ulrich von Brockdorff-Rantzau

Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau
* 29.05.1869 in Schleswig,
† 08.09.1928 in Berlin;
deutscher Außenminister 1918/1919

Das Diktat von Versailles

Am 7. Mai 1919 übergibt der Leiter der Konferenz, der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau, der deutschen Delegation den von den Siegermächten fertig formulierten Vertragstext des Versailler Vertrags mit den Worten: „Wir sind einmütig entschlossen, sämtliche zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um jede uns geschuldete berechtigte Genugtuung zu erhalten.“ Die deutsche Delegation erhielt das fertige Vertragswerk, welches einem Diktat gleichkam, überreicht und hatte lediglich 14 Tage Zeit für eine Stellungnahme. Im Falle einer Ablehnung drohten die Alliierten sofort den Krieg weiterführen. Der deutsche Delegationsleiter, Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, war die schwere Aufgabe zugefallen das Vertragswerk in Versailles entgegen zunehmen. Clemenceau begrüßte ihn mit den Worten: „Die Stunde der Abrechnung ist gekommen…“ Graf Brockdorff-Rantzau entgegnete ihm: „Wir kennen die Macht des Hasses, die uns hier gegenübertritt, und wir haben die leidenschaftliche Forderungen vernommen, dass uns die Sieger gleichzeitig als Besiegte zum Zahlen zwingen und als Schuldige bestrafen wollen. Es wird von uns verlangt, dass wir uns endlich als die Alleinschuldigen am Kriege bekennen sollen – ein solches Bekenntnis wäre aus meinem Munde eine Lüge. Verbrechen im Kriege mögen nicht zu entschuldigen sein, aber die geschehen im Ringen um den Sieg, in der Sorge um das Dasein der Nation, in einer Leidenschaft, die das Gewissen der Völker abstumpft. Die Hunderttausende aber, die nach dem Kriege an der Blockade zugrunde gingen, wurden mit kalter Überlegung getötet, nachdem der Sieg errungen und verbürgt war. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.

Deutsches Reich nach dem Versailler Vertrag 1919
Deutsches Reich nach dem Versailler Vertrag 1919

Der Vertrag bestimmte die Annexion von 13 Prozent des Reichsgebietes durch Polen, die Tschechoslowakei, Litauen, Dänemark, Belgien und Frankreich. Das Reich verlor ca. 6 Millionen Einwohner, davon über 3 Millionen deutschsprachige. Besonders demütigend empfanden die Deutschen den Kriegsschuldparagrafen, der sie zum alleinigen Schuldigen am Ausbruch des Krieges erklärte. Ursprünglich hatten die Sieger sogar einen Kriegsverbrecherprozess gegen Kaiser Wilhelm II. angestrengt, nahmen aber bald davon Abstand, da Holland die Auslieferung des Asylanten verweigerte. Das politische Klima in Europa war auf Jahre hinaus vergiftet, in allen Ländern hatten Radikale und Nationalisten Hochkonjunktur. Die Deutschen fühlten sich zutiefst gedemütigt und forderten Revision und Revanche. Der russische Kommunist und Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin bemerkte: „Der Keim eines neuen Krieges wird in dem ungerechten Friedensvertrag des eben zu Ende gegangenen Krieges gelegt.“ Als der französische Generalfeldmarschall Foch beim ersten Blick auf die von den Diplomaten in Versailles eben enthüllte politische neue politische Landkarte Europas schaute, zeigte er mit dem Finger auf die grade neue geschaffene „Freie Stadt Danzig“ und sprach: „Hier beginnt der nächste Krieg!“ Auch er sollte mit seiner Prognose Recht behalten.

Deutschland vor dem Versailler Vertrag

Deutsches Reich 1871-1918 (Kaiserreich), Landkarte
Deutsches Reich 1871-1918 (Kaiserreich), Landkarte

Deutschland nach dem Versailler Vertrag

Deutsches Reich und Deutsch-Österreich 1919
Deutsches Reich und Deutsch-Österreich 1919

Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau, der deutsche Außenminister, verwahrte sich bei der Entgegennahme des Vertragstextes gegen die alleinige Kriegsschuld: „Wir bestreiten nachdrücklich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist.Reichskanzler Philipp Scheidemann (SPD) bezeichnet den Vertrag als „ein befristetes Todesurteil für Deutschland„.

Niemals vergessen! Gedenkmarken
Niemals vergessen! Gedenkmarken

Am 12. Mai 1919 erklärte die deutsche Nationalversammlung einstimmig, der Vertrag ist unannehmbar. Die Regierungspresse in Frankreich und Großbritannien jubelt über das Ergebnis der Konferenz: „Frankreich hat die Maximalforderungen durchgesetzt.“ Die Londoner „Daily Herold“ kommentiert am 9. Mai: „Die Bedingungen der Entente sind schamlos und abgeschmackt, sie sind Vorspiel neuen Rassenhasses und eines neuen Krieges.“

Verlorenes - doch nicht vergessenes Land
Verlorenes – doch nicht vergessenes Land

Am 20. Juni lehnen Reichskanzler Philipp Scheidemann und sein Außenminister Graf Ulrich von Brockdorff-Rantzau die Unterzeichnung des Vertrages ab und treten zurück. Auf der Straße kommt es zu leidenschaftlichen Kundgebungen, in Berlin verbrennen Studenten alte französische Fahnen, die im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 erbeutet wurden und jetzt ausgeliefert werden sollten. In der Bucht von Scapa Flow befiehlt Konteradmiral Ludwig von Reuter der internierten Kaiserlichen Marine die Selbstversenkung, da er annahm, die Kriegsschiffe würden bei einer Weiterführung des Krieges gegen Deutschland eingesetzt.

S.M.S. Großer Kurfürst. Zur Erinnerung an 1918 Scapa Flow 1919. Zum Wohle der Heimat - Die Heimat gemieden - Von allen verlassen - Doch wir sind geblieben.
S.M.S. Großer Kurfürst. Zur Erinnerung an 1918 Scapa Flow 1919. Zum Wohle der Heimat – Die Heimat gemieden – Von allen verlassen – Doch wir sind geblieben.

Nach dem Rücktritt Scheidemanns bildete der Sozialdemokrat Bauer am 21. Juni 1919 ein neues Ministerium. Am 22. Juni 1919 beschließt die Nationalversammlung mit den Stimmen von Sozialdemokraten (SPD), Unabhängigen Sozialdemokraten (Linke) und Zentrum (Vorläufer der CDU) die Annahme des Vertrages, lehnt aber ausdrücklich die Anerkennung des Kriegsschuldparagraphen und die Auslieferung der sogenannten Kriegsverbrecher ab.

Am 31. Juli wurde die endgültige neue deutsche Verfassung der Weimarer Republik angenommen und am 11. August veröffentlicht. Infolge eines am 13. März 1920 in Berlin unternommenen Militärputsches zum Sturze der Regierung unter Führung des Generallandschaftsdirektors Kapp (Kapp-Putsch) kam es dort, in Leipzig und anderen Orten zu blutigen Kämpfen zwischen den Regierungstruppen und den radikalen Gegendemonstranten.

Am 28. Juni 1919 wurde der Friedensvertrag in Versailles unterzeichnet und am 9. Juli von der Nationalversammlung ratifiziert.

Wer ist Militarist? Von 1700-1914 führte England 49 Kriege, Preußen 13 Kriege, Frankreich 35 Kriege.
„Wer ist Militarist? Von 1700-1914 führte England 49 Kriege, Preußen 13 Kriege, Frankreich 35 Kriege.“

Deutschlands Gebietsverluste nach dem Versailler Vertrag

Memelgebiet an Litauen

2708 km²
140.746 Einwohner
71.156 Deutsche

Trotz überwiegend deutscher Bevölkerung wird 1920 das Memelgebiet, der nördliche Teil der Provinz Ostpreußen, mit der Stadt Memel offiziell, unter französischer Verwaltung, dem Völkerbund unterstellt. Am 16. Februar 1923 erfolgte die gewaltsame Annexion und Angliederung an Litauen.

Memelland, Vignette
Memelland, Vignette

Posen, Westpreußen und Oberschlesien an Polen

46.136 km²
3.927.000 Einwohner
1.500.000 Deutsche

Die Provinz Posen und die größten Teile der Provinz Westpreußen gehen ohne jegliche Volksabstimmung an Polen. In Oberschlesien stimmen 61 % der Einwohner für den Verbleib in Deutschland. Das für Deutschland günstige Abstimmungsergebnis versucht der polnische Abstimmungskommissar Wojciech Korfanty zu unterlaufen. Er ruft seine Landsleute zum offenen Kampf für ein polnisches Oberschlesien auf (Korfanty-Aufstand). Seine Freikorps stoßen auf erbitterte Abwehr deutscher Selbstschutzverbände unter General Höfer. Nach dem Aufmarsch britischer Truppen im Juni 1921 ziehen sich die siegreichen deutschen Verbände und die geschlagenen Polen in ihre Ausgangsstellungen zurück. Nach dem Genfer Schiedsspruch des Völkerbundsrates vom 12.10.1921 wird gegen den in Plebiszit eindeutig bekundeten Willen der Bevölkerung ein großer Teil Oberschlesiens von Deutschland abgetrennt. Im Oktober 1921 erfolgt auf Empfehlung des tschechoslowakischen Staatspräsidenten die Aufteilung Oberschlesiens. Städte mit deutscher Mehrheit wie Kattowitz 57% und Königshütte 75 %, sowie 75 % Steinkohleförderung und 80 % der Blei- und Zinkerzeugung gehen dem Deutschen Reich verloren. 1,4 Millionen Deutsche lebten nun unterdrückt in Polen.

Posen, Vignette
Posen, Vignette
Oberschlesien, Vignette
Oberschlesien, Vignette

Danzig, die Hauptstadt Westpreußens

1920 km²
330.252 Einwohner
315.021 Deutsche

Die fast ausschließlich von Deutschen bewohnte Stadt Danzig (seit 1237 deutsches Stadtrecht), die Hauptstadt der Provinz Westpreußen, wird am 10.1.1920 ohne Plebiszit und gegen den ausdrücklichen Wunsch der Bevölkerung zur „Freistadt Danzig“ erklärt. Die Stadt steht unter dem „Schutz“ des Völkerbundes in enger wirtschaftlicher Verbindung mit Polen. Polen versucht in den folgenden Jahren, die Stadt mit allen Mitteln unter seine vollständige Kontrolle zu bringen. 1921 werden Polen im Warschauer Abkommen weitgehende Rechte eingeräumt, so gestattet der Völkerbund die Errichtung eines Stützpunktes auf der strategisch wichtigen Danziger Westerplatte. Die ausgeblutete Stadt muss die Hälfte der Kosten für den Bau des polnischen Munitionslagers (3.000.000 Gulden) aufbringen. 1925 lässt Polen in der Innenstadt polnische Briefkästen aufstellen mit der Begründung, die Innenstadt gehöre zum Hafengebiet in dem Polen zuständig sei. Am 1.9.1939 beginnt hier durch den deutsch-polnischen Konflikt der Zweite Weltkrieg.

Danzig, Vignette
Danzig, Vignette

Elsass-Lothringen an Frankreich

14.522 km²
1.874.014 Einwohner
1.634.260 Deutsche

Das Reichsland Elsass-Lothringen geht ohne Plebiszit an Frankreich. Alle nach 1870 zugewanderten Deutschen werden vertrieben. Es folgt eine radikale Unterdrückung der deutsche Sprache. Deutsch ist bis heute keine anerkannte Minderheitensprache.

Elsaß, Vignette
Elsaß, Vignette

Der Plan den Rhein als Ostgrenze Frankreichs festzulegen reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück und wurde sowohl von den französischen Königen wie auch den Republikanern mit derselben Leidenschaft vorangetrieben. In der Renaissance kam es in Frankreich in schwärmerischer Verklärung  zur Identifikation und Gleichsetzung mit Gallien. So forderte Jean le Bon (1319 – 1364) in seinem „Le Rhin au Roy“ (Der Rhein gehört dem König) Frankreich nach Osten bis zum Rhein auszudehnen, um so das alte Gallien wieder erstehen zu lassen: „Wenn Paris den Rhein trinkt, hat Gallien sein Ende wieder„. Bei diesen Forderungen spielte es keine Rolle, dass der Rhein auf beiden Seiten immer nur von Deutschen bewohnt wurde. Das in sich selbst zerstrittene und ohne starke Zentralgewalt weitgehend führungslose alte Deutsche Reich (HRRDN) hatte nicht die Kraft der französischen Expansions- und Annexionspolitik etwas entgegenzusetzen. Während das Reich seine ganze Kraft in den Türkenkriegen gegen die von Frankreich unterstützten Osmanen einsetzen musste, drangen die Franzosen in zahllosen Einfällen und Kriegen bis in das Elsass ein und dehnten so die Grenze an den Oberrhein aus. Obwohl diese Gebiete nie zuvor zu Frankreich gehört hatten, nannte die Franzosen ihre Eroberungen ganz selbstverständlich „Reunion“ also Wiedervereinigung.

Lothringen, Vignette
Lothringen, Vignette

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kam das Land wieder zu Deutschland. Weitere Informationen siehe auch „Die Wacht am Rhein

Saarland an Frankreich

Das Saarland, der südliche Teil der Provinz Rheinland, wurde für 15 Jahre dem offiziell dem Völkerbund unterstellt. Frankreich ist in dieser Zeit Besatzungsmacht und beutet die Kohlevorräte aus. Am 13. Januar 1935 votierten 90,8 % der Bevölkerung für die Rückkehr ins Deutsche Reich.

Saarkind 1935
„Die Saar kehrt heim!“, Sondermarke 1935

Nordschleswig an Dänemark

3878 km²

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) bestimmte der Versailler Vertrag die Durchführung einer Volksabstimmung nach der von Napoleon III. 1866 durchgesetzten Einschränkung (Artikel 5). Um Dänemark einen möglichst großen Gebietszuwachs sicherzustellen wurde Schleswig in drei Abstimmungszonen eingeteilt. Die nördlichste, bis zur sogenannten Clausenlinie (nach dem Dänen Clausen 1891 vorgeschlagenen Grenzziehung), musste geschlossen „en bloc“ abstimmen, wodurch das Schicksal diesen Gebietes von vornherein festgelegt wurde. In den beiden südlichen Zonen sollte stattdessen eine gemeindeweise Abstimmung stattfinden. In der 1. Zone votieren erwartungsgemäß 74,2 % der Stimmberechtigten für Dänemark, in der 2. Zone 80 % für Deutschland. Städte wie Sonderburg (56 %), Tondern (77 %) und Apenrade (55,1 %), die mehrheitlich für Deutschland votiert hatten, fielen so an Dänemark. In der besonders hart umkämpften Stadt Flensburg der 2. Abstimmungszone votierte eine überwältigende Mehrheit für den Verbleib in Deutschland, dadurch unterblieb die Abstimmung in der 3. Zone wegen Aussichtslosigkeit. Die neue Grenzziehung brachte eine erhebliche deutsche Minderheit unter dänischer Herrschaft, Schleswig-Holstein verlor so Nordschleswig mit 3878 km² an Dänemark. Eine Entscheidung über die Rechte der jeweiligen Minderheiten kam erst 1955 zustande. Bis heute ist die Grenzziehung vom dänischen Parlament nicht anerkannt worden. Anfang 2017 fordert der Vize-Chef der Dänischen Volkspartei, Søren Espersen: „Wir hätten gerne ein Dänemark bis zur Eider. (…) Natürlich. Das muss auch die Idee der dänischen Minderheit sein, sonst verstehe ich gar nichts“.

Flüchtlinge aus Sonderburg
Flüchtlinge aus Sonderburg

Eupen, Malmedy und St. Vith an Belgien

989 km²
60.924 Einwohner
50.387 Deutsche

Der Provinz Rheinland gehen die Städte Eupen, Malmedy und St. Vith verloren. Der Versailler Vertrag bestimmt im Artikel 34.: „Deutschland verzichtet außerdem zugunsten Belgiens auf alle Rechte und Ansprüche auf das gesamte Gebiet der Kreise Eupen und Malmedy. Während sechs Monaten nach Inkrafttreten des gegenwärtigen Vertrags werden von der belgischen Behörde in Eupen und Malmedy Listen ausgelegt; die Einwohner dieser Gebiete sind berechtigt, darin schriftlich den Wunsch auszudrücken, dass diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Souveränität verbleiben. Es ist Sache der belgischen Regierung, das Ergebnis dieser Äußerung der Bevölkerung zur Kenntnis des Völkerbundes zu bringen, dessen Entscheidung anzunehmen sich Belgien verpflichtet.“ Die Belgier drohen der Bevölkerung mit Vertreibung, Kürzung der Lebensmittelkarten und Ausschluss vom Geldumtausch. Am 24. Juli 1920 stimmen unter diesem Druck nur 270 von rund 35.000 Stimmberechtigten gegen einen Anschluss beider Kreise an Belgien, obwohl Eupen zu 100 Prozent deutschsprachig ist. Die Abstimmung war nicht geheim und erfolgte über einen sogenannten öffentlichen Listeneintrag. Die deutsche Regierung protestiert am 9. Juli 1920 erfolglos gegen diese Manipulation. Belgien annektiert die Städte Eupen, Malmedy und St. Vith. Ein Versuch die rein deutschsprachigen Gebiete über Rückgabeverhandlungen wiederzuerlangen blieben aufgrund französischen Widerstands erfolglos.

Eupen-Malmedy, Vignette
Eupen-Malmedy, Vignette

Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei

333 km²
50.000 Einwohner

Das Unrecht am Hultschiner Ländchen
Das Unrecht am Hultschiner Ländchen

Ohne Volksabstimmung und unter Protest seiner Bevölkerung wurde am 4.2.1920 das wegen seiner Steinkohlevorkommen wirtschaftlich bedeutende Gebiet der Provinz Schlesien an die Tschechoslowakei abgetreten. Das Gebiet wird 2 unterschiedlichen Verwaltungsgebieten zugeteilt, bis auf 2 Schulen werden alle deutschen Schulen geschlossen. In einer auf privater Basis durchgeführten Abstimmung sprachen sich 93,7 % für einen Verbleib in Deutschland aus.

Es haben bei der Parlamentswahl abgestimmt:
Deutsch = 16.243
Tschechisch = 7570

Hultschiner Ländchen, Vignette
Hultschiner Ländchen, Vignette

Deutschlands Kolonien nach dem Versailler Vertrag

Deutsch-Südwestafrika an Südafrika:

Am 9. September 1914 erklärt Südafrika Deutschland den Krieg und greift in Deutsch-Südwestafrika die Station Ramansdrift an. Die Deutschen besetzen die britische Grenzstation Nakab und am 10. September die Walfischbucht. Die Engländer kreuzen vor der Lüderitzbucht mit 2 Kreuzern, 4 Torpedobooten und 12 Transportschiffen und schiffen 8000 Mann aus. Im Februar 1915 rückt der südafrikanische General Botha mit ca. 60.000 gut ausgerüsteten und ausgebildeten Mann in Deutsch-Südwestafrika ein.
Am 9. Juli 1915 kommt es zum Waffenstillstand „unter ehrenvollen Bedingungen“ unterzeichnet von Dr. Seitz und General Botha. Alle deportierten Deutschen können wieder zurück, die deutschen Betriebe, Schulen und Krankenhäuser nehmen ihre Arbeit wieder auf.
1918 erklären die Briten das Waffenstillstandsabkommen zwischen Seitz und Botha für nichtig, über 6000 Deutsche (vorwiegend Beamte und Militärs) werden ausgewiesen. Im Versailler Vertrag tritt das Deutsche Reich seine Rechte entschädigungslos an Südafrika ab.

Deutsch-Ostafrika teilen sich Großbritannien und Belgien

Entgegen der Verpflichtungen in der Kongoakte Artikel 11, „einen europäischen Krieg nicht auf die zentralafrikanischen Kolonien zu übertragen“, eröffneten die Briten in Deutsch-Ostafrika die Kampfhandlungen. Ein englisches Kriegsschiff beschoss am 5. August 1914 den Dampfer „König“ und wenig später die Funkstation des Hafens von Daressalam. Der Kommandeur der Schutztruppe von Lettow-Vorbeck organisiert den deutschen Widerstand. In der Schlacht von Tanga besiegen die deutschen Truppen (200 Deutschen und 900 Askari) 8000 Engländer und Inder. Da sich die deutschen Truppen nahezu im gesamten Gebiet behaupten können, organisieren die Briten 1916 unter dem südafrikanischen General Smuts eine gewaltige Streitmacht von 300.000 Mann (Engländer, Buren, Inder, Portugiesen und Belgiern). Diese stehen 3000 Deutschen und 4700 verbündeten Askari gegenüber. 1916 übernimmt Belgien die Verwaltung in Ruanda und Burundi. Lettow-Vorbecks Truppen müssen sich er schließlich 1918 in Abercorn auf Befehl der deutschen Regierung (Waffenstillstand in Europa) ergeben.

Kamerun teilen sich Großbritannien und Frankreich

Anfang August 1914 verweigert Großbritannien die Neutralitätserklärung des Schutzgebietes Kamerun und beginnt zusammen mit französischen und belgischen Truppen die Kampfhandlungen. Oberstleutnant Zimmermann übernimmt mit einer kleinen Schutzgruppe aus Deutschen und Einheimischen die Verteidigung und steht einer Übermacht von 60.000 Engländern, Franzosen und Belgiern gegenüber. Englische und französische Kriegsschiffe beschießen Duala. Durch eine Seeblockade sind die deutschen Schutztruppen von jeglichem Nachschub abgeschnitten. Im Versailler Vertrag tritt das Deutsche Reich seine Rechte entschädigungslos an Großbritannien und Frankreich ab. Altkamerun wird Mandatsgebiet des Völkerbundes und zwischen England und Frankreich aufgeteilt, das 1911 erworbene Neukamerun wird der französischen Kolonie Äquatorialafrika einverleibt.

Togo teilen sich Großbritannien und Frankreich

Die vom stellvertretenden Gouverneur von Döring Angang August 1914 verfügte Neutralitätserklärung Togos wird von den Briten abgelehnt. Englische und französische Truppen überschreiten die Grenzen und greifen die deutschen Stationen an. Am 25. August finden Übergabeverhandlungen statt, von Döring erreichte die Garantie , den in Togo ansässigen deutschen Firmen ihr Eigentum zu belassen. In einem Geheimvertrag zwischen England und Frankreich im Jahr 1916 kommt es zur Aufteilung Togos. Entgegen ihren Zusagen schließen und liquidieren die Engländer sämtliche deutschen Firmen, alle Männer werden ins französische Dahomey interniert und später nach Frankreich überführt. Die meisten werden erst 1918 nach Deutschland ausreisen dürfen.

Deutsche Südsee-Schutzgebiete teilen sich Australien und Japan

Die japanische Marine besetzt Anfang August 1914 die Karolinen, Palau, Marianen und Marschall-Inseln. Rabaul auf Deutsch-Neu-Guinea wird von den Australiern besetzt. Japan und Australien teilen sich die Deutschen Südsee-Schutzgebiete auf.

Samoa an Neuseeland

Am 29. August gehen 1400 neuseeländische Soldaten in Apia, der Hauptstadt Samoas an Land, der deutsche Gouverneur lehnt die Übergabe ab und wird als Kriegsgefangener nach Fiji überstellt. Die Engländer liquidieren alle deutschen Handelsniederlassungen, die deutsche „Samoaische Zeitung“ wird verboten. Im Versailler Vertrag tritt das Deutsche Reich seine Rechte entschädigungslos ab. 1920 erhält Neuseeland das ehemalige Deutsch-Samoa als Völkerbundsmandat.

Kiautschou an Japan

Am 15. August 1914 stellt Japan dem Deutschen Reich ein 24 Stunden Ultimatum zur bedingungslosen Übergabe des Pachtgebietes Kiautschou in China. Das Ultimatum bleibt unbeantwortet. Den Japanern gelingt es trotz haushoher Überlegenheit (65.000 japanische Soldaten sowie einige englische Verbände gegen 4800 deutsche Soldaten) nicht die Deutschen zu bezwingen. Erst als den Verteidigern am 7. November die Munition ausgeht müssen sie sich ergeben und werde in eine 5-jährige Kriegsgefangenschaft nach Japan überführt. Der Versailler Vertrag bestimmt in seinen Artikeln 156 bis 158, dass das Deutsche Reich alle seine Rechte an Kiautschou, ebenso Eisenbahnen, Bergwerke und die Unterseekabel entschädigungslos an Japan abtreten muss.

Österreich-Ungarn

Die Siegermächte überreichten auch Österreich ultimativ die Bedingungen zum Frieden. Der Nationalversammlung in Wien bleibt nichts anderes als der Unterzeichnung des Vertrages zuzustimmen. Diese erfolgt am 10. September 1919 in St-Germain-en-Laye bei Paris. Die Alliierten erklären Österreich und Ungarn zu selbstständigen Staaten und machen auch Österreich für den Krieg verantwortlich. Italien erhält, wie von den Ententemächten vor dem Kriegseintritt versprochen, trotz der dort lebenden 250.000 deutschen Einwohner Südtirol, außerdem Triest mit Istrien und Teile Dalmatiens.

Südtirol deutsch seit 1200 Jahren
Südtirol deutsch seit 1200 Jahren

Kaiser Karl und Kaiserin Zita fühlten sich in Österreich nicht mehr sicher und befürchteten wie die Romanows in Russland ermordet zu werden. Mit dem Hofzug reisten sie am 22. Oktober nach Ungarn, trafen in Debreczen ein und fuhr nach dem Jagdschloss Gödöllo weiter. Die Ententemächte schicken ihn später auf die Atlantikinsel Madeira (Portugal) in die Verbannung, wo er am 1. April 1922 in Quinta do Monte im Alter von 34 Jahren an Lungenentzündung starbt.
Am 28. Oktober 1918 erfolgte die Proklamation der Tschechoslowakei, die in Böhmen aber nur das tschechisch besiedelte Land umfasste. Einen Tag später, am 29. Oktober erklärten die aus BöhmenMähren und Österreichisch-Schlesien stammenden Reichsratsabgeordneten die Bildung von Deutschböhmen und Sudetenland. Am 11. November 1918 begann die völkerrechtswidrige Besetzung der Gebiete durch tschechische Truppen, die bis Februar 1919 andauerte. Auf Betreiben Frankreichs wurde am 27. Februar 1919 der Anschluss Deutschböhmens und Sudetenlands an die Tschechoslowakei durchgesetzt. Die darauf folgenden Protesten in verschieden Städten wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen, wobei 54 Menschen getötet und ca. 1000 verletzt wurden. Nach dem Diktat von Saint Germain vom 10. September 1919 erfolgte am 5. November 1919 die staatsrechtliche Anerkennung dieser Annexion.

Ungarn 896 - 1918
Ungarn 896 – 1918

Die Regierung in Budapest musste 1920 den Friedensvertrag von Trianon anerkennen, nach dessen Bedingungen Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets an die Tschechoslowakei, Rumänien, den südslawischen Staat (Jugoslawien) und Österreich abzutreten hatte.

Die wichtigsten Bestimmungen des Versailler Vertrages

Was wir verlieren sollen! (1919)
Was wir verlieren sollen! 20 % unserer Produktionsgebiete, 10 % der Bevölkerung, 1/3 der Steinkohlenerzeugung, 1/4 der Gesamtproduktion, 4/5 der Eisenerzschätze, Unsere gesamten Kolonien und unsere Handelsflotte.
  • Gebietsverluste von 13% (70.551 km²) und damit 10% der Bevölkerung, ca. 6 Millionen davon 3.791.000 Deutsche.
  • Handelsflotte: Die deutsche Handelsflotte und die deutschen Telegrafenkabel müssen ausgeliefert werden.
  • Deutsche Kolonien: Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo, Samoa, Deutsche-Südsee-Schutzgebiete (Neuguinea), Kiautschou und das deutsche Eigentum im Ausland gehen verloren.
  • Reparationssumme: Die Höhe der Reparationszahlungen wird im Vertrag nicht festgelegt, sondern einer Reparationskommission überlassen. Die Ablieferung von 5000 Lokomotiven, 150.000 Waggons und 5000 LKWs als erste Reparationslieferung bringt das öffentliche Transportwesen nahezu zum Erliegen. Ab 1921 hat Deutschland 226 Milliarden Goldmark (das entspricht nach heutigem Goldwert ungefähr der Summe von 2,8 Billionen Euro) zu zahlen, des Weiteren sind jährlich 12 % des Wertes des deutschen Exportes (etwa 1 bis 2 Milliarden Goldmark) abzuführen.
  • Rheinland: Das linke Rheinufer und die Brückenköpfe werden für 15 Jahre von Frankreich, USA, England und Belgien militärisch besetzt.
  • Truppenstärke: Das Berufsheer wird auf eine Truppenstärke von 100.000 Mann, die Marine auf 15.000 Mann beschränkt.
  • Urheberparagraf: Der Artikel 231 stellt fest, dass Deutschland mit seinen Verbündeten „als Urheber“ des Krieges für alle Kriegsschäden der Alliierten verantwortlich sei. Artikel 231 des Versailler Vertrages: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.
  • Bewaffnung: Der Besitz und die Herstellung von Panzer-, Gas-, Luft-, und U-Boot-Waffen werden verboten.

Unter dem Druck eins möglichen Endes des Waffenstillstandes durch die Alliierten stimmt die Reichsregierung dem Friedensvertrag am 23. Juni 1919 zu. Am 20. Januar 1920 tritt der Vertrag in Kraft, der Erste Weltkrieg ist damit auch formell beendet. Der Versailler Vertrag wird einmütig als „Diktat“ oder „Unrechtsfrieden“ empfunden. Die USA unterzeichnen den Vertrag nicht und schließen einen eigenen Friedensvertrag ab. 1921 ermorden rechtsradikale Attentäter in Deutschland den Vertragsunterzeichner Reichsfinanzminister Matthias Erzberger.

Was ist eigentlich in Deutschland los?
Was ist eigentlich in Deutschland los? (1920er Jahre)

Die Bundesrepublik Deutschland musste seit 1953 wieder Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag leisten, die erst im Jahr 2010 abgeschlossen wurden.

70. Jahrestag des Versailler Vertrages - Polen 1989
70. Jahrestag des Versailler Vertrages – Polen 1989

Besonders empfohlen sei hier noch einmal der Beitrag: „Herfried Münkler – Irrtümer und Illusionen im großen Krieg“ Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschreibt im Forum des Bundestages in einem Vortrag die Irrtümer, Illusionen und Fehler, die zum Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) führten.

Den gesamten Versailler Vertrag im Originaltext (französisch, englisch und in der amtlichen Übersetzung in deutsch) kann man unter www.versailler-vertrag.de nachlesen.

Quellenhinweise:

  • „Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878 – 1918“ von Wilhelm II. Verlag K.F. Koehler
  • „Meyers Lexikon“ in 12 Bänden Bibliographisches Institut Leipzig 1924
  • „Geschichte des Deutschen Reiches 1871 – 1924“ von Johannes Hohlfeld, Verlag von G. Hirzel in Leipzig 1924
  • „Dreibund- und Entente-Politik in der Alten und Neuen Welt“ von Constantin Dumba, Amalthea-Verlag 1931
  • „Chronik des 20. Jahrhunderts“ Chronik Verlag 1994
  • „Der Erste Weltkrieg“ von Janusz Piekalkiewicz, ECON Verlag 1999
  • www.versailler-vertrag.de
Reichsadler 1889-1918

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